Die Diskussion über das Dortmunder Nachtleben bei Port+Puls hat den Verband der Dortmunder Clubbetreiber zu einem offenen Brief bewegt. Das ist der gesamte Text im Wortlaut.

Mit Interesse haben wir die Gespräche im Rahmen von Port+Puls über das Dortmunder Nachtleben und die daraus entstandene öffentliche Diskussion verfolgt. Als Interessengemeinschaft Dortmunder Club- & Konzertkultur begrüßen wir grundsätzlich jeden Austausch darüber, wie Dortmund attraktiver, vielfältiger und lebenswerter werden kann. Deswegen möchten wir als Branchenverband unsere Perspektive in die Diskussion einbringen.

Seit Jahrzehnten schaffen Clubs, Konzertveranstalter, Livemusik-Spielstätten, Festivals, Bars, Kneipen und Kulturorte ein vielfältiges Angebot für unterschiedliche Zielgruppen. Die Dortmunder Club- und Konzertkultur wurde über viele Jahre von engagierten Unternehmern, Veranstaltern und Kulturschaffenden aufgebaut und weiterentwickelt. Die Einschätzung, dass Dortmund ein fehlendes Angebot an Veranstaltungen und Events hätte, entspricht aus unserer Sicht nicht der Realität.

„Menschen gehen gezielter aus“

Wenn Dortmund tatsächlich zu wenig Angebot hätte, müssten konsequenterweise sämtliche Clubs, Konzerte und Veranstaltungen regelmäßig ausverkauft sein. Denn tatsächlich beobachten wir vielmehr seit Jahren einen bundesweiten Wandel des Ausgehverhaltens. Menschen gehen heute gezielter aus, wählen bewusster aus und entscheiden sich häufiger für einzelne „Highlights“ statt für regelmäßige Ausgehgewohnheiten.

Neben veränderten Freizeitgewohnheiten spielen auch wirtschaftliche Faktoren eine Rolle. Steigende Lebenshaltungskosten führen dazu, dass viele Menschen ihre Freizeitbudgets bewusster einsetzen und häufiger kostenfreie oder niedrigschwellige Angebote nutzen. Diese Entwicklung betrifft nicht nur Dortmund, sondern die gesamte Veranstaltungs- und Gastronomiebranche bundesweit.

Gleichzeitig beobachten wir eine deutliche Verlagerung vieler Freizeitaktivitäten vom klassischen Nachtleben hin zu Tages- und frühen Abendformaten. Open-Air Veranstaltungen, Feierabendformate, Kulturveranstaltungen am Nachmittag erfreuen sich wachsender Beliebtheit.

„Stärke Dortmunds liegt in Vielfalt“

Das Nachtleben und Ausgehverhalten wandelt sich also gerade dynamisch und erzeugt so neue Herausforderungen für die Branche, die aufmerksam verfolgt werden müssen. Häufig wird für Dortmund auch die Schaffung eines generellen, zentralen Ausgehviertels angeregt. Doch in der Realität sind solche Bestrebungen aus unserer Sicht illusorisch. Die immer wieder geäußerte Nostalgie bezüglich früherer Ausgehviertel wie dem Ostwall oder dem Thier-Areal können wir natürlich nachvollziehen.

Viele Menschen verbinden mit diesen Orten persönliche Erinnerungen, Freundschaften, erste Clubbesuche und prägende Lebensabschnitte. Allerdings verfügt Dortmund bereits über eine über Jahrzehnte gewachsene Club- und Konzertkultur, die sich über verschiedene Stadtteile und Veranstaltungsorte entwickelt hat. Diese Strukturen lassen sich nicht einfach entwurzeln und an einem Ort bündeln oder neu erschaffen.

Die Stärke Dortmunds liegt gerade in seiner Vielfalt und in den unterschiedlichen Orten, die das Nachtleben prägen. Eine lebendige Stadt zeichnet sich nicht dadurch aus, dass sie unverändert bleibt, sondern dadurch, dass sie sich weiterentwickelt, ohne ihre Wurzeln zu vergessen. Die Geschichte des Dortmunder Nachtlebens endet nicht mit dem Ostwall oder dem Thier-Areal – sie wird jeden Tag von bestehenden und neuen Akteur*innen fortgeschrieben.

„Menschen reisen nach Dortmund“

Auch der Eindruck, das Dortmunder Nachtleben spiele vor allem für die eigene Stadtbevölkerung eine Rolle, wurde nun häufiger geäußert. Unsere Erfahrungen und die regelmäßigen Auswertungen von Ticketverkäufen zeichnen jedoch ein anderes Bild. Je nach Veranstaltung stammt rund ein Drittel der Ticketkäufer*innen aus Städten und Gemeinden außerhalb Dortmunds. Menschen reisen also gezielt für Konzerte, Clubveranstaltungen und kulturelle Angebote nach Dortmund.

Das zeigt: Dortmund ist nicht nur Ausgehstadt für Dortmunder*innen. Die Stadt war und ist ein relevanter Anlaufpunkt für Besucher*innen aus der gesamten Region. Das oft beschriebene schlechte Verhältnis zwischen Verwaltung und kulturellen Akteur*innen entspricht ebenfalls nicht unserer Erfahrung. Viele Veranstaltungen, Konzerte und kulturelle Projekte konnten in den vergangenen Jahren nur deshalb erfolgreich umgesetzt werden, weil Verwaltung, Politik und Branche gemeinsam nach Lösungen gesucht haben.

„Zusammenarbeit ist konstruktiv“

Die Zusammenarbeit ist aus unserer Sicht konstruktiv und hat wesentlich dazu beigetragen, Dortmund als Kultur- und Veranstaltungsstandort weiterzuentwickeln. So wurde gemeinsam in den letzten sechs Jahren viel für die Dortmunder Nachtökonomie erreicht: die Abschaffung der Vergnügungssteuer und der Sperrstunde, die Schaffung der Stelle des Nachtbeauftragten sowie die Einrichtung eines Clubpreises. In dieser Summe ist uns eine vergleichbare Entwicklung aus keiner anderen Großstadt bekannt. Natürlich wünschen auch wir uns weniger Bürokratie und schnellere Verfahren.

Dabei sollte jedoch nicht übersehen werden, dass Verwaltung und Ordnungsbehörden bestehende Gesetze, Verordnungen und Satzungen anwenden müssen. Wenn Regelwerke modernisiert oder vereinfacht werden sollen, sehen wir vor allem die Politik auf Bundes- & Landesebene in der Verantwortung. Entsprechenden Änderungen stehen wir ausdrücklich offen gegenüber. Als Interessengemeinschaft Dortmunder Club- & Konzertkultur verstehen wir uns seit Jahren als Ansprechpartnerin für genau diese Fragen.

„Stärken sichtbar machen“

Wir unterstützen Veranstalter*innen, Kollektive und neue Akteur*innen dabei, Ideen einzuordnen, Erfahrungen weiterzugeben, Kontakte herzustellen und Wege durch bestehende Strukturen zu finden. Wir freuen uns über jeden Menschen, jedes Kollektiv und jede Initiative, die in Dortmund etwas bewegen möchte. Wer mit einer Idee auf uns zukommt, findet bei uns offene Türen und die Bereitschaft, konstruktiv zu unterstützen.

Die Herausforderung für Dortmund besteht also nicht darin, ein fehlendes Nachtleben zu schaffen. Dieses gibt es längst und es ist vielfältig und dynamisch. Die eigentliche Aufgabe besteht darin, die vorhandenen Stärken selbstbewusst sichtbar zu machen, gewachsene Strukturen zu sichern und die nächste Generation von Veranstalter*innen, Kulturschaffenden und Gästen für diese Stadt zu begeistern.

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