Ein Orgelkonzert ohne Bach und ohne einen einzigen Vertreter französischer Orgeltraditionen – ist das möglich? Es ist, das bewies Stefan Kagl bei der zweiten Matinee des Landsberger Orgelsommers. Kagl, in München geboren und nach Stationen in Bad Kissingen, Rudolstadt und Herford seit einem Jahr zurück in seiner Heimatstadt als Kirchenmusiker an mehreren bedeutenden Kirchen, widmete sich in Landsberg mit Franz Lachner, Joseph Rheinberger und Cyrill Kistler drei Vertretern der Münchner Schule der Romantik. Hauptwerk der Matinee war jedoch „Der 94. Psalm“ von Julius Reubke (Quedlinburg; 1834-1858).

Die drei Organisten der Münchener Schule stehen zudem in Beziehung zueinander, erfuhr das Publikum vor Beginn des Konzerts. So war Lachner Lehrer von Rheinberger und dieser wiederum unterrichtete Kistler. Zusätzlich gibt es Verbindungen in unsere Region: Lachner stammt aus Rain am Lech, Kistler aus Großaitingen. Die beiden Erstgenannten waren „Anti-Wagnerianer“. Bei Kistler sei diese Aversion langsam verflogen. Dessen Komponierkunst stellte Kagl auf die gleiche Stufe wie Wagner, vielleicht sogar darüber. Die meisten Komponisten der Münchner Schule beziehungsweise deren Werke seien heute vergessen – außer Rheinberger. Kompositionen des Liechtensteiners, der mit zwölf Jahren nach München kam und dort sein Leben lang blieb, finden sich immer wieder in Konzertprogrammen.

Stefan Kagl startete die Matinee mit einem zarten, stillen, weich registrierten Adagio von Franz Lachner, das sich dynamisch steigerte in ein harmonisch fließendes Andante. Fast unmerklich wanderte der Organist weiter zu Rheinberger und einer kleinen, romantisch-lyrischen Melodie mit Passagen in feinstem Pianissimo. Bei Kistler und seiner Sonatine sind, wie angedeutet, Anflüge von Wagnerscher Musik zu hören. Die Wechsel zwischen sehr kräftig und wunderbar zart arbeitete Stefan Kagl deutlich heraus, setzte Register, die die Luft im Kirchenraum vibrieren ließen.

Julius Reubke übertraf seinen Lehrmeister Franz Liszt

„Herr Gott, dess die Rache ist, erscheine.“ Der erste Vers des 94. Psalms liest sich wie ein Hilfe- oder Klageruf einer geplagten Kreatur. Julius Reubke hat neun der 23 Verse dieses Psalms als dreisätzige Sonate vertont. Stefan Kagl bezeichnete das Werk als „hochdramatisch; bestes Orgelstück der Romantik“. Der Franz Liszt-Schüler Reubke habe seinen Lehrmeister übertroffen. Das Besondere an Reubkes 94. Psalm ist die nachvollziehbare Umsetzung der Verse in Musik. Der Komponist hat eine zu seiner Zeit erst im Entstehen begriffene, sinfonische Dichtung geschaffen. Allerdings keine leichte, was schon der Hinweis des Komponisten belegt, dass das ausgewählte Instrument schon eine Orgel mit mindestens drei Manualen sein müsse.

Tief, dunkel wird mit den ersten beiden Versen ein im gesamten Stück immer wiederkehrendes Motiv vorgestellt. In den folgenden Versen hadert der Prophet mit Gott, kritisiert ihn. Ein sehr kräftiges Allegro beschreibt den Zorn. Nahtlos geht es über in den zweiten Satz, bei dem Kagl die zarten Pfeifen der Orgel einsetzte. Reinsten Musikgenuss bringt der dritte Satz, eine gewaltige Fuge mit virtuosen Läufen und Verschiebungen, die vom Musiker nicht nur Virtuosität, sondern auch eine der jeweiligen Orgel angepasste Registrierung erwarten.

Für ein freches Beethoven-Medley zieht Stefan Kagl alle Register

Beides konnte das schlussendlich begeisterte Publikum genießen. Und bekam als Dank für anhaltenden Applaus eine Zugabe serviert: Für das freche Beethoven-Medley zog Stefan Kagl dann wirklich alle Register, nutzte auch Besonderheiten der Landsberger Orgel. Und zeigte, dass für ordentliches Gehupe keine großen Autos vor der Kirchentür notwendig sind – das kann auch die Königin der Instrumente.