Mit einer feierlichen Vernissage wurde am Mittwochabend in der Kapelle des Medizin-Campus Steintor der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg die Fotoausstellung „Der besondere Blick – Die Ästhetik anatomischer Präparate“ eröffnet. Zahlreiche Gäste nutzten die Gelegenheit, die außergewöhnlichen Arbeiten des Hallenser Fotografen Steffen Schellhorn erstmals in dieser Form zu erleben. Die Ausstellung präsentiert eindrucksvolle Fotografien anatomischer Präparate aus den Meckelschen Sammlungen und eröffnet den Besucherinnen und Besuchern ungewohnte Perspektiven auf den menschlichen Körper.
Bereits die besondere Atmosphäre der ehemaligen Krankenhauskapelle verlieh der Veranstaltung einen würdigen Rahmen. Musikalisch begleitet von Saxophonklängen begrüßte Dr. Claudia Steinicke, Kustodin der Meckelschen Stiftungen, die Gäste und führte in das Ausstellungskonzept ein. Sie betonte die enge Verbindung von Medizin und Kunst, die in den gezeigten Fotografien auf besondere Weise sichtbar werde. „Wir präsentieren Ihnen heute die Arbeiten des Halleschen Fotografen Steffen Schellhorn, der sich bei den Präparaten der Meckelschen Sammlungen auf die Suche nach dem Mikrokosmos in unserem Körper begeben hat“, sagte Steinicke.
Faszinierende Einblicke in den Mikrokosmos des Menschen
Die Ausstellung zeigt anatomische Präparate, die ursprünglich für Forschung und Lehre angefertigt wurden. Durch Schellhorns fotografischen Blick verwandeln sich diese wissenschaftlichen Objekte jedoch in kunstvolle Kompositionen, die an Pflanzen, Korallen oder abstrakte Skulpturen erinnern. Die Fotografien machen Strukturen sichtbar, die im Original oft nur wenige Zentimeter groß sind und dem menschlichen Auge normalerweise verborgen bleiben.
Für Steffen Schellhorn begann das Projekt vor rund einem Jahr eher zufällig. Im Auftrag einer Zeitung fotografierte er die Sonderausstellung „Die Kunst der Präparation“, die anlässlich des zehnjährigen Jubiläums der Meckelschen Sammlungen als national wertvolles Kulturgut gezeigt wurde. Besonders die sogenannten Korrosionspräparate hinterließen bei ihm einen nachhaltigen Eindruck.
„Ich war von diesen Präparaten so unglaublich fasziniert, vor allem von den Korrosionspräparaten, die ich vorher noch nie gesehen hatte“, erinnerte sich der Fotograf während der Ausstellungseröffnung. Aus dieser Begeisterung entstand schließlich die Idee, die historischen Präparate in einem eigenen Fotoprojekt festzuhalten und später auch in einer Publikation zu veröffentlichen.
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Wenn Blutgefäße wie Bonsais wirken
Die Fotografien laden dazu ein, Bekanntes neu zu entdecken. Besonders eindrucksvoll ist ein Korrosionspräparat der Niere, das Schellhorn als eines seiner Lieblingsmotive bezeichnet. Die feinen Verästelungen der Blutgefäße erinnerten ihn unmittelbar an einen Baum. „Meine erste Assoziation war, dort einen kleinen Bonsai zu sehen. Ein Bonsai, ein Baum, der im Körper wächst“, erklärte er. Diese Sichtweise verdeutlicht den Ansatz der Ausstellung: Anatomische Präparate werden nicht nur als wissenschaftliche Objekte betrachtet, sondern auch als Zeugnisse der Schönheit und Komplexität der Natur.
Viele der gezeigten Motive entfalten ihre Wirkung gerade durch die Vergrößerung. Was im Original oft nur wenige Zentimeter misst, erscheint auf den Fotografien als filigrane Landschaft oder organische Skulptur. Schellhorn, der sich seit vielen Jahren mit Makro- und Mikrofotografie beschäftigt, versteht es, diese Strukturen sichtbar zu machen und ihre ästhetische Wirkung hervorzuheben. „Richtig belichtet, zeigt so ein kleines Präparat eine Vielfalt an Form und auch an Schönheit“, sagte der Fotograf. Seine Bilder offenbaren dabei Details, die selbst Fachleute häufig erst auf den zweiten Blick wahrnehmen.
Historische Präparate als Kunstwerke
Während des Rundgangs erläuterte Dr. Claudia Steinicke die wissenschaftliche Bedeutung der ausgestellten Objekte. Viele der Präparate stammen aus dem 18. und 19. Jahrhundert und wurden mit aufwendigen Verfahren hergestellt. Besonders die Korrosionspräparate dienten dazu, den Verlauf von Blutgefäßen sichtbar zu machen. Dazu wurden einst geschmolzene und eingefärbte Massen in die Gefäßsysteme injiziert. Anschließend entfernte man das umgebende Gewebe, sodass die feinen Gefäßstrukturen als dreidimensionale Modelle erhalten blieben. Die so entstandenen Präparate beeindrucken noch heute durch ihre Detailtreue und ihre filigrane Gestaltung.
Zu den weiteren Höhepunkten der Ausstellung gehören fein gearbeitete Knochenschnitte, die die innere Architektur des menschlichen Skeletts sichtbar machen, sowie sogenannte Sprengschädel. Diese Präparate zeigen die einzelnen Bestandteile von Schädeln verschiedener Tiere in einer auseinandergezogenen Darstellung und wurden einst für die anatomische Ausbildung verwendet. Besondere Aufmerksamkeit erhält auch das Motiv der Leber, das sowohl die Ausstellung als auch die begleitende Publikation prägt. Auf den ersten Blick erinnert die Aufnahme eher an eine Koralle aus der Unterwasserwelt als an ein menschliches Organ. Gerade diese überraschenden Assoziationen machen den Reiz der Ausstellung aus.

Neue Perspektiven auf die Anatomie
Die Ausstellung verdeutlicht eindrucksvoll, dass wissenschaftliche Präparate weit mehr sind als Lehrmaterialien. Sie sind zugleich Zeugnisse handwerklicher Meisterschaft, historischer Forschung und natürlicher Schönheit. Die Fotografien schlagen eine Brücke zwischen Wissenschaft und Kunst und laden dazu ein, den menschlichen Körper mit anderen Augen zu betrachten.
Ausgehend von der Jubiläumsausstellung der Meckelschen Sammlungen entstand neben der Fotoausstellung so auch eine neue Publikation mit den Fotografien Schellhorns. Unterstützt wurde das Projekt durch den Förderverein der Meckelschen Sammlungen der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.
Die Ausstellung „Der besondere Blick – Die Ästhetik anatomischer Präparate“ ist vom 19. Juni bis zum 10. Juli 2026 in der Kapelle des Medizin-Campus Steintor in Halle (Saale) zu sehen. Geöffnet ist sie jeweils mittwochs bis freitags von 12.30 bis 17.30 Uhr. Der Eintritt ist frei.
Zur Person: Steffen Schellhorn
Steffen Schellhorn wurde 1962 in Halle (Saale) geboren. Nach einem Studium des Ingenieurbauwesens machte er nach der politischen Wende sein Hobby zum Beruf. Seit 1991 arbeitet er als freier Pressefotograf vor allem in Mitteldeutschland für Zeitungen, Zeitschriften und Fotoagenturen. Sein besonderes Interesse gilt der Naturfotografie und dem Mikrokosmos, also den oft übersehenen kleinen Strukturen und Details der Umwelt. Diese Leidenschaft hat er in zahlreichen Fotoprojekten und Ausstellungen umgesetzt. Darüber hinaus veröffentlichte er bislang sieben Bücher über Halle (Saale) sowie ein weiteres Werk über den Saalekreis.
Die Meckelschen Sammlungen
Die Meckelschen Sammlungen der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg gehören zu den bedeutendsten anatomischen Sammlungen Deutschlands. Ihren Ursprung haben sie in der berühmten Anatomenfamilie Meckel, die über mehrere Generationen hinweg wirkte. Die Sammlung umfasst zahlreiche historische Präparate aus dem 18. bis 20. Jahrhundert und dokumentiert eindrucksvoll die Entwicklung der Anatomie und medizinischen Lehre. Aufgrund ihrer herausragenden wissenschafts- und kulturhistorischen Bedeutung wurden die Meckelschen Sammlungen im Jahr 2015 als nationales wertvolles Kulturgut anerkannt. Heute dienen sie sowohl der Forschung und Lehre als auch der öffentlichen Wissensvermittlung.




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