Vor der majestätischen Kulisse der Berliner Museumsinsel zeigte sich am Sonnabend ein ungewohntes Bild: Sie wurde kurzerhand zur Badeinsel umfunktioniert. Bei Temperaturen von über 30 Grad und leicht bewölktem Himmel sprangen Hunderte Menschen in die Spree. Mit einer Schwimm-Demo protestierten sie gegen das pauschale Badeverbot, das seit 101 Jahren für den Fluss besteht.

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Rund um den Schinkelplatz versammelten sich Menschen mit Schwimmbojen, kleinen Booten, Badebekleidung und selbstgemalten Schildern. Doch wer springt eigens in die Spree, um ein politisches Zeichen zu setzen? Der Tagesspiegel hat einige der Teilnehmenden befragt.

Ines Bublath (54) und Simone: Freibäder oft überfüllt

Mit selbst gestalteten, aufeinander abgestimmten Hüten nehmen die Freundinnen Ines Bublath (54) und Simone, die nur ihren Vornamen nennen will, an dem Protest teil. Die Aufschrift „Spree frei“ sowie ein kleiner Gummialligator zieren die Kopfbedeckungen.

Die Freundinnen Ines Bublath und Simone haben den Hut „Spree frei“ gemeinsam entworfen. Perfekt abgestimmt: Die Freundinnen Ines Bublath und Simone haben den Hut „Spree frei“ gemeinsam entworfen.

© Camila de Araujo Pinto

„Für mich ist es wichtig, dass alle die Möglichkeit haben, zu schwimmen, wenn sie möchten, um sich abzukühlen und ihre Stimmung zu verbessern. Die Stadt wird immer heißer, und die Menschen haben einfach keine Möglichkeit, sich zu erfrischen und besser zu fühlen“, sagt Bublath.

Die Steuerfachangestellte aus Gatow verweist zudem auf ein strukturelles Problem: Öffentliche Schwimmbäder bieten an heißen Tagen nicht ausreichend Platz für alle Menschen, die baden möchten.

Hunderte Menschen planschten am Sonnabend in der Spree. Lassen sich vom Verbot nicht abschrecken: Hunderte springen am Sonnabend in die Spree.

© Camila de Araujo Pinto

„Öffentliche Schwimmbäder sind oft kaputt und geschlossen. Danach dauert es Jahre, bis sie wieder öffnen. In Gatow war das Freibad im Sommer immer überfüllt. Jetzt ist es seit drei Sommern geschlossen. Aber ich kann immerhin an der Havel spazieren gehen. Das ist ein Luxus, dessen ich mir sehr bewusst bin – etwas, das Menschen im Umkreis der Museumsinsel nicht haben“, sagt Bublath.

Ricardo Sentler (32): Alternative zum Badesee

Genau aus dem Wunsch heraus, diesen „Luxus“ zu genießen, nimmt auch Ingenieur Ricardo Sentler (32) aus Kreuzberg am Protestschwimmen teil. Sentler sagt, er bevorzuge eine zehnminütige Fahrradtour zum Fluss gegenüber einer 15 Kilometer langen Autofahrt zu einem See.

Ein leicht zugängliches Bad im Fluss: Das ist es, was sich der Ingenieur Ricardo Sentler an einem heißen Tag in Berlin wünschen würde. Ein leicht zugängliches Bad im Fluss: Das ist es, was sich Ingenieur Ricardo Sentler an einem heißen Tag in Berlin wünschen würde.

© Camila de Araujo Pinto

„An so einem Tag wäre ein kurzer Sprung in die Spree – morgens oder am späten Nachmittag – perfekt, um sich abzukühlen. Ich möchte keine halbe oder ganze Stunde zu einem Gewässer fahren“, sagt er kurz nach seinem Bad im Fluss.

Auf die Wasserqualität angesprochen, zeigt er sich gelassen: „Man konnte sehen, dass es etwas schmutzig war, aber nicht so schlimm. Die Spree ist nicht dreckiger als die Badeseen, in die man so hineingeht. Insgesamt war es sehr gut“, sagt Sentler.

Paul Fander (30): Spree soll „Bundesfreibad“ werden

Paul Fander (30) aus Wedding präsentiert sich mit gestreiften Shorts, einem Handtuch über der Schulter und Sonnenbrille als Badegast-Prototyp – bis auf eine Ausnahme: ein Schild mit der Aufschrift „Das ist nun ein Bundesbad!“.

„Es ist einfach logisch, dass dieses alte Verbot abgeschafft wird, damit alle hier schwimmen können. Ich finde, das macht das Stadtbild sehr positiv und schön, wenn Menschen einfach überall ins Wasser springen können“, sagt Fander.

Der Berliner-Wedding-Bewohner Paul Fander, 30 Jahre alt, träumt von einem Fluss zum Schwimmen an heißen Tagen. Die Spree sollte den Anwohnern gehören, findet Paul Fander. Deshalb widmet er den Fluss kurzerhand zum „Bundesbad“ um.

© Camila de Araujo Pinto

Er stellt auch ein Argument infrage, wonach das Schwimmen gefährlich sei, da es sich um eine Bundeswasserstraße mit Schiffsverkehr handelt. „Deshalb bin ich heute auch hier mit meinem Plakat, das fordert, dass dies keine Bundeswasserstraße mehr sein soll und die Spree zu einem ‚Bundesfreibad‘ wird“, sagt Fander. „Über 50.000 Menschen leben in der Umgebung. Wem gehört diese ‚Bundeswasserstraße‘? Den Touristinnen, Touristen und Museumsbesuchern?“

Der Frauenchror: Die „schönsten Mädchen der Welt“ sollen im Fluss baden

Musikalische Unterstützung erhält der Protest durch die Matronkas, einen Frauenchor von der Ostseeküste in Mecklenburg-Vorpommern. Traditionell in Rot gekleidet, haben sie slawische Lieder für die Veranstaltung umgedichtet.

Chris Bokemeyer, die Chorleiterin des Chors Matronkas. Während sie schwammen, sangen sie auch eine Ode an den Berliner Fluss. Eine Ode an den Fluss: Chris Bokemeyer, Leiterin der Matronkas, gemeinsam mit weiteren Mitgliedern des Chors.

© Camila de Araujo Pinto

„Das erste Lied handelt eigentlich von der Sava, einem kroatischen Fluss, und wir haben es für die Spree umgeschrieben – als Ode an den Fluss. Eine Zeile lautet: ‚Wie wunderbar, dass die Spree hier fließt und die schönsten Mädchen der Welt direkt an ihren Ufern leben‘“, erklärt Chorleiterin Chris Bokemeyer.

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Der in Berlin geborene Rentner Bruno Schmidt (77) ist am Sonnabend eigens in seine Heimatstadt zurückgekehrt, um am Protest teilzunehmen und den Senat unter Druck zu setzen. Auch er findet, öffentliche Badeplätze bieten im Sommer nicht ausreichend Kapazitäten.

Er badet gerne im Fluss. Bruno Schmidt, 77 Jahre alt, hofft noch immer, die Freigabe der Spree zu erleben. Der 77-jährige Rentner Bruno Schmidt wünscht sich, das Ende des Badeverbots noch mitzuerleben.

© Camila de Araujo Pinto

„Ich finde es wunderbar, im Fluss zu baden. Wenn man die Anzahl der Berlinerinnen und Berliner sowie die Zahl der Hallen- und Freibäder betrachtet, ist es eindeutig nicht möglich, dass alle versorgt werden. Es sollte mehr Möglichkeiten geben, damit die Menschen schwimmen können“, sagt Schmidt. „Ich hoffe, der Senat bleibt vernünftig und dieser Vorschlag wird angenommen.“