Während die USA und der Iran eine Absichtserklärung für ein Ende des Krieges am Persischen Golf unterzeichnet haben, geht in Peking die Auswertung des Konfliktes weiter. Denn der Einsatz amerikanischer Streitkräfte im Nahen Osten liefert China Erkenntnisse für einen zukünftigen militärischen Konflikt mit Washington, insbesondere um Taiwan.
„Der Iran-Krieg war eine gute Gelegenheit für China, die Fähigkeiten der amerikanischen Streitkräfte aus der Nähe zu beobachten“, sagt Dr. Jyh-Shyang Sheu vom taiwanesischen Think Tank Institute for National Defense and Security Research. Dabei stehen vier Themen im Vordergrund.
1. Der Einsatz moderner Waffensysteme
Seit Ende der 2010er Jahre läuft die Modernisierung der Volksbefreiungsarmee auf Hochtouren, da Peking viele finanzielle Mittel für Investitionen zur Verfügung stehen, sagt Sheu. „Aber was China mit Modernisierung meint, ist eigentlich Amerikanisierung.“ All das, was das US-Militär habe, wolle man auch, sagt der Experte.

Jyh-Shyang Sheu ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Institute for National Defense and Security Research in Taiwan. Er hat an der Universität Tübingen promoviert und forscht zu modernen Waffensystemen, Technologien und Strategien, insbesondere mit Blick auf China.
Der Iran-Krieg ermöglichte es Peking, die Leistungsfähigkeit amerikanischer Waffensysteme im Einsatz zu beobachten und mit eigenen Systemen zu vergleichen. Ein Beispiel dafür ist das Kampfflugzeug Boeing EA-18 Growler, das für elektronische Kampfführung entwickelt wurde. Auch China hat bereits darauf spezialisierte Jets bei Manövern in der Taiwanstraße eingesetzt.
China hat genau analysiert, ob die Luftangriffe der Amerikaner in der Lage waren, die militärischen Strukturen, insbesondere solche, die in Tunneln versteckt liegen, zu zerstören.
Jyh-Shyang Sheu
Ein besonderes Risiko entsteht, wenn das US-Militär Flugzeuge im Einsatz verliert. Sollten dem Iran hier amerikanische Wrackteile in die Hände gefallen sein, könnten diese auch das Interesse Chinas wecken, sagt Sheu dem Tagesspiegel. Deshalb versucht das US-Militär, im Einsatz verunglückte oder funktionsunfähige Flugzeuge zu bergen oder zu zerstören.
2. Die Wirksamkeit der US-Luftangriffe
Trotz intensiver amerikanischer Luftangriffe und dem Tod zahlreicher militärischer und politischer Führungsfiguren, blieb der Iran in weiten Teilen handlungsfähig. Für Peking ist eine zentrale Frage, inwieweit es den USA gelungen ist, die militärischen Führungssysteme (Command-and-Control-Systeme) der iranischen Republik durch Luftangriffe auszuschalten.
„China hat genau analysiert, ob die Luftangriffe der Amerikaner in der Lage waren, die militärischen Strukturen, insbesondere solche, die in Tunneln versteckt liegen, zu zerstören“, sagt Sheu. Auch in Taiwan sind zentrale militärische Führungssysteme auf diese Art geschützt.
„Wenn es der US-Luftwaffe, die der Volksbefreiungsarmee weiterhin überlegen ist, nicht gelingt, die iranischen Strukturen zu zerstören, dann wird China noch mehr Schwierigkeiten haben, sollte es Taiwan angreifen“, sagt der Militärexperte.
3. Das Kostenungleichgewicht moderner Kriege
Bereits im Ukraine-Krieg kann beobachtet werden, wie vergleichsweise günstige Drohnen großen Schaden anrichten. Dasselbe galt auch für iranische Drohneneinsätze gegen US-Stützpunkte und Partner in der Region.
„Es ist langfristig ein großes Problem, dass die iranischen Shahed-Drohnen viel günstiger sind als die gegen sie genutzten Luftabwehrsysteme“, sagt der Sicherheitsexperte. China könne sich dieses Kostenungleichgewicht ebenfalls in einem Konflikt mit Taiwan oder gegen US-Stützpunkte im Indo-Pazifik zunutze machen.
China blickt auf die Straße von Hormus und denkt sich: Das ist sinnvoll, das ist machbar.
Jyh-Shyang Sheu
Auch die faktische Sperrung der Straße von Hormus zeigte, wie mit begrenzten Mitteln erheblicher Druck erzeugt werden kann. Sheu betont: „Das war eigentlich keine richtige Blockade, wie es sie zum Beispiel im Zweiten Weltkrieg gab.“
Aber der Iran habe durch das Angreifen einiger Schiffe genügend Unsicherheit erzeugt, um de facto eine Sperrung zu erreichen – ein Vorgehen, das China kopieren könnte, glaubt der Experte. Denn: „Eine de facto Blockade der Taiwanstraße würde der globalen Wirtschaft großen Schaden zufügen und die westlichen Länder einschüchtern.“
4. Wirtschaftliche Nötigung als Teil der Kriegsführung
Jyh-Shyang Sheu ist überzeugt davon, dass China schon seit Langem wirtschaftliche Nötigung als Teil eines möglichen Angriffs denkt. „Heute nennt man es hybride Kriegsführung oder Grauzonen-Kriegsführung, aber in der chinesischen Kultur ist dieses Konzept schon seit Tausenden von Jahren verankert“, sagt Sheu.
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Bereits in „Die Kunst des Krieges“ des chinesischen Denkers Sunzi könne man sehen, dass dies im chinesischen Verständnis nicht nur Militär, sondern auch Wirtschaft, Politik und Kultur umfasse, erklärt er. Sollten etwa in Taiwan produzierte, hoch entwickelte Halbleiterchips die Taiwanstraße nicht mehr passieren können, wäre das für China ein enormes Druckmittel. „Ich denke, China blickt nun auf die Straße von Hormus und denkt sich: Das ist sinnvoll, das ist machbar“, so Sheu.
Für dieses Szenario sollten daher bereits jetzt Lösungen erarbeitet werden, empfiehlt er. Zum Beispiel durch eine Diversifizierung der Wertschöpfungsketten für Halbleiterchips, um im Konfliktfall weniger erpressbar zu sein. Sheu betont: „Jetzt ist die Zeit, um über den Ernstfall zu sprechen und Vorbereitungen zu treffen.“