Mit Gewichten an Armen und Beinen, einer fixierten Hand, einer Sehbeeinträchtigung oder einem Kinderwagen ausgestattet, versuchten Besucher am Tag der offenen Tür des Volksvereins Schrauben zu sortieren, Formulare auszufüllen oder Gegenstände zu transportieren. Was zunächst wie ein Spiel wirkte, wurde schnell zur Herausforderung: „Man merkt erst, wie viele Kleinigkeiten plötzlich schwierig sind, wenn man nicht so kann, wie man vielleicht will“, sagt ein Besucher.

Spiel wurde zur Herausforderung

Der Erlebnisparcours „In den Schuhen der Anderen“ gehörte am Sonntag zu den beliebtesten Angeboten auf dem Gelände an der Geistenbecker Straße. Ziel war es, den Besuchern einen Perspektivwechsel zu ermöglichen und Verständnis für die Herausforderungen anderer Menschen zu schaffen. „Es geht einfach darum, darzustellen, dass wir oft über Menschen schimpfen, die etwas nicht können“, erklärt Stefanie Neumann, Leiterin des Sozialdiensts des Volksvereins. „Hier bekommt man ein Bewusstsein dafür, wie es ist, wenn man im Alltag mit Hürden umgehen muss“, ergänzt sie.

Bei einer Betriebsführung griff Geschäftsführer Matthias Merbecks zunächst ein Thema auf, das die Einrichtung bis heute beschäftigt: das Hochwasser vom September des vergangenen Jahres. Fotos dokumentierten die Schäden, während über Lautsprecher Wassergeräusche zu hören waren. „Hier sind extra Folien aufgeklebt, damit man sieht, bis wo das Wasser stand“, bemerkt ein Besucher beim Rundgang.

Schäden durch Hochwasser

Besonders betroffen war ein Bildungsraum, den Merbecks den Besuchern zeigte. Der komplette Estrich musste nach dem Hochwasser entfernt werden. „Bis Januar standen hier noch die Bautrockner“, berichtet er. Inzwischen könne der Raum aber wieder uneingeschränkt genutzt werden – beispielsweise zum Lernen digitaler Kompetenzen.

Mitarbeitende des Volksvereins unterstützen Menschen unter anderem bei Online-Anträgen, Bewerbungen oder dem Umgang mit digitalen Bildungsangeboten. „Unser Motto ist immer: bilden, arbeiten, begegnen und beraten“, so Merbecks. Wie dieses Motto in der Praxis umgesetzt wird, kann man in den verschiedenen Arbeitsbereichen sehen: In der Schreinerei entstehen unter Anleitung Produkte für soziale Einrichtungen und Vereine. In einem anderen Bereich findet die Herstellung von kalt gepresstem Rapsöl statt, das regional vermarktet wird.

Dass hinter der Arbeit des Volksvereins weit mehr steckt als reine Beschäftigungsmaßnahmen, wurde an diesem Tag immer wieder deutlich. Ziel des Volksvereins ist es, Menschen zu unterstützen, die oft über lange Zeit von Arbeitslosigkeit oder sozialen Problemen betroffen waren. Wie wichtig diese Aufgabe ist, brachte Matthias Merbecks auf den Punkt: „Menschen, die lange Zeit ohne Arbeit waren, haben oft das Gefühl, nichts mehr wert zu sein. Aus diesem Gefühl der Wertlosigkeit muss man die Menschen rausholen.“