Schon das Bühnenbild hat ikonische Qualität: Bausch ließ Ausstatter Peter Pabst Tausende von roten und weißen Nelken in den Boden „pflanzen“ – ein wahres Blumenmeer. Die Blütenpracht ist Symbol für die Liebe, in der die Tänzerinnen und Tänzer knietief versinken, in der sie sich verstricken und den Halt verlieren.
Das Wuppertaler Publikum kann jetzt wieder in die „Nelken“-Welt eintauchen. An vier Abenden zeigt die Oper in Barmen die Neueinstudierung des Stücks, das erstmals Anfang der 1980er Jahre auf die Bühne kam. Die junge Generation des Tanztheaters bereichert die Inszenierung der 2009 verstorbenen Choreografin mit eigenen Elementen. Für Kontinuität stehen die langjährigen Ensemblemitglieder Silvia Farias Heredia und Eddie Martinez, die die Probenleitung übernommen haben.
Am Donnerstag ergaben im ausverkauften Opernhaus Bewegung, Bühne und Musik einmal mehr ein harmonisches Ganzes. Während das Ensemble nach und nach im Blütenmeer Platz nimmt, singt Richard Tauber: „Schön ist die Welt, wenn das Glück dir ein Märchen erzählt“. Dieses Glück strahlt Reginald Lefebvre aus, der den Song „The man I love“ andächtig in Gebärdensprache übersetzt. Als Leitmotiv verbindet die Gershwin-Melodie die ansonsten locker verbundenen Episoden.
Doch wie so manches Märchen hat auch „Nelken“ seine dunklen, verstörenden Seiten. Von ihren Verehrern eingekreist, sprintet Luciény Kaabral los, das „Cherchez la femme“ wird zur Verfolgungsjagd. Mittendrin agiert Andrey Berezin als Chronist der Gefühle, der mit einem Mikro den wummernden Herzschlag aller Beteiligten hörbar macht. Wenn vier Stuntmen mit einem Tisch, von dem sie sich abwechselnd fallen lassen, auf eine wie vor Angst gelähmte Aida Vanieri zukommen, stockt auch dem Zuschauer der Atem. Dass die Außenwelt immer wieder Liebe und Miteinander gefährdet, zeigt Berezin in der Rolle des Grenzbeamten. Mit barschem Auftreten („Ihren Pass bitte“) bringt er sein Gegenüber aus dem Konzept. Von Simon Le Borgne verlangt der Kontrolleur gar, Tiere nachzuahmen. Virtuos verkörpert Solist Le Borgne Hund und Papagei, dennoch kann man darin eine demütigende Prozedur erkennen.
Ein Gegengewicht bilden die von Pina Bausch mit Fantasie und Humor gewürzten Szenen. Dem „Liebeskranken“ Le Borgne geben die anderen Tänzer nicht nur Beziehungstipps. Rührend bemühen sie sich, dem Körper des apathisch wirkenden Kollegen starke Posen „einzuprägen“. Dann wieder ist die Situationskomik nah dran am Theateralltag. Manche möchten die Bühne mit der Kantine vertauschen. Anderen tun die Füße weh, und als Ersatz schicken sie die Kollegen vor. Als würdige Nachfolgerin von Julie Anne Stanzak erweist sich Naomi Brito. Das Akkordeon vorgeschnallt, durchquert die Tänzerin das Nelkenfeld. Ihre Bewegungen sind ebenso vorsichtig wie majestätisch. Brito ist zudem die Erste, die die Jahreszeiten in einen Bewegungsablauf übersetzt – Ausgangspunkt für eine Gruppen-Choreografie, die ihre Kreise zieht und schier nicht aufhören will.
Ensemble kommt zu Wort:
„Warum tanze ich?“
Gegen Ende kommt das Ensemble doch noch zur Ruhe. Jeder und jede hat die Gelegenheit, ein paar Dinge von sich zu erzählen. Die Frage „Warum tanze ich?“ führt zu erhellenden Antworten. Die eine führt die Überforderung im Schuldienst an, der andere spricht von einer Tänzerin, in die „ich mich verliebt habe“. Stark die Antwort von Andrey Berezin: Unter anderem sei er Tänzer geworden, weil er nicht Soldat habe werden wollen. Ein Beweis mehr dafür, dass Pina Bauschs Tanztheater so relevant ist wie eh und je. Gerade in unserer von Kriegen und Krisen geschüttelten Gegenwart.
Für Aufsehen sorgte am Donnerstagabend nicht zuletzt die Interaktion mit dem Publikum. Zu Beginn zogen einzelne Tänzer freundlich grüßend durch den Saal und machten mit Gästen einen kleinen Ausflug ins Foyer. Knapp zwei Stunden später schloss sich der Kreis: Lefebvre forderte alle dazu auf, sich von ihren Plätzen zu erheben. Je zwei öffnende und schließende Gesten machte er vor – mehr brauchte es nicht für eine herzliche Umarmung. Die Zuschauer folgten seinem Beispiel, bis sich ganze Reihen in den Armen lagen, lachten und applaudierten.
Die Wiederaufnahme von „Nelken“ ist heute und am kommenden Sonntag auf der Opernbühne zu sehen. Beginn ist jeweils um 19.30 Uhr. Am 26., 27. und 28. Juni gibt es ein Wiedersehen mit „Sweet Mambo“, einem der letzten Tanztheaterstücke von Pina Bausch. Weitere Informationen unter