In Berlin mangelt es noch immer flächendeckend an Lehrkräften.

In Berlin mangelt es noch immer flächendeckend an Lehrkräften.

Foto: dpa/Soeren Stache

Die übliche Katastrophe: Wer die Standards der untersten Kompetenzstufe nicht erreicht, schreibt das Berliner Institut für Schulqualität, dem fehlen »basale Kenntnisse, um ein selbstbestimmtes und beruflich erfolgreiches Leben bestreiten zu können«. In den achten Klassen der Berliner Sekundarschulen gilt das in den Fächern Deutsch und Mathematik für mehr als die Hälfte der Schüler. Das zeigen die Ergebnisse der Vera-Vergleichsarbeiten, die im Frühjahr geschrieben wurden. Zur Einordnung gehört allerdings, dass diese Arbeiten auch Inhalte aus dem nächsthöheren Schuljahr abfragen.

Bildung wird fast zwangsläufig im Fokus der nächsten Legislatur stehen. Berlin werde 2031 unter den »besten fünf Bundesländern« stehen, versprach der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) beim CDU-Landesparteitag in der vergangenen Woche. Aktuell steht die Hauptstadt im bundesweiten Vergleich im unteren Mittelfeld. Wie man nach oben kommt, da gehen die Vorstellungen auseinander. Deutlich wird das am Dienstagabend bei einer Podiumsdiskussion der Spitzenkandidaten der Parteien.

»Der zentrale Punkt in der nächsten Wahlperiode wird sein, Schulstress abzubauen«, sagt Werner Graf, Spitzenkandidat der Grünen. Kinder sollten wieder Spaß beim Lernen haben. Daher plädiere er für ein Ende von Hausaufgaben. Zugleich müsse an den Schulen weniger benotet werden. »Wir können Kinder anders bewerten«, ist Grafs Ansicht. Auch die Linke-Spitzenkandidatin Elif Eralp spricht sich gegen eine »Fixierung auf Ziffernoten« aus. »Wenn wir da so viel Druck reingeben, dann wird das nicht funktionieren«, lautet ihr Befund.

Die Berliner Schulpolitik bewegt sich indes in eine andere Richtung: Am Donnerstag vergangener Woche empfahl der Bildungsausschuss des Abgeordnetenhauses, das Schulgesetz zu ändern. Zu den bereits jetzt geschriebenen Vera-Vergleichsarbeiten in der dritten und achten Klassen sollen sogenannte »Re-Tests« in den Klassenstufen vier und neun hinzukommen. Für die dazwischenliegenden Jahrgangsstufen soll ebenfalls ein Vergleichsinstrument entwickelt werden. Selbst in den ersten und zweiten Klassen sollen die Schüler dann ihre Leistung nachweisen müssen. Dafür wird das Diagnosetool »Stars« verwendet. Stars steht als Abkürzung für »Stark in die Grundschule«.

Die so gewonnenen Erkenntnisse über den Leistungsstand der Schüler stellen den Kern der »datengestützten Schulentwicklung« dar, die von der Bildungssenatsverwaltung unter Senatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) angestrebt wird. Sie sollen genutzt werden, um Förderbedarfe frühzeitig zu erkennen und den Erfolg unterschiedlicher pädagogischer Ansätze zu vergleichen. Vorbild für die Reform ist die Hansestadt Hamburg, die sich mit einem ähnlichen Modell bei Bildungsvergleichen in die bundesweite Spitzengruppe vorgearbeitet hat.

»Wir brauchen regelmäßige Rückmeldung darüber, was der Stand der Schüler ist«, verteidigt Senatorin Günther-Wünsch, die am Dienstag Kai Wegner vertritt, die angestrebte hohe Prüfungsdichte. Die Bewertung in einem einheitlichen System von Ziffernoten sei zudem notwendig, um Schülern den Schulwechsel aus und in andere Bundesländer zu ermöglichen.

Weniger strittig ist zwischen den Parteien, an welchen Schulen die Schüler lernen sollen. »Es wird auch weiterhin Gymnasien geben«, sagt SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach. »Aber die Priorität wird der Ausbau von Gemeinschaftsschulen sein.« Während die SPD nur unkonkret von einem Ausbau der Schulform spricht, in der von der ersten bis zur zehnten Klasse gemeinsam gelernt wird, streben Grüne und Linke ihren Wahlprogrammen zufolge eine Verdopplung der Zahl der Gemeinschaftsschulen an. Bislang sind unter den 700 Berliner Schulen gerade mal 25 Gemeinschaftsschulen.

Eine solche Gemeinschaftsschule hätte ihn bei seinem Bildungsweg unterstützt, glaubt Grünen-Primus Werner Graf. Er habe vom Gymnasium abgehen müssen, weil er in Latein schlecht war, obwohl er in Mathe gute Leistungen erbracht habe. »Dann habe ich auf der Realschule schlechten Matheunterricht bekommen. Das bringt doch nichts.«

Auch Katharina Günther-Wünsch plädiert für einen Ausbau – »aus Überzeugung«, wie sie sagt. Sie war zeitweise selbst Leiterin einer Gemeinschaftsschule, der Walter-Gropius-Schule in Neukölln. Als es um die Rolle von Gymnasien geht, wird es dann doch hitzig auf dem Podium. Linke-Politikerin Elif Eralp wirft dem schwarz-roten Senat vor, die Eliteschulen einseitig zu fördern, während andere Schulformen das Nachsehen hätten.

»Das ist schlicht eine Lüge«, entgegnet die Bildungssenatorin. »Wir haben keinen Ausbau in diesen Größenordnungen vorgenommen.« Die Gymnasien würden bei der Personalausstattung nicht bevorzugt. Das zeige sich daran, dass es dort sehr große Klassen mit durchschnittlich 35 Schülern gebe, während der Schnitt an Integrierten Sekundarschulen um knapp zehn Schüler tiefer liege. Einen Hieb in Richtung des zweiten Berliner Weges zum Abitur kann sie sich allerdings nicht verkneifen: Die Oberstufen, die das Abitur an den Sekundarschulen ermöglichen, seien »der größte Personalfresser«. Effizienter wäre es, würden sich mehrere Sekundarschulen Oberstufen teilen.

»Die ehrliche Antwort ist, dass man in fünf Jahren den Lehrkräftemangel nicht abschaffen wird.«


Katharina Günther-Wünsch (CDU) Bildungssenatorin

Personal bleibt an den Schulen ohnehin das größte Problem. Flächendeckend mangelt es an Lehrkräften. Glaubt man den Zahlen der Bildungsverwaltung, dann allerdings deutlich weniger als noch vor drei Jahren. Von 1000 auf 200 Vollzeitäquivalente habe sich die Lücke verkleinert, postulierte die Verwaltung zu Jahresbeginn.

Doch die Zahlen haben einen Haken: Sie beruhen vor allem auf statistischen Umdeutungen, ohne dass tatsächlich deutlich mehr Lehrkräfte hinzukommen. So müssen etwa Referendare seit 2024 drei Stunden mehr unterrichten. Bei den 3000 Berliner Lehramtsanwärtern entspricht das allein bereits knapp 400 »zusätzlichen« Stellen. Zuletzt erhöhte sich das Lehrkräftedefizit wieder auf 600 Stellen. Grund dafür war keine plötzliche Kündigungswelle, sondern eine Abmachung zwischen der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft und der Bildungsverwaltung, die vorsieht, dass Lehrkräfte an Brennpunktschulen weniger unterrichten müssen.

Zuletzt sorgte ein Brandbrief aus Marzahn-Hellersdorf für Aufsehen. Dort sei der Mangel inzwischen so groß, dass an manchen Schulen die Stundentafel nicht mehr abgedeckt werden könne. Schnelle Aussicht auf Besserung gibt es nicht. »Die ehrliche Antwort ist, dass man in fünf Jahren den Lehrkräftemangel nicht abschaffen wird«, sagt Katharina Günther-Wünsch.

Eine Idee, wie man das Problem lösen könnte, hat SPD-Mann Steffen Krach. »Wir müssen die Lehrkräftebildung aus den Universitäten rausziehen«, sagt er. Berlin solle eine eigene Hochschule für Lehrkräftebildung einrichten, »mit einem absoluten Fokus ausschließlich auf Ausbildung«, so Krach. Aktuell säßen die Lehramtsstudierenden an Universitäten gemeinsam mit zukünftigen Wissenschaftlern in einem Hörsaal. Die Lehrinhalte überstiegen häufig bei Weitem das, was an den Schulen wirklich benötigt werde – während didaktische Qualifikation eine Nebenrolle spiele. Auf diesem Weg könne man die Abbruchquote senken und so mehr Lehrkräfte an die Schulen bringen.

Eine solche eigenständige Bildungsstätte gab es in Westberlin bereits bis 1980 in Form der Pädagogischen Hochschule. Krach hatte bereits in seiner Amtszeit als Wissenschaftsstaatssekretär im rot-rot-grünen Senat zwischen 2016 und 2021 versucht, etwas Vergleichbares wieder einzuführen, scheiterte aber am Widerstand der Universitäten, die um ihre Pfründe fürchteten.

Eine eigene Universität einzurichten, dürfte wohl ohnehin länger dauern, als es in einer Legislatur möglich ist. Übergangsweise will Krach daher die Kapazitäten für Lehrkräfteausbildung an den Hochschulen erhöhen. Wäre da nicht ein Problem: Die wurden gerade erst von seiner Genossin, der Wissenschaftssenatorin Ina Czyborra (SPD) gesenkt, um die Sparziele des Senats einhalten zu können.