Am Pariser Platz in Stuttgart. Diese von Glasfassaden eingepackte Granitplattenbrache liegt unweit der Ewigbaustelle Hauptbahnhof. „Bratpfanne“ nennen Einheimische das Areal. Es ist gegen 16 Uhr an einem der gegenwärtigen Hitzetage. Was wird das extra mitgebrachte Thermometer anzeigen?
Der Zeitpunkt ist so gewählt, dass die übliche Wärmespitze des Tages langsam erreicht wird. Die Quecksilbersäule schießt auf 44 Grad hoch – elf Grad mehr als es fünf Gehminuten entfernt in den Wohngebieten hangaufwärts Richtung Höhenpark Killesberg hat.
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Kümmerliche Bäumchen
„Brutal“, denkt man sich und hat auch gleich eine Erklärung parat. Obwohl die beschriebenen Hänge mit ihrer teilweisen Südausrichtung doch zentral den Sonnenstrahlen ausgesetzt sind, scheint einiges vorhandenes Grün die Wucht der Hitze zu dämpfen: Bäume, Gebüsch, selbst Rasen. Auf dem Pariser Platz ist davon bloß auf einem Randstreifen etwas zu sehen: Einige wenige Bäumchen, die bemitleidenswert kümmerlich wirken.
Der Hitzelogik folgend, quert dann auch kaum ein Mensch den Platz. Zwei jüngere Frauen, die nebenan im Schatten eines Bankgebäudes auf einer Bank Arbeitspause machen, warnen halb scherzend, halb ernst: „Wenn Sie da drüber laufen, werden Sie gebrutzelt.“

Blick auf den Pariser Platz im Stuttgarter Europaviertel. Er ist mit Granitplatten belegt und heizt sich gewaltig auf. (Foto: Uwe Jauß)
Dies mag nun übertrieben sein. Aber dennoch steht die Frage im Raum, warum der Pariser Platz so gestaltet wurde, wie er vor einem liegt. Wobei Ähnliches auf weiten Strecken ebenso für die anschließenden Straßen und Gebäude gilt: Beton- und Steinwüste.
Ein neues Viertel
Die Ecke nennt sich Europaviertel. Das Milaneo ist hier daheim, ein regional bekanntes riesiges Einkaufzentrum, dessen Komplex nebenbei noch ein Hotel, Büros und Wohnungen beinhaltet. Die neue Stadtbücherei wurde in das Viertel verlegt. Sie wirkt wie ein Turm, der sein Vorbild in der Knast-Architektur hat. Spottlustige Stuttgarter haben den Bau deshalb gleich nach seiner Fertigstellung als „Bücher-Gefängnis“ tituliert. Weiter Richtung Hauptbahnhof steht der verwirrend gebaute Riesenkomplex der Baden-Württembergischen Landesbank.
Es ist kein althergebrachter Stadtteil Stuttgarts, kein Ensemble aus vergangenen Zeiten, als es beim Bauen noch eher um kühlere Temperaturen, Regen oder Schnee gegangen ist. Was einmal mehr staunen lässt. Eigentlich würde man Architektur erwarten, die den modernen Klima-Entwicklungen Rechnung trägt.
Das Bauen fing erst 1990 an. Vorher lag an diesem Ort der Stuttgarter Güter- und Rangierbahnhof. Die Pläne waren hochfliegend. Die Landeshauptstadt wollte sich auf dem Gelände ein Stück weit neu erfinden. Das Europaviertel sollte von Osten und Norden her den glanzvollen Eingang zum Stadtzentrum markieren.
Ärgerliche Architektur
Ganz fertig gestaltet ist das Quartier jedoch bis heute nicht. Es wird Zug um Zug gebaut. Die Ersten waren die Landesbanker. Der Pariser Platz war beispielsweise 2004 fertig, der angrenzende Wohn- und Bürokomplex „Pariser Höfe“ erst 2013. Zuletzt ist der kolossale Turm am Mailänder Platz in die Höhe gezogen worden. Bezogen werden konnte er vor vier Jahren. Drinnen befindet sich ein Hotel.

Auf dem Pariser Platz steigt die Temperatur immer mehr. 44 Grad werden erreicht. (Foto: Uwe Jauß)
Zusammengefasst lässt sich sagen: Das Europaviertel wächst empor, seit die allgemeinen Wetterveränderungen hin zu mehr Hitze auch im Alltag spürbar geworden sind – und zwar immer heftiger. Inzwischen kommt es praktisch Jahr für Jahr zu neuen Wärmerekorden.
Klar, dass sich gerade Menschen rund um das Extrembeispiel Pariser Platz über die Architektur ärgern. Da ist etwa das Missionspärchen der Jehovas Zeugen, welches ihre Sicht des christlichen Glaubens unters Volk bringen will.
Ein Platz für Veranstaltungen
Der Mann und die Frau haben sich in eine Straßenschneise geflüchtet. Hier geht wenigstens ganz leicht ein Lüftchen. Mit Blick auf den von Hitze flirrenden Pariser Platz meinen die beiden: „Warum hat man nicht einen großen Brunnen mitten auf die Fläche gebaut? Darum dann Bäume gesetzt und Gras gepflanzt? Ein paar gepflasterte Wege hätten doch gereicht.“
Tatsächlich existiert sogar ein Brunnen. Im modernistischen Betonstil errichtet, wirkt er wie eine Regenwasserauffangstelle. Das Gebilde steht dabei ganz am Rand des Platzes. Es ist deshalb ein Fingerzeig auf die Grundidee des Pariser Platzes: Er wurde von den Stadtplanern als Veranstaltungsort konzipiert. Konzerte, Kleinkunst, Theater, Zirkus, das Jazz open und Ähnliches sollten stattfinden können – und tun es auch. Was wiederum schwer wäre, hätte der Platz eine parkähnliche Gestalt.
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Nichtsdestotrotz gibt es Anläufe, an dem Hitze-Hotspot etwas zu verändern. Im Abstimmungsportal zum Stuttgarter Bürgerhaushalt wurde 2023 eine Begrünung des Europaviertels gewünscht. Die Freien Wähler im Stuttgarter Gemeinderat möchten eine Nachbepflanzung des Platzes. „Man muss sich die Frage stellen, ob die aktuelle Ausstattung noch passt“, sagte deren Stadtrat Michael Schrade zuletzt zu örtlichen Medien.
Es existiert dazu sogar eine wissenschaftliche Studie, die diese Frage mit Nein beantwortet. Das Platzkonzept passe nicht, lautet die Erkenntnis. Bei der Arbeit handelt es sich um die vor einem guten Jahr abgeschlossene Bachelorarbeit von Lara Grossmann, seinerzeit Studentin an der Stuttgarter Hochschule für Technik. Ihre Studie legt nahe, dass vor allem Bäume fehlen. Sie würden durch ihre Schattenwirkung und Verdunstungskühlung am meisten Wirkung gegen Hitze erzielen. Sonnensegel könnte aber auch hilfreich sein.
Die Stadt reagiert zurückhaltend
Wobei ein Professor in der Öffentlichkeit bereits angezweifelt hat, ob das Thema im Rathaus wirklich ernst genommen wird. Er heißt Jan Cremers und ist Dekan der Fakultät Architektur und Gestaltung an der Hochschule für Technik. Eine Zeitung zitiert ihn im Hinblick auf Hitzeschutz folgendermaßen: „Ich habe den Eindruck: Andere Städte sind da weiter.“
Ob dies wirklich so ist, sei an dieser Stelle dahingestellt. Doch Reaktionen aus der kommunalen Verwaltung stützen die These des Professors. In Stuttgart ist hierzu Melanie Gerber-Hartmann vom Amt für Stadtplanung und Wohnen zu Wort gekommen. „Wir haben uns aus Ressourcengründen nicht mit dem Pariser Platz befasst“, gab sie zu.

Architektur im Stuttgarter Europaviertel. (Foto: Uwe Jauß)
Gleichzeitig hat sie dafür geworben, dem Platz in seiner jetzigen Gestalt noch mal eine Chance zu geben. Es solle abgewartet werden, wie er sich entwickele, wenn das letzte große Baufeld bebaut sei. Gemeint ist damit eine ausgedehnte Fläche, die nordwestlich an den Pariser Platz angrenzt. Büro-Bauten sind dort vorgesehen. Wann die ersten Bauarbeiter anrücken, ist aber offen.
Leere Kassen
Immerhin wird von der kommunalen Verwaltung verlautbart, man wolle ein Hitzeschutz-Konzept für den Platz entwickeln. Dann ließe sich auch sagen, wie hoch die Kosten seien. Womit ein wunder Punkt berührt ist: der des lieben Geldes. Stuttgart hat nämlich keines mehr. Die Stadt ist inzwischen, wie so viele Kommunen, hoch verschuldet und bringt nur noch Sparhaushalte auf den Weg.
Hinzu kommt, dass es mit einer Neugestaltung des Pariser Platzes nicht getan wäre. Er ragt aus der Hitze-Misere des Europaviertels nur unrühmlich heraus. Generell gesehen, hat jedoch das ganze Quartier ein Problem. Es fängt mit der Lage an. Die Hangneigung geht Richtung Süden. Ausgerechnet an dieser Stelle ist aber vor allem mit einer Mischung aus Glas und Beton gebaut worden – praktisch mit Backofen-Architektur.

Beton und Glas dominieren das Europaviertel. (Foto: Uwe Jauß)
Deren Hitze-Wirkung wird verstärkt, weil nicht nur am Pariser Platz mit Grün gespart wurde, sondern an anderen Ecken des Viertels ebenso. Entgegengesetzte Ideen waren zwar da, wurden jedoch verworfen – siehe den bereits erwähnten Turm am Mailänder Platz. Laut Plan hätte er eine Fassadenbegrünung bekommen sollen. Die Hauswand wird dabei zum Pflanzenrefugium.
Ein Treppenwitz
Stuttgart hat dafür schon Beispiele bei der Calwer Passage und dem Neckarpark. Eine solche Begrünung gilt als angesagtes Konzept zur Klimaverbesserung in Städten. Doch beim Turm am Mailänder Platz scheiterte es. Der Grund: Die vorgesehene Begrünung der Fassade war aus Gründen des Brandschutzes nicht zulässig.
Wie ein Treppenwitz mutet schließlich die Fortsetzung der Geschichte an. Nun sollten am Mailänder Platz weitere Bäume gepflanzt werden. Nicht berücksichtigt worden war, dass der Entwurf des verantwortlichen Architekten so etwas nicht vorsah. Wie in der Branche üblich, hat er ein Urheberrecht auf seinen Bau und dessen Gestaltung. Und dieses sieht mehr Bäume eben nicht vor. Die kommunale Verwaltung musste die Pflanzaktion absagen.
Es hätte noch schlimmer kommen können
Damit aber nicht genug. Auf dem Mailänder Platz wäre anderswo Platz für Bäume gewesen – wenigstens oberirdisch betrachtet. Unterirdisch verläuft dort aber der Tunnel Wagenladungsstraße als weitere Erschließungsroute für das Europaviertel. Die Überdeckung der Röhre ist gering. Weshalb die Stadt nur attestieren konnte, dass Bäume an diesem Ort keinesfalls Wurzeln schlagen könnten.
Also bleibt bis auf Weiteres alles, wie es ist – bloß die Temperaturen bewegen sich. Als man am Schluss des Besuchs am Pariser Platz etwas kaltes Trinkbares sucht, führen die Schritte zu einer Burger-Grill-Bar. Hans-im-Glück nennt sich das gemütlich wirkende Etablissement. Ein Spezi wird gebracht. Die Kellnerin tratscht ein wenig. „Gestern war es mit der Hitze noch schlimmer“, meint sie verschwitzt. Kaum zu glauben. Da ist es einem offenbar mit den selbst gemessenen 44 Grad noch glimpflich ausgegangen.