Prof. Gerhard Fettweis. Foto: René Gaens für das Barkhausen-InstitutProf. Gerhard Fettweis. Foto: René Gaens für das Barkhausen-Institut
Silicon Saxony empfiehlt sich für neue Mikroelektronik-Projekte des EU-Chipgesetzes 2.0

Dresden, 20.06.26. Bisher können weltweit nur die Taiwanesen und Südkoreaner Chips der neuesten Strukturgenerationen unterhalb von fünf Nanometern liefern, wie sie beispielsweise für KI-Beschleuniger gebraucht werden. Intel in den USA wie auch Rapidus in Japan holen gerade auf, sind in dieser Spitzenliga noch nicht lieferfähig. Europas Chipfabriken hingegen fertigen kaum etwas unter 18 Nanometern, wenn man einmal von den Intel-Fabs in Leixlip absieht. Das beißt sich mit den hochfliegenden Mikroelektronik-Ambitionen der Europäer und speziell der EU-Kommission, die auch gerne eine Chipfabrik der Spitzenklasse haben will.

Seit Jahren hapert das daran, dass es dafür kaum Abnehmer aus der europäischen Industrie gibt. All dies könnte sich aber in naher Zukunft ändern, meinen der Elektronikexperte Prof. Gerhard Fettweis vom Dresdner Barkhausen-Institut und Geschäftsführer Frank Bösenberg vom Branchenverband „Silicon Saxony“.

Bedarf für Sub-10-nm-Fab kommt mit der intelligenten Robotik

„Im Moment brauchen wir keine 7-Nanometer-Fab“, erklärt Fettweis. „Aber viele europäische Unternehmen engagieren sich inzwischen in Physical AI.“ Das bedeutet: Diese Firmen pflanzen Robotern, Exoskeletten, Autos, Waschmaschinen und anderen Maschinen „Künstliche Intelligenz“ (KI, englisch: AI) ein – die auch lokal, also ohne stete Internetverbindung zur KI-Rechnerwolke in Übersee funktionieren soll. Daraus werde ein wachsender Bedarf an Spitzenchips für lokale KIs („Edge AI“) entstehen. „Dann brauchen wir solche Fabriken“, prognostiziert Fettweis.

Humanoide und andere intelligente Roboter werden die Nachfrage nach Hochleistungschips weiter befeuern – wohl auch in Europa. Visualisierung: Nvidia
Bösenberg: Es muss nicht immer Dresden sein – Silicon Saxony reicht weiter

Und der sächsische Mikroelektronik-Verbund „Silicon Saxony“ sieht sich selbst als idealen Nährboden für solch eine europäische Mega-Fab der Sub-10-Nanometer-Klasse: Hier gebe es das Ökosystem aus Zulieferern, Dienstleistern und Halbleiterwerken, das für solch eine Großinvestition nötig sei. „Das muss aber nicht zwingend in Dresden oder Sachsen sein“, betont Bösenberg. „Unser Cluster reicht darüber hinaus.“

Brüssel laboriert seit über 13 Jahren vergebens an Aufholjagd

Eine große Chipfabrik der technologischen Spitzenklasse in Europa anzusiedeln, wünschen sich die EU-Kommissare schon seit über zehn Jahren – damals noch unter dem Projektnamen „Europafoundry“ gehandelt und mit den damals üblichen Nanometer-Werten. Daraus wurde indes nichts – eben auch, weil potenzielle Investoren keine Highend-Kunden dafür in Europa erkennen konnten. Genauso scheiterte trotz zweier Anläufe der EU-Plan, Europas Weltmarktanteil an der globalen Mikroelektronik-Produktion binnen zehn Jahren auf 20 Prozent zu verdoppeln.

Frank Bösenberg. Foto: Tommy Halfter für Silicon SaxonyFrank Bösenberg. Foto: Tommy Halfter für Silicon Saxony

„Wir profitieren in jedem Fall vom neuen Chipgesetz.“
Frank Bösenberg, „Silicon Saxony“

In ihrem neuen „Chipgesetz 2.0“ sattelt die Von-der-Leyen-Kommission in Brüssel das Pferd nun von der anderen Seite auf: Milliarden sollen fließen, um europäischer Chipdesignschmieden aufzubauen und einen echten Bedarf an Spitzenchips in der Wirtschaft zu entfachen, damit sich eine Sub-10-nm-Fab in Europa lohnt. Geld hat von der Leyen dafür freilich nicht: Sie und ihre Kommissarinnen wollen eher die Planziele formulieren, bezahlen sollen das andere.

Dennoch ist die Branche im Freistaat zuversichtlich: „Ich denke, wir profitieren in jedem Fall vom neuen Chipgesetz“, meint Bösenberg. „Sachsen ist für alle strategischen Projekte des Chipgesetzes gerüstet.“

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen: Einschätzungen Fettweis und Bösenberg, Oiger-Archiv