THW-Trainer Filip Jicha nach dem Spiel in Wetzlar

Stand: 22.06.2026 • 16:51 Uhr

Kein Titel, Tabellenplatz sechs und das erstmalige Verpassen des Europapokals seit 33 Jahren: Der deutsche Handball-Rekordmeister THW Kiel hat auf die sportliche Talfahrt reagiert und am Montag Trainer Filip Jicha freigestellt. Nach NDR Informationen wird Börge Lund sein Nachfolger.

Die THW-Verantwortlichen ließen sich nach dem letzten Spieltag zwei Wochen Zeit für eine Analyse. Am vergangenen Samstag informierten sie dann erst Jicha und im Anschluss Spieler und Staff über die Freistellung des Coaches. Damit endet nach sieben Jahren die Zusammenarbeit zwischen dem Kieler Handball-Bundesligisten und dem Tschechen, der sich zu Beginn der Saison noch einmal in der Ostseehalle verabschieden darf.

Der Ballast der sportlichen Entwicklung in den letzten Monaten wiegt zu schwer.

„Meine Aufgabe ist es, aus Erkenntnissen zu handeln. Ich hätte mir gewünscht, den Neustart unserer neuformierten Mannschaft wie geplant gemeinsam mit Filip angehen zu können. Aber der Ballast der sportlichen Entwicklung in den letzten Monaten wiegt dafür zu schwer“, sagte THW-Geschäftsführer Viktor Szilagyi. „Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass wir eine neue Herangehensweise und neue Impulse brauchen. Veränderungen sind notwendig. Wir brauchen jetzt den Neustart.“

Er sei „natürlich enttäuscht, dass diese Entscheidung gefallen ist, wie sie jetzt ist“, schrieb Jicha bei Instagram. „Über das Warum mag man spekulieren, aber ich mache hier einen Punkt.“

Früherer THW-Profi Börge Lund der Top-Kandidat

Als Top-Kandidat für seine Nachfolge gilt der frühere THW-Profi Börge Lund. Der 47 Jahre alte Norweger trainiert seit 2020 den norwegischen Spitzenclub Elverum Handball. Zwischen 2007 und 2010 trug Lund als Spieler das Kieler Trikot.

Szilagyi hat mit möglichen Kandidaten schon während des Prozesses gesprochen, wollte aber „keine Namen kommentieren. Wir werden wie schon in den vergangenen Wochen in Ruhe unsere Arbeit machen und für den THW Kiel die bestmögliche Lösung finden. Heute ist aber erst einmal der Tag der Dankbarkeit für das, was Filip für den THW Kiel geleistet hat.“

Der 47-Jährige sprach von einem „emotionalen Tag“. Jicha sei für den Club „nicht nur ein Trainer, er hat tagtäglich alles dem Interesse des Vereins unterstellt. Deswegen wird er für immer einer der prägendsten Persönlichkeiten bleiben. Er kann erhobenen Hauptes die THW-Bühne verlassen.“ Auf ihrer Homepage würdigten die Kieler Jicha „nach nunmehr 16 Jahren Einsatz“ für den Verein als „erfolgreichsten Protagonisten in der Geschichte des Clubs“.

Sechs Titel in sieben Jahren unter Jicha

Überraschend kommt die Trennung von Jicha indes nicht. Hinter den „Zebras“ liegt eine verkorkste Saison, in der Rückrunde hatten sie oft auch gegen Teams aus der unteren Tabellenhälfte nicht die erwarteten Erfolge eingefahren. Niederlagen in Stuttgart und Minden sowie Unentschieden gegen Eisenach und Leipzig bei einer mageren Bilanz von lediglich 17 Siegen in 34 Spielen passen nicht zum Selbstverständnis des erfolgsverwöhnten schleswig-holsteinischen Clubs.

Der 44-jährige Tscheche hatte das Amt als Coach beim THW 2019 vom heutigen Bundestrainer Alfred Gislason übernommen, bei dem er zuvor Co-Trainer gewesen war. Unter ihm als Cheftrainer triumphierte das Team einmal in der Champions League (2020), wurde dreimal deutscher Meister (2020, 2021, 2023) und holte zweimal den DHB-Pokal (2022, 2025). Erst im Oktober hatte der Club den ursprünglich zum Saisonende auslaufenden Vertrag mit Jicha vorzeitig bis 2028 verlängert. „Die Vertragsverlängerung damals war kein Fehler“, betonte Szilagyi.

Als Spieler hatte der einstige Welthandballer Jicha mit dem Club zwischen 2007 und 2015 unter anderem sieben Mal die deutsche Meisterschaft, zwei Mal die Champions League und fünf Mal den DHB-Pokal gewonnen.

Wirtschaftlicher Druck gestiegen

Für den Rekordmeister ist durch das enttäuschende Abschneiden in der vergangenen Saison der wirtschaftliche Druck gewachsen. Denn der Kader – zur neuen Saison kommen Julian Köster und Domen Makuc – wurde nicht nur für Bundesliga und DHB-Pokal zusammengestellt, sondern auch für die Champions League. Die Königsklasse verpassten die Schleswig-Holsteiner aber in der vergangenen Spielzeit zum dritten Mal in Folge. Es reichte nicht einmal zum Trostpflaster, dem Erreichen der mäßig lukrativen European League.

Bereits der frühere Aufsichtsratsvorsitzende Marc Weinstock hatte am Ende der vergangenen Saison darauf hingewiesen, dass das Verpassen der Champions League zu deutlich geringeren Einnahmen führt. Zudem ist der sportliche Rückstand auf die Konkurrenz weiter gewachsen – auf Meister SC Magdeburg fehlten 22 Punkte.

Beim THW Kiel waren nun in der Analyse die Zweifel größer als der Glaube daran, dass es unter Jicha wieder einen Aufwärtstrend geben könnte.

Norddeutscher Rundfunk