Rom lockt jährlich 22 bis 23 Millionen Touristen an. Sie wollen die 3000-jährige Geschichte in der Kunst, Architektur und Kultur bewundern, strömen ins Kolosseum und zu den Fresken Michelangelos in der Sixtinischen Kapelle. Auch die Klasse von Danica Dakic, Professorin für Film und Video an der Kunstakademie Düsseldorf, besuchte die italienische Metropole. Aber was sie jetzt unter dem Titel „ROM. ROM? ROM!“ im ehemaligen Domizil von Joseph Beuys am Drakeplatz zeigt, zeugt von einem frischen und frechen Blick.
Gleich im ersten Raum legt der ehemalige Meisterschüler Mio Zajac einen originalen Gullydeckel mit einer 24-Karat-Blattgoldumrahmen auf den Boden, so dass er an einen barocken Rahmen erinnert. Diesen Schachtdeckel aus Beton und Gusseisen bekam er über eine Ebay-Kleinanzeige von einem Hausbesitzer, der sein Grundstück erweitern wollte. Den Künstler interessieren unbedeutende Dinge wie Emojis oder eben Gullydeckel. Er hat sein Objekt komplett entrostet und kostbar ummantelt, bezeichnet es aber als „Heilige Scheiße“ (Holy Shit). Ein böser, auch ironischer Titel, der weniger auf die aktuell steigenden Goldpreise im internationalen Handel anspielt als auf den Abgrund einer jeden Stadt, die ohne Gullys nicht existieren könnte. Die Arbeit ist gewichtig, wiegt 118 Kilo und ist schon verkauft. Sie kam als Leihgabe der Galerie Voss in die Brunhilde-Moll-Stiftung, der neuen Eigentümerin vom Drakeplatz.
1902 hatte der Monumentalbildhauer Albert Pehle die Baugenehmigung für die Immobilie in Oberkassel erhalten. Aus dieser Zeit stammt seine Christusfigur im Treppenhaus, eine weiße Skulptur auf einer halben Weltkugel stehend. Die respektlose Studentin Maria Golowin hängte ihr ein altmodisches Telefonkabel über die segnenden Hände und lässt den Hörer herunterbaumeln. Wer ihn ans Ohr hält, bekommt nicht etwa einen Kontakt zu einem höheren Wesen, sondern ein Störgeräusch aus der Hörmuschel.
Hu Xinyue fuhr auf den Ätna und bemalte ihren Körper mit Vulkanasche. „Ich bin Ätna“ nennt sie ihre Video-Performance, in der sie sich symbolisch die Kräfte des Vulkans in einer Form der Selbstermächtigung aneignet. Lezees Abou Hatab stieg in die vor drei Jahren noch funktionstüchtige U-Bahn-Haltestelle an der Klever Straße und vollzog ein Waschritual. Sie ahmte jedoch keine Gebetswaschung wie im Islam und keine Fußwaschung in Erinnerung an das letzte Abendmahl nach, bei dem Jesus seinen Jüngern die Füße wusch. Sie rieb sich selbst mit Granatapfelsaft ein und präsentierte im Video die Sinnlichkeit ihres üppigen Körpers im sterilen Raum der menschenleeren Haltestelle, wo Ritual und Alltag aufeinandertreffen.
Die Chinesin You Xiangyun präsentiert in einem digital verfremdeten Farbvideo die Berührung von Händen. Von Michelangelos Erschaffung Adams im Deckenfresko der Sixtinischen Kapelle keine Spur. Die einander berührenden Finger vom nackten Adam und vom herannahenden Gottvater, eine Ikone der Weltkultur, sind nicht mehr zu spüren. Wenig bleibt von der Schöpfungsgeschichte im technologischen Zeitalter.
Der Nachwuchs fühlt sich kaum zu höheren Gefühlen berufen. Shannon Sinclair präsentiert über der Eingangstür eine LEG-Laufschrift, wobei sie sich von der künstlichen Intelligenz Sehnsuchtsorte aufzeichnen ließ. Und Michael Driesch zeigt unter dem Titel „Der letzte Tag“ ein Video, in dem er spät abends nach einem langen Arbeitstag nach Hause geht und einen Anruf erhält, dass sein Vertrag als Leiharbeiter soeben gekündigt wurde. Zur Romantisierung der Rom-Reisenden gesellt sich beim Nachwuchs die raue Wirklichkeit.
Danica Dakic war 2022 von der Bauhaus-Universität in Weimar an die Kunstakademie gewechselt. Sie wohnt seit ihrer eigenen Studienzeit vor über 30 Jahren in Düsseldorf. Sie zeichnet sich durch Gemeinschaftsprojekte mit ihrer Klasse aus, startete das Projekt „ROM. ROM? ROM!“ im Jahr 2023 mit Themen zur Freiheit und Emanzipation, Schönheit und Liebe frei nach Pasolinis Episodenfilm „Was sind die Wolken?“. Die Rolle der Poesie in einer von Krisen erschütterten Welt steht noch immer im Vordergrund. Die Klasse und ihre Professorin lieben es, Fragen aufzuwerfen, statt Antworten zu liefern.
Info Die Brunhilde-Moll-Stiftung liegt Drakeplatz 4 in Düsseldorf. Öffnungszeiten: samstags, sonntags und dienstags, 12 bis 16 Uhr, donnerstags, 14 bis 18 Uhr. Zur Finissage am 12. Juli gibt es eine Performance und einen Katalog.