Liebe Leserin, lieber Leser,

vorige Woche saß ich im Regionalzug nach Hamburg, als kurz vor Buchholz in
der Nordheide die Durchsage kam, dass wir dort gleich eine Viertelstunde halten
würden. Es folgte über die Lautsprecher dann keine der mir vertrauten
Erklärungen für den Stopp (»Überholung eines vorausfahrenden Zuges«, »belegte
Gleise«, »Warten auf Anschlussreisende«), sondern folgende Begründung: »Unser
Zugführer hat die erlaubte Lenkzeit erreicht und wird 15 Minuten Pause machen.«
Verächtliche Reaktionen beim Damentrio im Vierer nebenan, das sofort hektische
Anrufe nach Lüneburg absetzte: Der Anschluss in Harburg sei keinesfalls zu
erreichen, der Ehemann solle bloß noch nicht zum Abholen aufbrechen.

Natürlich wollte auch ich möglichst schnell nach Hause und war nicht
begeistert von der Information. Aber für den Zugführer — und damit für unsere
Sicherheit — es ist ja gut, dass darauf geachtet wird. Man könnte fast sagen:
vorbildlich. Würde es in mehr Jobs eine solche Pausenaufsicht geben, wäre
vermutlich auch die Akzeptanz für die Zwangsrast des Metronom-Mitarbeiters höher.
Und dem würden der eingetupperte Kartoffelsalat und das Trinkpack Durstlöscher viel
besser schmecken. Denn mal ehrlich: Wie erholsam kann eine Pause sein, wenn
hinter dir 800 zähnefletschende Fahrgäste an ihr Ziel wollen? (Noch dringender,
da ihnen durch die defekte Klimaanlage alle paar Sekunden eine Flüssigkeit
unbekannten Ursprungs von der Zugdecke auf den Kopf tropft…)

Die Damen im Vierer übrigens kamen zu ihrer eigenen Überraschung in Harburg
trotzdem weiter. Der Anschlusszug wartete auf sie. So muss man es vermutlich
generell sehen im Leben: Wenn du dich nie verspätest, wird nie jemand
unverhofft auf dich warten.

Kommen Sie gut (und so pünktlich wie möglich) in die Woche.

Ihre Viola Diem

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sollten? Dann schreiben Sie uns eine E-Mail an hamburg@zeit.de

WAS HEUTE WICHTIG IST

© Christian Charisius/​Dpa/​PA

Hamburg will für Schülerinnen und Schüler mit
Unterstützungsbedarf nur noch in Ausnahmefällen
pädagogische Fachkräfte als Schulbegleitung bewilligen.
Stattdessen sollen ab dem kommenden Schuljahr mehr FSJlerinnen
und FSJler diese Aufgabe übernehmen, erklärt die Bildungsbehörde. Kritik an dem
Vorhaben kam von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft und aus der
Linksfraktion.

© Pia Bublies für die ZEIT/​DIE ZEIT

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Elbvertiefung – Der tägliche Newsletter für Hamburg

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Der Verband norddeutscher
Wohnungsunternehmen hat sich ablehnend zu den vom Bundesbauministerium
angekündigten Wohngeldkürzungen
geäußert. Der soziale Abstieg vieler Menschen im Norden würde so
beschleunigt, erklärte der Verband. In Hamburg beziehen rund 26.000 Haushalte
Wohngeld.

25,1 Millionen Euro hat die Stadt voriges
Jahr für die Beseitigung von fast 6.000 Tonnen illegal entsorgtem Müll
ausgegeben – etwa 60 Prozent mehr als noch 2020. Die eingetriebenen Bußgelder
beliefen sich auf nur rund 674.000 Euro.

Die Polizei will härter gegen Temposünder
vorgehen. Geplant sind laut Verkehrsdirektion neue Blitzerwägen und mehr
Radarsäulen
. Noch immer sei die häufigste Unfallursache überhöhte
Geschwindigkeit. Auch die Handynutzung am Steuer soll strenger kontrolliert
werden.

Mindestens 6.500 Teilnehmende haben gestern
bei der 13. Fahrradsternfahrt
vom Verein Mobil ohne Auto ein Zeichen für bessere
Radwege und weniger Autoverkehr gesetzt. Wie in den vergangenen Jahren radelten die Teilnehmenden
von mehr als 80 Startpunkten in der Metropolregion bis in die Hamburger
Innenstadt.

AUS HAMBURG

© David Maupilé/​DIE ZEIT

»Es kann singen, klagen, flüstern«

Eigentlich wollte die
Musikerin Atena Eshtiaghi den Iran nie verlassen. Sie spielte dort Cello im
Nationalorchester und liebt ihre Heimat. Doch dann begannen die gewaltsamen
Proteste. Lesen Sie hier einen Auszug ihrer Geschichte, protokolliert von
ZEIT-Redakteurin Annika Lasarzik.

»Das Cello ist für mich nicht nur ein Instrument.
Wenn ich es beim Spielen umarme, fühlt es sich an wie ein Teil meines Körpers.
Es hilft mir, Gefühle auszudrücken, für die ich keine Worte finde. Und es ist
unglaublich vielseitig. Ich bewege mich zwischen europäischer und persischer
Klassik, arbeite mit Jazz und elektronischer Musik und komponiere Filmmusik. In
all diesen Welten hat das Cello seinen Platz.

In meiner Familie waren Musik und Kunst immer präsent. Ich
bin in Teheran aufgewachsen, in einem kleinen Haus mitten in der Stadt. Bis zur
Iranischen Revolution war mein Vater Regisseur einer beliebten sozialkritischen
Fernsehserie, danach wurde er Maler. Meine Mutter ist eigentlich Schauspielerin
und gab später Gesangsunterricht, eine meiner beiden älteren Schwestern ist
Pianistin. Als ich zehn Jahre alt war, schickten mich meine Eltern auf eine
Musikschule. Eigentlich wollte ich dort Klavier lernen, doch der Kurs war schon
voll. Dann sah ich ein Cello, es lehnte in einem der Musikräume an der Wand,
und ich verliebte mich sofort. Das Instrument war damals größer als ich. Ich
weiß noch, wie die Leute auf der Straße lachten, wenn ich es auf dem Heimweg
durch Teheran auf dem Rücken trug.

Zu Hause habe ich jeden Tag
stundenlang in meinem Zimmer geübt, am liebsten nachts, zwischen ein und fünf
Uhr, wenn die ganze Stadt still war. Ich liebe den Klang des Cellos, weil er
dem der menschlichen Stimme nahekommt; es kann singen, klagen, flüstern, es
klingt mal tröstlich, mal rau und dunkel. Schnell wurde klar, dass ich Talent
hatte und dass es für mich nicht bei einem Hobby bleiben würde. Meine Familie
hat mich immer unterstützt, einmal verkaufte mein Vater sogar sein Auto, damit
er mir ein besseres Cello kaufen konnte. Der berühmte iranische
Instrumentenbauer Ebrahim Ghanbari Mehr hat es angefertigt, ich spiele es bis
heute.«

Wie die Regeln und
Repressionen im Iran später Eshtiaghis Leben prägten und woran
sie nun in Hamburg arbeitet, lesen Sie weiter in der ungekürzten Fassung. →
Zum Artikel (Z+)

SCHON GELESEN?

© Esther Driehaus/​DIE ZEIT

Das Problem ist nicht das ADHS, das
Problem ist die Schule

Sagt der Hamburger Neurodiversitätsforscher André
Frank Zimpel. Er hat auch Ideen, wie man das Problem löst. Lesen Sie hier das
Interview, das Jeannette Otto und Martin Spiewak mit ihm führten →
Zum Interview (Z+)

DAS KÖNNTE SIE INTERESSIEREN

Morgen Abend
lädt die Freie Akademie der Künste zu einer Diskussion unter dem Titel »Das
Ringen um Demokratie: Ungarn als Beispiel« ein. Wie konnte sich ein EU-Staat in
ein autoritäres System verwandeln – und was lässt sich daraus für Europa
lernen? Die Autorin Petra Thorbrietz beschreibt in ihrem Buch »Wir werden
Europa erobern! – Ungarn, Viktor Orbán und die unterwanderte Demokratie« den
langfristigen, systematischen Umbau der ungarischen Demokratie. Im Gespräch
geht es auch um die Frage, wie eine Rückabwicklung dieser Strukturen nach der
Wahl im April gelingen könnte und ob Orbáns Ungarn als eine Blaupause für
Rechtspopulisten in Deutschland gelten kann. Thorbrietz diskutiert mit Christoph
Twickel, Journalist und Autor von ZEIT:Hamburg.

»Das Ringen um Demokratie: Ungarn als Beispiel«, 23.6., 19 Uhr; Klosterwall
23; Tickets gibt es hier

MEINE STADT

Wechselhaftes Wetter © Karl-Heinz Kuke

HAMBURGER SCHNACK

Kürzlich radelte ich mit einer Freundin an
der Elbe entlang Richtung Blankenese. Kurz vor dem Abzweig Mühlenberg machten
die Arbeiter einer Baustelle gerade Pause. Einer rief uns hinterher: »Schön
hier in Büsum, nä?«

Gehört von Susanne Hartig

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