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Hamburg damals: Erster Spatenstich in der Hafencity (4 Min)

Stand: 19.06.2026 16:30 Uhr

Vor 25 Jahren hat der Bau der Hamburger Hafencity begonnen – ein einzigartiges Projekt in Europa. Ein „Mann der ersten Stunde“ erzählt über die Anfangszeit und verrät, welcher Schachzug den erfolgreichen Start erst ermöglichte.

von Marc-Oliver Rehrmann

Vier Herren im dunklen Anzug, vier Spaten und ein Haufen heller Sand: So sieht am 20. Juni 2001 der erste Spatenstich für den neuen Stadtteil in Hamburg aus. „Der Anfang der Hafencity ist gemacht“, wird das „Hamburger Abendblatt“ am folgenden Tag schreiben. Die Stadt will die Innenstadt zum Wasser hin erweitern. Ein Mix aus Büros, Wohnen, Handel und Freizeit soll entstehen. Das ist der große Plan. Dafür soll ein 155 Hektar großes Gebiet der Hafenwirtschaft entzogen werden – zwischen Speicherstadt und Elbufer.

„Der Standort hat uns sofort zugesagt“

Spatenstich für das SAP-Gebäude in der Hamburger Hafencity mit Senator Thomas Mirow

So fängt alles an: Der Spatenstich für das SAP-Gebäude in der Hafencity im Sommer 2001. Mit dabei: Wirtschaftssenator Thomas Mirow (2. v.l.).

Das erste Unternehmen, das sich in der Hafencity ansiedelt, ist das Software-Unternehmen SAP. Geplant ist ein Neubau für ein Schulungszentrum. „Wir sind mit unserer Vorreiter-Rolle zufrieden. Der Standort hat uns sofort zugesagt“, sagt damals Bernd Kraus von SAP Deutschland.

„Das Grundstück war eines der Filet-Grundstücke in der frühen Hafencity“, sagt Reiner Nagel. Er hat das Projekt Hafencity als Stadtentwickler im Dienste der Stadt von Anfang an vorangetrieben. Von der Architektur des SAP-Gebäudes seien die Planer nicht begeistert gewesen. „Das war nicht die Stararchitektur, die wir uns an dieser Stelle gewünscht hätten“, sagt Nagel im Gespräch mit dem NDR. Auch der damalige Oberbaudirektor Egbert Kossak habe sich über den schlichten Bau geärgert.

„Die Investoren haben bis heute ein breites Lächeln“

Aber wichtiger ist, dass es mit der Hafencity endlich losgeht. Denn zunächst haben viele Investoren abgewartet, wie das vollmundig angepriesene Projekt anläuft. „Nach dem Spatenstich haben die Investoren gesagt: ‚Huch, da geht ja jemand in den Hafen rein'“, erinnert sich Nagel. „So wurde es zum großen Investoren-Interesse. Und alle, die damals investiert haben, die haben bis heute ein breites, zufriedenes Lächeln, weil es sich für sie gelohnt hat.“

Ein modernes Container-Terminal für den Hafen

Begonnen hat die Geschichte der Hafencity in den 1990er-Jahren – und mit jahrelanger Geheimniskrämerei. Der wichtigste Mann im Rathaus ist der damalige Erste Bürgermeister Henning Voscherau von der SPD. Zusammen mit dem Chef des Hafenlogistik-Unternehmens HHLA, Peter Dietrich, tüftelt er 1992 folgenden heiklen Plan aus: Die Stadt bekommt die Hafencity – und der Hafen im Gegenzug im Stadtteil Altenwerder ein neues Container-Terminal.

Das Hafengelände in Innenstadt-Nähe wird eh immer unbedeutender. Denn die Containerschiffe mit ihrem enormen Tiefgang können die Kaimauern dort ohnehin nicht mehr anlaufen, weil der Alte Elbtunnel auf Höhe der Landungsbrücken im Weg ist.

Eng verbunden: Altenwerder und die Hafencity

Reiner Nagel, Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur

Reiner Nagel hat wie kaum jemand anderes die Anfänge der Hafencity hautnah miterlebt.

„Aus Sicht des Hafens war es die historische Chance, den Hafen überhaupt noch Welthafen-tauglich zu halten, indem man in Altenwerder ein Container-Terminal baut“, macht Nagel deutlich. „Aber die erforderlichen 406 Millionen D-Mark (208 Millionen Euro) gab es nicht, dafür war kein Geld im Haushalt da.“ Und so sollte der Verkauf der Flächen in der künftigen Hafencity das nötige Geld für den Bau des Terminals einbringen. So lautet zumindest die Idee in der Anfangszeit der Hafencity. Später wird dieses Junktim vom Senat aufgegeben.

„Alle haben dicht gehalten“

Hamburgs ehemaliger Bürgermeister Henning Voscherau (SPD) - circa 1998

Geheimsache Hafencity: Bürgermeister Voscherau weiht zunächst nur wenige Menschen in seine Pläne ein.

Ganze fünf Jahre lang hält Voscherau den Hafencity-Plan geheim. Nicht einmal den Oberbaudirektor weiht er ein – auch nicht die eigene SPD-Bürgerschaftsfraktion. Sogar die meisten Politiker seines Senats ahnen nichts. „Es heißt oft, dass nur sechs oder sieben Leute in Hamburg eingeweiht gewesen seien“, sagt Reiner Nagel heute. „Ich denke schon, dass es ein paar mehr waren: vielleicht 40 Personen. Aber die haben alle dicht gehalten.“

Dem Ersten Bürgermeister sei klar gewesen: „Je mehr Leute eingebunden sind, desto mehr öffentliches Gerede, Spekulationen und Komplexität entsteht“, erklärt Nagel. An der Vorgehensweise Voscheraus gibt es aber auch Kritik. Mit der Hamburger Verfassung sei die Geheimnistuerei nicht unbedingt vereinbar gewesen. Für den Erfolg der Hafencity hingegen erweist sich der Schachzug als elementar.

Hafenbetriebe werden kurzerhand verlagert

Blick am 08.11.2015 in Hamburg auf den Hafen mit den Stadtteilen Neustadt (links), HafenCity (links, Mitte), Kleiner Grasbrook (Mitte) und Steinwerder (rechts) mit dem Baumwall (Mitte, unten), der Speicherstadt (links; Mitte), der Elbphilharmonie (Mitte).

Ausquartiert: Viele Hafenbetriebe bekommen einen neuen Standort auf der Südseite der Elbe (rechts im Bild).

Einem kleinen Kreis um Voscherau gelingt es, die meisten Hafenbetriebe geräuschlos aus dem Gebiet der späteren Hafencity auf die Südseite der Elbe zu verlagern. „Den Hafenfirmen ging es Mitte der 90er-Jahre zum Teil nicht gut. Die freuten sich über ihre neuen Ausweichquartiere auf der Südseite“, schildert Nagel die damalige Stimmung.

Und warum dann die Geheimnistuerei? „Nun, wenn die Hafenleute gewusst hätten, was wir eigentlich vor hatten, dann wäre das sicherlich doppelt oder dreimal so teuer geworden.“

Jetzt muss sich die Innenstadt in den nächsten Jahrzehnten ausdehnen können, um für metropoltypische Wirtschaftszweige attraktiv zu sein – und für die Rückkehr zentrumsnahen Wohnens in einer der reizvollsten Lagen Europas am Elbufer.

Henning Voscherau, Erster Bürgermeister von Hamburg am 7. Mai 1997

Und dann lässt Voscherau die Katze aus den Sack

Am 7. Mai 1997 geht Henning Voscherau schließlich an die Öffentlichkeit. Bei einem Festakt des Übersee-Clubs stellt er in Anwesenheit von Bundespräsident Roman Herzog seine Vision der Hafencity vor: „Es geht darum, mit einer Großtat unserer Stadt und unserer Wirtschaft neue, hochwertige Entwicklungsräume zu öffnen – in bewusster Abkehr von den in mehr als 100 Jahren gewachsenen Strukturen.“ Die Innenstadt soll in Richtung Wasser wachsen: „Entscheiden wir uns nach vier Generationen für die Rückkehr der Stadt an die Elbe“, so Voscherau.

Eine Prinzipskizze aus dem Jahr 1996 vom Hamburger Architekturbüro gmp zeigt einen Entwurf für die Hafencity.

Mit dieser Skizze versucht Bürgermeister Voscherau 1997, die Öffentlichkeit von seiner Vison Hafencity zu begeistern.

Das „Abendblatt“ titelt am nächsten Morgen: „Hamburgs Chance. Große Zustimmung zu Voscheraus Hafen-City“. Auch Reiner Nagel schildert, dass die Reaktionen in der Stadt weitgehend positiv ausgefallen seien. „Ich habe keine einzige negative Stimme gehört. Aber es kann auch sein, dass ich da in der Blase unterwegs war.“

Mit dem Masterplan 2000 wird es konkret

Politisch geht dann alles recht schnell. Noch im Mai 1997 beschließt der Senat einstimmig das Projekt. Im August desselben Jahres folgt der Segen der Bürgerschaft. Nun geht die Planung für die Hafencity ins Detail. Und am 29. Februar 2000 stimmt der Senat für den Masterplan, der die Eckpunkte für die Entwicklung der Hafencity verbindlich festlegt. Darin heißt es, dass dort spätestens im Jahr 2020 rund 12.000 Menschen in 5.500 Wohnungen leben und etwa 20.000 Frauen und Männer arbeiten sollen.

Das Drama um die Stadtbahn

Auch Reiner Nagel ist intensiv an der Entwicklung des Masterplans beteiligt. Er ist damals bei der städtischen Entwicklungsgesellschaft GHS angestellt – dem Vorgänger der heutigen Hafencity Hamburg GmbH.

Für den Start sei es wichtig gewesen, den Investoren zu signalisieren, dass die Stadt es wirklich ernst meint mit der Hafencity. „So haben wir schnell die Straßen für die Baufahrzeuge gebaut und auch die Kaimauern saniert“, so Nagel.

Ein entscheidender Punkt für den Erfolg der Hafencity sei gewesen, wie das Gebiet an den öffentlichen Nahverkehr angeschlossen wird. „Zunächst war nur eine Busverbindung vorgesehen“, verrät der Stadtentwickler. Das wäre viel zu wenig gewesen. „Wir haben dann gesagt, dass wir die Hafencity nicht mit einer Busanbindung vermarkten können.“ Doch dann schien die Lösung nah: Eine neue Straßenbahn-Linie sollte als „Stadtbahn“ in die Hafencity führen.

„Dann machen wir die U-Bahn“

Ole von Beust (CDU) deutet am 14.08.2001 auf Häuser der Hamburger Speicherstadt.

Als neuer Bürgermeister streicht Ole von Beust 2001 die Straßenbahn – um dann eine Hafencity-U-Bahn bauen zu lassen.

Aber nach dem Wahlsieg der CDU im September 2001 begräbt Ole von Beust als neuer Bürgermeister das Projekt aus Kostengründen. „Das war ein Schock für uns“, erinnert sich Nagel. „Wir sind dann zu Ole von Beust gegangen und haben ihn darauf hingewiesen, dass mit der Streichung der Straßenbahn die Hafencity keine Verkehrsanbindung mehr hat. Und er hat daraufhin gesagt: ‚Oh, daran habe ich nicht gedacht. Dann machen wir die U-Bahn.'“

Der erste Spatenstich für die U-Bahn-Strecke durch die Hafencity erfolgt schließlich im Sommer 2007. Heute führt die U4 bis zu den Elbbrücken.

„Wir können doch nicht die Wasserbecken zuschütten“

Worauf die Gründungsväter der Hafencity besonderen Wert legten: die Hafenbecken zu erhalten. „Die günstigsten Baugrundstücke hätten wir gehabt, wenn wir die Wasserbecken einfach zugeschüttet hätten“, sagt Reiner Nagel. „Dann hätten wir uns auch die teure Sanierung der Kaimauern sparen können. Aber wir dachten: Wir können ja keine Hafencity machen und dann die Wasserbecken zuschütten.“

Schon im Masterplan von 2000 sei als prägendes Merkmal der Hafencity eine Wassernutzung vorgesehen gewesen. „Anders als in Kopenhagen, Amsterdam, Rotterdam und Sydney. Wir haben beispielsweise von Anfang den heutigen Traditionshafen mitgedacht.“

Statt Deichen: Die Hafencity wird aufgeschüttet

Die allermeisten alten Hafenschuppen überdauern die 2000er-Jahre nicht. „Wegen des Hochwasserschutzes mussten wir das gesamte Gelände um einige Meter aufschütten“, sagt Nagel. Das bedeutete das Aus für die Schuppen. „Wir haben uns aber eng mit dem Denkmalschutz abgesprochen. Da gab es keinen Konflikt damals. Wir wollten ja selbst so viel Hafenmilieu wie möglich erhalten. So haben wir auch die Hafenkräne gerettet, saniert und wieder aufgestellt.“ Zum Beispiel an der Elbphilharmonie und im Baakenhafen-Quartier.

Von der Elbphilharmonie ist noch nicht die Rede

Der Siegerentwurf (Ausschnitt) aus dem Jahr 2001 für das geplante Medienhaus "MediaCityPort" am Standort des Kaispeicher A in der Hamburger Hafencity

Weil der Kaispeicher A um das Jahr 2001 als Lagerhaus schon längst nutzlos ist, gibt es Pläne für eine andere Nutzung. Dort soll nun das Medienhaus „MediaCityPort“ entstehen.

An die Elbphilharmonie hat zum Start der Hafencity allerdings noch keiner gedacht. Für den historischen Kaispeicher A gibt es damals zwar schon Pläne. Aber vorgesehen ist im Jahr 2001 noch das Medienhaus „MediaCityPort“. Erst 2003 wird das Millionen-Projekt begraben. So wird der Weg frei für die Elbphilharmonie, die heute das Wahrzeichen der Hafencity ist.

Der Wohnungsbau wird immer wichtiger

Die Hafencity wächst nach und nach. Das Gebiet ist in acht Quartiere eingeteilt, die nacheinander entwickelt werden. Für die östliche Hafencity wird der ursprüngliche Masterplan im Jahr 2010 überarbeitet: Der Baakenhafen soll nun dichter bebaut werden als anfangs geplant. So wird die Anzahl der Wohnungen von 5.500 auf rund 7.500 erhöht. Bis heute sind sogar schon rund 8.000 Wohnungen in der gesamten Hafencity entstanden. Die Summe der privaten Investitionen beträgt rund zehn Milliarden Euro. Es entstehen bis zu 45.000 Arbeitsplätze.

„Die Hafencity ist ein ganz normaler Stadtteil“

Auch 25 Jahre nach dem ersten Spatenstich gibt es noch freie Flächen in der Hafencity, die Bauarbeiten laufen weiter. Frühestens in den späten 2030er-Jahren sollen alle Gebäude stehen. „Aber auch dann gilt: Die Hafencity wird nie fertig sein“, sagt Stadtplaner Reiner Nagel. „Das ist jetzt ein normaler Stadtteil. Und normale Stadtteile werden nie fertig.“ Irgendwo werde wieder etwas angebaut, umgebaut, umgewidmet oder neu gedacht.

Und wie gefällt ihm die Hafencity heute? „Ich bin nicht der Typ, der wahnsinnig begeisterungsfähig ist, aber ich bin schon sehr begeistert, wenn ich da mit dem Rad durchfahre“, sagt Reiner Nagel. Es sei faszinierend, wie aus den zweidimensionalen Plänen auf Papier ein dreidimensionaler Stadtteil geworden ist.

Blick auf den Hamburger Hafen im frühen 19. Jahrhundert.

Seit 837 Jahren schlägt das wirtschaftliche Herz der Hansestadt im Hafen. Den Anfang machte eine gefälschte Urkunde vom 7. Mai 1189.

Der historische Kaiserspeicher im Hamburger Hafen

Am 11. Februar 1875 wird in Hamburg der Kaiserspeicher eröffnet. Ein markantes Lagerhaus, das zugleich den Takt des Hafens vorgibt.

"Schlusssteinlegung durch Kaiser Wilhelm II. an der Brooksbrücke, 29. Oktober 1888" ist der Titel der Grafik von G. Arnould aus dem Jahre 1888.

Meisterliches Bauwerk auf Eichenpfählen: Am 29. Oktober 1888 weiht Wilhelm II. die Hamburger Speicherstadt ein. Etliche Häuser wurden für sie abgerissen.

Eine historische Aufnahme aus dem Jahr 1883 von Georg Koppmann

Wo heute die Hamburger Speicherstadt steht, lebten einst Zehntausende Menschen. Historische Fotos zeigen Wohnviertel kurz vor ihrem Abriss ab dem 1. November 1883.