Der unvergessene Marcel-Reich-Ranicki wusste, wie man mit Büchern umgeht. Es genügt nicht, sie auf Papier zu besprechen und darauf zu hoffen, dass möglichst viele die klugen Einschätzungen beherzigen. Mindestens ebenso geht es darum, Wind zu machen und im besten Falle Menschen überhaupt erst zum Lesen zu bewegen. Das gelingt durch Anekdoten, durch Witz, Übertreibung und das Verbreiten guter Laune, ohne dass die Ernsthaftigkeit auf der Strecke bleibt. Kurz: im Stil des einstigen „Literarischen Quartetts“.

Der Kulturjournalist Lothar Schröder, der sich in Jahrzehnten im Feuilleton der Rheinischen Post einen Namen gemacht hat, nahm jetzt das 80-jährige Bestehen der Zeitung zum Anlass, einem kenntnisreichen Publikum in der Düsseldorfer Buchhandlung Müller und Böhm, also im Heine Haus, in etwas mehr als 80 Minuten 80 Bücher zu empfehlen, manche ausführlich, andere zeitgedrungen en passant.

Gleich die erste Empfehlung war eine Zumutung: 1200 Seiten „Don Quichotte“ von Miguel de Cervantes. Darin verliert ein Landadeliger durch die unentwegte Lektüre von Ritterromanen den Verstand, ernennt sich selbst zum fahrenden Ritter und zieht mit seinem Knappen Sancho Pansa durch Spanien, um das Böse zu bekämpfen und Abenteuer zu bestehen. In der gebotenen Eile erläuterte Schröder die literarhistorische Bedeutung des Mammutwerks und warum es Freude bereiten kann, sich davon in eine längst vergangene Zeit entführen zu lassen, ohne die Gegenwart aus den Augen zu lassen.

Wer Lothar Schröder kennt, wusste, dass auf seiner Empfehlungsliste Albert Vigoleis Thelen einen der vorderen Plätze belegen würde, ein Autor vom Niederrhein, der vor allem durch seinen Schelmenroman „Die Insel des zweiten Gesichts“ von 1953 Ruhm erlangte. Aus diesem wie auch aus einigen der anderen vorgestellten Bücher las Schröder eine Textpassage.

Immer wieder erheiterte er sein Publikum mit Erinnerungen an Schriftsteller, denen er beruflich begegnet ist. An Günter Grass zum Beispiel, der an der Düsseldorfer Kunstakademie studiert hatte und in dessen Buch „Beim Häuten der Zwiebel“ viel Düsseldorfer Kolorit eingeflossen sei.

Eine der weiteren Empfehlungen ist an Düsternis kaum zu übertreffen, „das Dunkelste, das ich jemals gelesen habe“, wie Schröder gestand: „Vom Nachteil geboren zu sein“, ein Büchlein des rumänischen Philosophen und Essayisten Emil Cioran. Ein anderes dunkles Buch empfahl Schröder ausführlich anhand von Textpassagen: „Entzug“ des aus Kalkar stammenden, heute in Berlin wohnenden Schriftstellers Christoph Peters. Es ist, in diesem Jahr erschienen, eine bewegende Selbstbeobachtung eines Menschen, der alkoholabhängig geworden ist, bis die Sucht sein Leben fast ruiniert hätte.

„Mit 80 Büchern um die Welt“, so lautete das Motto des Bücherabends. Geben wir zumindest noch einige Empfehlungen weiter, die ebenfalls auf der Liste stehen, die man mit nach Hause nehmen durfte: Georg Büchner, „Lenz“, Ernesto Cardenal, „Die Jahre in Solentiname“, Maarten t‘ Hart, „Bach und ich“, William Faulkner, „Licht im August“, David Grossman, „Stichwort: Liebe“, Robert Menasse, „Die Hauptstadt“, Leo Perutz, „Nachts unter der steinernen Brücke“, Olga Tokarczuk, „Unrast“, Kurt Vonnegut, „Schlachthof Nr. 5“ und Liao Yiwu, „Für ein Lied und hundert Lieder“.

Zum Schluss trug Lothar Schröder eine Passage aus Italo Calvinos Roman „Wenn ein Reisender in einer Winternacht“ vor. Der fordert zunächst seine Leserinnen und Leser auf: „Entspanne dich. Sammle dich. Schieb jeden anderen Gedanken beiseite.“

Auch dies ist eine gute Empfehlung, ob im Sommer oder im Winter.