Die Szenerie könnte aus einem Westernfilm, in dem eine Bande eine kleine Stadt in Angst und Schrecken versetzt, herausgeschnitten sein: Die Sonne brennt erbarmungslos vom Himmel und lässt die Luft flimmern, die Straße, von kleinen Gebäuden gesäumt, ist fast leer, Menschen verstecken sich an wenigen schattigen Plätzen. Doch es ist Kirmes auf dem Aachener Platz, wo am Samstagnachmittag eigentlich ein buntes Treiben, insbesondere von Familien, herrschen sollte. Die Kirmes wollte einen Neustart wagen. Deshalb hatten sich der St. Sebastianus Schützenverein Bilk von 1445 unter der Leitung von Schützenchef Ulrich Müller und eine Schaustellergruppe unter der Führung von Oliver Wilmering, Vorsitzender des Düsseldorfer Schaustellerverbandes, zu einer Win-win-Kooperation zusammengetan.

Das neue Konzept, das den Schaustellern die Durchführung der Kirmes weitgehend überließ, sah eine Kirmes, die zu neuer Größe gelangen sollte, vor. Insgesamt 54 Buden und Fahrgeschäfte, darunter erstmals wieder ein Riesenrad, sollte ein feierlustiges Publikum begeistern. Der Start am Freitag lief zunächst wegen der heißen Temperaturen und am Abend wegen des heftigen Gewitters, das den halben Kirmesplatz in eine Bilker Seenplatte verwandelte, alles andere als wunschgemäß.

Festzug bringt Leben zwischen die Buden

Auch am Samstag war es wieder heiß und am Abend stand noch das WM-Spiel der deutschen Mannschaft an. Am Nachmittag wagten sich nur ganz hartgesottene Schützen sowie einige Familien, die ein Versprechen gegenüber ihren Kindern einlösen mussten, auf die Kirmes.

„Wasser läuft besser als Bier“, sagte Chris vom „Füchschen“-Stand unmittelbar am Eingang zum Kirmesgelände, was in der Tat für die Vernunft der Gäste sprach. Verzicht üben musste jedenfalls eine Kundin hinsichtlich der Beeren in ihrem Wildberry Lillet. „Bei der Hitze gibt es die nicht, die sind zu schnell hinüber“, so die Erklärung.

In völligem Stillstand verharrt das Kinderkarussell, bei dem Kinder vermutlich auf den heißen Sitzen fest gebacken wären wie Spiegeleier in einer Pfanne ohne Fett. „Wir sind als Schausteller nun mal abhängig vom Wetter, bei Regen oder wie jetzt bei zu heißen Temperaturen bleiben viele Menschen eben lieber zu Hause“, sagte mit stoischem Gleichmut Betreiberin Katja Höfling. „Als der Olli mit seinem neuen Konzept mich anfragte, war ich sofort dabei, wir kennen uns seit vielen Jahren und diese Kirmes brauchte dringend neue Energie“, sagte Hans-Dieter Höfling, der dennoch hofft, dass sich die Bilanz über die kommenden Tage, erst am Dienstag ist Zapfenstreich, noch verbessert.

Ausgelassen und stolz schwenkt Ada ihr Schwert, das die Vierjährige beim Bowling-Spiel gewonnen hat. „Die Kirmes ist jetzt erheblich größer geworden und macht auf mich einen guten Eindruck, zumal die Preise noch alle im Rahmen sind“, urteilt Vater Tobias. Zwischenzeitlich kommt Leben zwischen die Buden, denn begleitet von den Klängen unterschiedlicher Tambourcorps zieht der Festzug, natürlich in Marscherleichterung, über den Platz Richtung Zelt an der Ubierstraße.

Beim Bowling-Spiel hat Mael, der gerade noch mutig mit seinem Vater im Schlager-Express der Fliehkraft trotzte, ein gutes Händchen und darf sich am Stand von Philip Kreuels etwas für seine respektable Anzahl von 240 Punkten aussuchen oder die Punkte sammeln und bei einem weiteren Kirmesbesuch einlösen. Der Fünfjährige entscheidet sich für ein Tierchen, das bei Druck sein Maul aufreißt und eine bunte Blase zum Vorschein kommen lässt. „Da wird aber dein Bruder gleich neidisch sein“, kommentierte Vater Sven, der Unterbilker bummelt mit Frau und Kindern über die Kirmes. „Aber ob ich danach am Abend noch das WM-Spiel, das ja erst um 22 Uhr beginnt, überstehe, weiß ich jetzt noch nicht“, so Sven.

Das Riesenrad als Attraktion der Kirmes steht still. Zu den Favoriten von Paul (10) und seinem Freund Simon (11) zählen Autoscooter und Polyp, mit dem sie jetzt fahren wollen. „Nein, Angst haben wir nicht, das kennen wir schon“, erklärt Paul. „Wenn bei uns so ein Wetter ist, sind alle am Meer, da geht keiner auf die Kirmes“, sagte Hendrik Kortekamp, Betreiber des Looping Star, der es als Bremer jedoch nicht allzu weit zum Meer hat.