Bereits seit Jahren verläuft die Kriegsfront im Osten und Südosten der überfallenen Ukraine. Da kann man leicht vergessen, dass die Invasion 2022 auch vom Norden aus begann. Das mit Russland verbündete Belarus war Aufmarschgebiet für die russischen Truppen, die bis nach Kyjiw vordrangen.
Nach wie vor spielt Belarus eine wichtige Rolle in der russischen Kriegsplanung: Moskau hat taktische Atomwaffen im verbündeten Nachbarland stationiert, das unter der Einflusssphäre des Kremls steht. Belarus produziert Rüstungsgüter für die in der Ukraine kämpfende russische Armee. Beides ist schon länger bekannt. Neu ist dagegen, dass die Spannungen zwischen der Ukraine und Belarus jüngst zugenommen haben.
Ukraine droht Belarus mit Attacken – Belarus gibt offenbar nach
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj drohte mit Angriffen, wenn Belarus nicht bis zum 26. Juni Signalverstärker abbaut, die Russland für die Navigation seiner Angriffsdrohnen nutze. Der Kommandeur der ukrainischen Nationalgarde warnte die Belarussen außerdem vor einem Kriegseintritt, der schlecht für sie ausginge.
Am Mittwoch gab Selenskyj laut einem Medienbericht bekannt, dass die Signalverstärker seit ein paar Tagen nicht mehr in Betrieb seien. Unklar bleibt, ob sie abgebaut oder nur vorübergehend abgeschaltet wurden.
Aus Belarus selbst kamen zuvor versöhnliche Töne: Machthaber Alexander Lukaschenko behauptete in einem Interview, dass die Ukraine nichts zu befürchten habe. Ist nun eine Kriegsgefahr im Norden der Ukraine gebannt?
Belarussische Opposition stellt Kriegsvorbereitung fest
Die ins Ausland geflüchtete belarussische Opposition jedenfalls ist sich sicher: Seit 2022 habe Lukaschenko sein Land schrittweise auf einen möglichen direkten Krieg mit der Ukraine vorbereitet.
„Das Lukaschenko-Regime ist potenziell für einen Eintritt in den Krieg bereit“, heißt es in einer Analyse von belarussischen Oppositionspolitikern, die ins Exil gezwungen wurden. Der Bericht wurde im Juni dem ukrainischen Außenminister Andrij Sybiha übergeben. Die Exilpolitiker listen darin eine Reihe von Indizien für die wachsende Kriegsfähigkeit von Belarus auf:
- Belarus habe seinen Status als neutraler, nicht-nuklearer Staat aufgegeben; Truppen könnten nun ins Ausland geschickt werden, sogenannte Präventivschläge seien möglich.
- Seit 2022 habe sich die Zahl der Vertragssoldaten um das 1,5-Fache erhöht.
- 2025 seien die Verteidigungsausgaben gegenüber dem Vorjahr um 32 Prozent gestiegen.
- Die Gesellschaft werde militarisiert: Propagandasendungen verbreiteten das Bild einer Bedrohung durch Nato und Ukraine, Kinder würden gezielt ans Militär herangeführt.
06.01.2023, Belarus, Obus-Lesnowski: Lukaschenko (vorne links) trifft Spitzenbeamte des Militärs.
© dpa/Andrei Stasevich
Keines der Indizien bedeutet, dass Belarus garantiert in den Krieg gegen die Ukraine ziehen wird. Das räumen die Verfasser der Analyse selbst ein. Die Vorbereitungen für diesen Fall wurden demnach aber getroffen.
Was für einen neuen Krieg spricht – und was dagegen
Wie wahrscheinlich ist es, dass es zum direkten Krieg zwischen Belarus und der Ukraine kommen wird? Der Tagesspiegel hat bei Artyom Shraibman nachgefragt, einem Experten für Belarus. Der Austausch fand statt, bevor bekanntgegeben wurde, dass die Signalverstärker außer Betrieb seien.

Artyom Shraibman ist belarussischer Politologe und Non-Resident Scholar am Carnegie Russia Eurasia Center in Berlin.
1 Pro: Die Eskalationsgefahr ist da
Angesichts der ukrainischen Drohungen in Richtung seines nördlichen Nachbarn sah Shraibman definitiv eine Eskalationsgefahr: Sollte die Ukraine tatsächlich Signalverstärker in Belarus angreifen, könnte sich das Land und auch Russland zu Reaktionen genötigt fühlen. „Man hat nicht immer unter Kontrolle, wie sich gegenseitige Bedrohungen oder Ultimaten entwickeln“, sagte Shraibman.
2 Contra: Ukraine hat kein Interesse an weiterer Front
Gleichwohl sprachen für den Experten mehrere Gründe gegen einen Krieg zwischen der Ukraine und Belarus. Er liege schlicht nicht im ukrainischen Interesse, weil die Armee mit der Verteidigung etwa gegen die russischen Raketen bereits genug zu tun habe. Die Ukraine wolle Lukaschenko Angst machen, jedoch keinen umfassenden Krieg provozieren.
3 Contra: Das belarussische Militär ist schwach
Umgekehrt wisse der belarussische Machthaber sehr genau, wie schwach sein eigenes Militär ist. Die Opposition bezifferte die Zahl der Soldaten für das Jahr 2024 auf gerade mal 48.600, dazu kämen 63.000 Beschäftigte in der Militärverwaltung. Selenskyj dagegen gab die Stärke der ukrainischen Armee zuletzt mit 800.000 Soldaten an. Das dürfte übertrieben sein – aber auch wenn es tatsächlich nur halb so viele sind, ist die personelle Überlegenheit gegenüber den belarussischen Streitkräften eklatant.
Die belarussische Armee ist schwach, unerfahren und nicht groß.
Experte Artyom Shraibma
Auch Shraibman attestierte der Truppe, die noch nie im Kriegseinsatz war, Schwäche. Das liege auch daran, dass ihr große Drohneneinheiten fehlten – also genau jene Heeresteile, die im Ukraine-Krieg unverzichtbar geworden sind.
4 Contra: Russland braucht Frieden in Belarus – für seinen Krieg
Doch was ist mit Russland? Außenminister Sergej Lawrow drohte jüngst mit Gegenmaßnahmen im Falle eines ukrainischen Angriffs auf Belarus. Daraus ergibt sich die Gefahr, dass der Kreml das Land mit in den Krieg ziehen, oder zumindest von dort aus wieder in der Ukraine attackieren könnte. Das „Wall Street Journal“ berichtete über steigenden Druck aus Moskau, Belarus etwa als Abschussort für Kampfdrohnen in Richtung Ukraine zu nutzen.
Shraibman gab allerdings zu bedenken, dass Russland an einer Eskalation kein Interesse haben dürfte.
Putin hätte in der Vergangenheit bereits mehrere Gelegenheiten gehabt, Lukaschenko zu einer größeren Beteiligung am Krieg zu drängen, dies jedoch nicht getan. Auch die Zahl der russischen Truppen in Belarus sei mit 1500 bis 2000 Soldaten gering – und es gebe keine Hinweise darauf, dass auf russischer Seite Kapazitäten für eine Erhöhung bestünden.
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Für Putin wäre es unklug, Belarus direkt in den Krieg zu verwickeln. Zwei belarussische Öl-Raffinerien arbeiteten demnach rund um die Uhr, um Russland mit Treibstoff zu versorgen. Das ist ein knapper werdendes Gut, da die Ukraine ihre Luftangriffe auf die russische Ölindustrie stark ausgeweitet hat. Auch die belarussische Militärindustrie stehe voll im Dienst der Russen. All das wäre gefährdet, wenn es auf belarussischem Gebiet zum Krieg käme.
Lesermeinungen zum Artikel
„Ein Angriff der Ukraine, sei er noch so klein und auf den Punkt konzentriert, würde eine Reaktion verlangen, um nicht als schwach und angreifbar dazustehen. Werden dadurch militärische und andere Mittel abgezogen, die bisher zur Unterdrückung der eigenen Bevölkerung benötigt werden, könnte das die Bevölkerung zu einem neuen Aufstand ermutigen. Die Belarussen haben da Erfahrung.
In dem Szenario ist entscheidend, ob Lukaschenko denkt, die Ukraine würde ihre Drohung umsetzen und er das verhindern will.“
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Das „Aber“ zum Schluss
Was man bei alldem wissen muss: Nur, weil mehr Gründe gegen einen Krieg sprechen als dafür, ist die Gefahr nicht gebannt. Die Militärgeschichte lehrt, dass Kriege oft aus irrationalen Gründen begonnen werden. Wir erinnern uns: Auch kurz vor dem russischen Einmarsch in die Ukraine hielten viele Beobachter diesen Schritt für unwahrscheinlich. Putin ging ihn dennoch, trotz aller absehbaren Nachteile für sein Land. (mit Reuters/dpa)
Anmerkung: Das Dokument der belarussischen Opposition wurde mithilfe mehrerer KI-Tools übersetzt.