Dass sich Augsburg glücklich schätzen könne, hört der Augsburger nicht alle Tage. Und dann auch noch der Grund! Dass das Große Haus saniert wird, sei ein Glücksfall. Die Interimsspielstätten wären „toll“, der Martinipark „super“, das Gaswerk von einer „hohen Aufenthaltsqualität“. Wer das sagt, kennt sich in der Augsburger Theaterlandschaft aus: Oliver Brunner war von 2012 bis 2016 am Theater Augsburg engagiert, zuletzt als Künstlerische Leitung Schauspiel. Heute ist er Intendant am Stadttheater in Ingolstadt und sieht sich mit einer ähnlichen Situation konfrontiert. Ende Mai wurde dort Große Haus geschlossen, der stark sanierungsbedürftige Hämer-Buro-Bau. Wann dort mit der Sanierung begonnen werden kann, ist ungewiss.

Oliver Brunner war 2016 in Augsburg, als die Entscheidung fiel, das Große Haus vorzeitig zu schließen. Für die Horváth-Inszenierung von „Der jüngste Tag“ musste damals eine Ausweichspielstätte gesucht werden. Zehn Jahre später sind die Sanierungs- und Bauarbeiten nach wie vor in vollem Gange, Aufführungen in den Interims immer noch Alltag. Dass Spielstätten saniert werden müssen und dafür andere Orte bespielt werden, kennt der 57-Jährige aus all seinen bisherigen Stationen. Etwa als die Münchner Kammerspiele saniert wurden oder das Bayerische Staatsschauspiel von 2001 bis 2007 im Westflügel des Hauses der Kunst eine Interimsbühne einrichtete. Oder als er 2016 als Schauspieldirektor an das Staatstheater Darmstadt wechselte. Dort musste das Kleine Haus umfassend saniert werden. Als Hauptspielstätte diente die Studiobühne Kammerspiele, die bereits 2006 der Theatergarage abgerungen wurde. „Es gab dort weder eine Unter- noch Obermaschinerie. Bei der Produktion der Stücke musste bedacht werde, dass auf der Bühne zwei tragende Säulen der Garage zu sehen sind“, schildert der 57-Jährige die damalige Situation.

Im Hämer-Buro-Bau „wurde 60 Jahre so gut wie nichts gemacht“.

Nun ist für ihn diese Situation wieder Alltag geworden. In der Spielzeit 2024/25 ging Brunner als Intendant nach Ingolstadt, wohl wissend, dass dort das Große Haus saniert werden muss. „In dem Haus wurde 60 Jahre so gut wie nichts gemacht.“ Die Arbeiten sollten 2028 beginnen und bis 2032 andauern. „Doch nachdem die Einkünfte aus Gewerbesteuern massiv eingebrochen sind, liegen diese Pläne auf Eis“, so Brunner. Die Stadt konnte für 2026 keinen ausgeglichenen Haushalt verabschieden und muss sparen. Keine guten Vorzeichen für die kommenden Jahre. Intendant Brunner rechnet mit einem sinkenden Etat, weniger Geld für Personal und Ausstattung.

Dennoch kann die Arbeit nahtlos fortgeführt werden. Ein Interim muss nicht gesucht werden – es ist bereits da. Doch auch der hölzerne Bau, Theater am Glacis genannt, hat seine eigene Geschichte. In St. Gallen diente es als Provisorium während der dreijährigen Sanierung des Stadttheaters. Gegen Selbstabholung schenkte St. Gallen den Bau schließlich Ingolstadt. Doch es gab Hürden bei der Inbetriebnahme: EU-Richtlinien für Elektrik und vor allem Brandschutz. Sieben Millionen Euro wurden in den Umzug aus St. Gallen und die Ertüchtigung bisher investiert. Aufgrund des Holzbaus müsse künftig auch auf viele Effekte, wie Nebel, verzichtet werden, so Brunner.

Kanonstücke, aber vor allem viele offene Begegnungsformate sind Oliver Brunner wichtig

Ab der kommenden Spielzeit startet der Repertoirespielbetrieb im Theater am Glacis. Oliver Brunner arbeitet im Team mit Mirja Biel (Oberspielleiterin), Sonja Walter (Chefdramaturgin) und Julia Mayr (Leiterin des Jungen Theaters). Brunner ist sich sicher, dass auch unter den veränderten Bedingungen ein ansprechendes Angebot geboten werden kann. Durchaus mit Kanonstücken, aber auch mit anderen, öffnenden Formaten. Wichtig ist Brunner von jeher, der Stadtgesellschaft einen breiten Zugang zu bieten. Dafür gibt es eine Stadtdramaturgin, den Zusammenschluss der Critical Friends und zahlreiche niederschwellige Begegnungsformate. „Mehr zuhören, nicht immer nur senden!“

Schon in Augsburg war er für sein Engagement für eine bessere Vernetzung zwischen „großem Theater“ und städtischen Akteuren bekannt. Brunner, der die Gesamtleitung der Bayerischen Theatertage 2012 in Augsburg innehatte, installierte das Festivalzentrum damals auf der Straße, auf dem Parkplatz gegenüber des Weissen Lamms. Diese Öffnung in das Theaterviertel hinein habe ihm damals gut gefallen. „Es hat für Belebung und Begegnung gesorgt.“ Er hätte auch im Rahmen der Generalsanierung eine architektonische Öffnung in das Viertel hinein gut gefunden. „Nun entsteht das Kleine Haus an der Volkartstraße. Es wird ein architektonischer Hingucker.“ Oliver Brunner freut sich darauf, wenn das sanierte Augsburger Staatstheater wieder eröffnet. Er sagt aber auch: „Die Zeit der Großsanierungen am Theater ist dann erst einmal vorbei.“