Noch steht der Zeiger nicht auf 18 Uhr, und im Zentrum der Stadt geht es auch noch ganz und gar nicht „übersinnlich“ zu. Eher geschäftssinnig: In der Annastraße strömt es in die Läden und wieder hinaus, Einkaufstüten werden nach Hause getragen, ins Nationaltrikot Gewandete steuern zur öffentlichen Fußballübertragung. Am Martin-Luther-Platz ein Stau, eine Publikumsschlange, die sich zum Eingang der Annakirche windet. Die Lange Kunstnacht hat hier ihre Eröffnung, der Auftakt von rund 200 über die Innenstadt verteilten Programmpunkten, alle zusammen in diesem Jahr gefasst unter das Motto „übersinnlich“.

Auch die Augsburger Philharmoniker, die unter der Leitung von Annalena Hoesel das Eröffnungskonzert der vom städtischen Kulturamt kuratierten Kunstnacht bestreiten, wollen zunächst einmal nicht in „übersinnlichen“ Ton verfallen, denn geradezu lebhaft animierend erklingt die Ouvertüre zu Purcells „Dido and Aeneas“. Den ersten Akzent im Sinne des Kunstnacht-Mottos setzt Mezzosopranistin Natalya Boeva, die mit herrlich morbider Fülle das todessehnende Lamento der Dido singt. „Übersinnlich“, das zielt aber auch auf Fabelwesen aller Art, und solchen „mostri e tifei“, Monstern und Giganten, tritt Sopranistin Sally du Randt in Händels „Fammi combattere“ siegesgewiss heldisch entgegen. In einem dem Dunklen, Mystischen aller Art gewidmeten Klassik-Programm darf natürlich Glucks „Tanz der Furien“ nicht fehlen mit seinen von den Philharmonikern straff hervorgestoßenen Forte-Schlägen und wild züngelnden Streicherflammen. Es gibt noch Haydn und Mozart, vor allem aber viel Händel, darunter „Ombra mai fu“, der wunderbare Dankgesang des Xerxes an eine Schatten spendende Palme – wobei das applaudierende Publikum den Dank vielleicht eher dem Kühle gebenden Kirchenraum an diesem überheißen Abend zueignet.

Kafkaeskes „Home sweet home“ mit Thomas Prazak

Wohin sich wenden bei 50 bis Mitternacht bespielten Orten? Zum Beispiel in den Glaspalast, wo Thomas Prazak für ein besonderes Entsetzen sorgt. Für Kafkas Erzählung „Der Bau“ legt der Staatstheater-Schauspieler eine ganze Palette an Stimmungen in seine ruhige Stimme, bleibt dabei aber unsichtbar für die Zuhörer. Kafkas Ich-Erzähler, vermutlich ein Dachs, beschreibt seine Obsession beim Bau seines unterirdischen Zuhauses. Zugleich Jäger und Gejagter, ängstlich wie auch bedrohlich, dabei auf befremdender Suche nach friedlicher Ruhe. Ein unheimliches „Home sweet home“ mitten in der „Inside“-Ausstellung des BBK im Glaspalast.

Die tiefstehende Sonne bricht durch die bunten Oberlichter des City Club, als würden sich die Geister ahnbar machen, die wenig später dem Rauch entsteigen. Das Theter Ensemble inszeniert mit „Das Flüstern der Fäden“ eine Séance als Laboratorium des Übersinnlichen, in dem in obskuren Ritualen die Geister unterdrückter FLINTA*-Identitäten beschworen werden. So erscheint eine Katze – im alten Ägypten Inkarnation einer Göttin, im Mittelalter Hexensymbol –, die sich eine Pfauenfeder, Metapher balzender Männlichkeit, in die Tasche ihres viel zu großen Fellmantels gesteckt hat. Sie wächst hinein, sobald sie die Erwartungen an eine Frau in einer patriarchalen Welt erfüllt, sobald sie trinkt und über die Tische schmeichelt. Doch wenn sie sich auskotzt, über die strukturelle Realität in gleichem Maße wie über die Abscheu gegen ihre eigene Anbiederung, wird sie auf die Straße gesetzt.

„Das Flüstern der Fäden“, die Séance des Theter Ensembles im City Club.

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„Das Flüstern der Fäden“, die Séance des Theter Ensembles im City Club.
Foto: Anna Kondratenko

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„Das Flüstern der Fäden“, die Séance des Theter Ensembles im City Club.
Foto: Anna Kondratenko

Während die Stadt abendlich dampft, warum nicht auf zu einer kleine Erfrischungskur in die Höhe wie einst Hans Castorp nach Davos? Also auf zum Hotelturm und hoch in den 34. Stock. Hier trägt Peter Weiß das „Schnee“-Kapitel aus dem „Zauberberg“ von Thomas Mann vor, musikalisch kommentiert vom Klarinettisten Stephan Holstein. Nicht der schlechteste Lektürestoff bei dieser Hitze, ist doch etwa die Rede davon, dass dem im Schnee verirrten Hans Castorp „der Froststurm immer stärker in seine Glieder schlug“. Ausgesprochen trittsicher bewegt sich Peter Weiß auf Manns kompliziert sich schlängelnden Satzsaumpfaden, und meist leise und unvermutet gesellt sich Stephan Holstein mit lockeren, die Wortkunst nie zukleisternden Tonschnipseln dazu. Das macht Hans Castorps beginnendes Halluzinieren umso bildhafter. Als der „Zauberberg“-Held dann von Hexen träumt, welche „aufs Gräßlichste … hantierten“, greift Holstein zur Bassklarinette und lässt diese passgenau schreien und blöken. Gelungene Wortmusik.

In den verwinkelten Antonspfründen findet sich im Untergeschoss eine unscheinbare Türe, die zum Portal einer flimmernden Parallelwelt wird. An der Stirnseite des kühlen Gewölbes verwandelt sich die Wand zum Fenster in die Welt des Absurden. Aufnahmen der Performance „Dalidada“ von Norbert Diem zeigen ihn in Dalmatinerhose und Riesenzylinder, wie er an einem tristen Herbsttag Passanten irritiert, die über einen Königsplatz hetzen, über den damals noch Autos donnerten. Dadaistische Texte und Ausdruckstanz ließen die Menschen bestenfalls amüsiert, meistens verwirrt zurück. Ihre Augen sagen: „Mach was g‘scheids.“ Machte Diem auch. Nämlich mehr Kurzfilme, in denen unaufgeräumte Ateliers durch hektische Kamerafahrten zu einem psychedelischen Farbenrausch und verlassene Fabrikhallen durch die Untermalung von John Cages präpariertem Piano zur Szenerie eines Psychothrillers werden.

Engelsgleiches Organum-Singen mit Per-sonat

Chorgesang auf höchstem Niveau in St. Moritz und St. Anna, und doch: Unterschiedlicher können Chöre kaum sein. Per-sonat, acht Frauen unter der Leitung von Sabine Lutzenberger, spürt den „Secrets of a manuscript“ nach. Alle acht verteilen sich im großen Kirchenraum, schaffen ein zart-durchdringendes Klanggebäude auf der Grundlage des noch einstimmigen kirchlichen Gesangs des 13. Jahrhunderts und jonglieren mit der Klangmagie des Raumes. Atemberaubende Polyphonie baut sich dabei auf gregorianischen Melodien auf. Nach festen Regeln wird da „improvisiert“, vielmehr eine zweite Stimme geschaffen. Dieses engelsgleiche „Organum-Singen“ füllt mit geradezu transzendenter Kraft das karge Kircheninnere und beweist mal wieder, dass die Spezialisten fürs Übersinnliche häufig in den Kirchen zu finden sind.

Der Augsburger Motettenchor beim Auftritt in St. Anna.

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Der Augsburger Motettenchor beim Auftritt in St. Anna.
Foto: Anna Kondratenko

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Der Augsburger Motettenchor beim Auftritt in St. Anna.
Foto: Anna Kondratenko

Mystik sich auch in St. Anna, wo der 40-köpfige Motettenchor eine überirdisch schöne Auswahl in unterschiedlichsten Stilen zelebriert. Das Programm hat der Chor gerade beim Bachfest in Leipzig singen dürfen. Vieles zweichörig, findet das Ensemble mal ein mystisches Piano, mal romantisch volle Klangfarben. Das zarte Gesäusel in Javier Bustos „O magnum mysterium“ bei freiem Takt schafft besonderes sinnliches Vergnügen – bevor man wieder hinaus auf die heiße Straße geschickt wird.

Hathi, eine Band wie ein Löwe

Hathi ist eine unfassbare Band. Einmal verpasst sie mit unfassbarer Musikalität allem, von Pop bis Krach, den Hauch des Unfassbaren. Zweitens ist sie unfassbar im wahrsten Sinne des Wortes, denn Aufnahmen gibt es keine. Hathi ist nur auf der Bühne zu fassen, als Fluxus-Band, die den atemlosen Vortrag von Heiner Müllers „Herakles 2“ durch Gerald Fiedler dank einer durch Effektpedale gejagten Bassklarinette, Höhlen- und Höllensounds aus dem Synthiegebirge und einem einmal durch einen Spielzeugladen gezogenen Schlagzeug in einen Fiebertraum verwandeln. „Bleib im Rahmen“, singt Fiedler, was für eine Band wie Hathi so verbindlich klingt wie die Bitte „Nicht fressen“ an einen Löwen, der vor einer frisch gerissenen Antilope sitzt. Später wandelt sich der Fiebertraum in der Villa Schönefelder zu einem wohligen Mantel aus Klang und Farben, der erst spätnachts durch einen hupenden Autokorso in Fetzen gerissen wird.

„Es geht auf den Kreislauf dort unten“, warnt Führerin Heidemarie Hurnaus. „Dort unten“, das meint das Untergeschoß des Maximilianmuseums, genauer das Lapidarium, ein recht zum Kunstnacht-Motto, zum Abseitig-Gruseligen passender Ort. Kreislaufkritisch deshalb, weil dort geradezu tropisches Klima herrscht, Kellerfeuchte gemischt mit Rohrleitungswärme. Hier unten lagert seit 1855, was seit dem hohen Mittelalter an künstlerisch Wertvollem aus Stein – deshalb der Name Lapidarium (vom lateinischen lapis = Stein) – gefunden und oftmals nicht so recht zugeordnet werden konnte. Was gerade auch für die Überreste gilt, die aus den Weltkriegs-Bombardierungsschutt hervorgezogen werden konnten. Unter anderem das übrig gebliebene Gesicht einer einstigen Hausmadonna – vom Feuer schwärzlich verfärbter Stein, trotzdem anrührend schön.

Am Ende der Kunstnacht lauter Jubel

Am Ende verzaubert die Poesie. Wie in jedem Jahr bringt ein gigantisches Straßentheater mit all der Magie des dunklen Fronhofs die vielen Kunstnacht-Besucher zusammen. Die französische Compagnie Quidams zeigt mit ihrer Performance „Peau d’Âme“ („Seelenhaut“) eine wortlose, aber gut verständliche Befreiung von Ketten. Fünf geisterhafte Riesen, jeder etwa vier Meter groß und von innen beleuchtet, schleppen sich durch den Park, folgen in schwerfälligem Trott den maschinenhaften Rhythmen der Musik. Wie sie ins Wanken geraten, sich schließlich ihrer luftgefüllten maskenhaften Hülle entledigen, Freiheit entdecken, bis sie wieder zur vollen Größe aufgeblasen und von innen erleuchtet in wilde Tänze fallen, fasziniere das Publikum, das am Ende laut jubelt. Was nicht an dem großen TV-Bildschirm liegt, der etwa 30 Meter hinter den Zuschauern an der Domwand aufgestellt ist. Schließlich ist auch Fußball Magie, wenn auch weniger übersinnlich.