Für Günter Groll ist es schlichtweg eine Katastrophe. Der kaufmännische Leiter des Kita-Zentrums St. Simpert in Augsburg beschreibt mit diesem Wort die Situation rund ums Personal in den Kindergärten und Krippen im Bistum Augsburg, zu dem auch der Landkreis gehört. Doch hätte sich der Ausdruck „Katastrophe“ noch vor wenigen Jahren darauf bezogen, dass einfach nicht genügend Erzieherinnen und Kinderpflegerinnen für die vielen freien Stellen in den Einrichtungen zu finden wären, ist es jetzt genau andersherum. Das Kita-Zentrum versucht mit allen Mitteln, sein Personal zu halten, denn seit wenigen Jahren sind immer weniger Kinder zu betreuen. Das gelingt jedoch nicht mehr überall.
St. Simpert betreibt Kitas im Landkreis Augsburg
Das Kita-Zentrum St. Simpert gibt es seit knapp zehn Jahren. Der damalige Bischof Konrad Zdarsa hatte die Gründung der Stiftung angeregt, um Kirchenstiftungen im Bistum als Träger für Kindertageseinrichtungen zu unterstützen. Inzwischen kümmern sich 9000 Beschäftigte von St. Simpert um 34.000 Kinder, vor allem in Krippen und Kindergärten. Auch in den meisten Städten und Gemeinden im Landkreis Augsburg ist St. Simpert tätig. Bis vor Kurzem war das Problem oft genug, dass der Betrieb in den Kitas nicht immer durchgehend aufrechterhalten werden konnte. Der Grund: Kam es zu Krankheitsfällen, Schwangerschaften oder anderen Ausfällen beim Personal, waren oft nicht genügend Reservekräfte da. Zum Leidwesen der Familien mussten immer wieder Gruppen kurz- oder auch längerfristig schließen. Jetzt hat sich das Problem verlagert.
Der Geburtenrückgang ist inzwischen ein belegter Trend
Denn seit 2022 kommen in ganz Bayern deutlich weniger Kinder auf die Welt als in den Vorjahren. Der Höhepunkt war 2021 erreicht, damals wurden im Landkreis Augsburg 2634 Babys geboren. Drei Jahre später waren es nur noch 2267. Christian Rindsfüßer, Geschäftsführer des Instituts SAGS Augsburg für Sozialplanung, Jugend- und Altenhilfe, Gesundheitsforschung und Statistik, warnte vor einigen Monaten gegenüber unserer Redaktion: „Die Jahre 2022 und 2023 könnte man als Ausreißer betrachten, doch mit 2024 kippt das. Wenn die geringe Geburtenzahl auch 2025 anhält, dann hätten wir einen Trend.“ Wie sehen die Zahlen nun für 2025 aus?
„Der Trend ist da und wissenschaftlich bestätigt“, sagt Christian Rindsfüßer heute. Für den Landkreis Augsburg lagen die Geburten im vergangenen Jahr bei geschätzt 2119, eine gesicherte statistische Zahl liegt aktuell noch nicht vor. Genau das spürt das Kita-Zentrum St. Simpert vor allem in den Krippengruppen. Günter Groll berichtet von Gemeinden, in denen es statt vier Krippengruppen aktuell nur noch zweieinhalb gibt. Die Frage für das Kita-Zentrum ist nun: Was passiert mit dem Personal?
Diedorf ermöglicht besseren Betreuungsschlüssel in der Kita
St. Simpert schweben aktuell mehrere Lösungen vor. „Man kann mal ein Jahr abwarten und schauen, wie sich das entwickelt“, so der kaufmännische Leiter. Doch Personal zu halten, sei teuer. Dabei sei man auf politische Hilfe angewiesen. Wie etwa in Diedorf: Dort hat der Hauptverwaltungsausschuss vor wenigen Tagen beschlossen, einen besseren Betreuungsschlüssel zu ermöglichen. Das bedeutet: In den Diedorfer Kitas unter St. Simpert-Führung werden im kommenden Kindergartenjahr ab September 2026 weniger Kinder von einer Betreuungskraft versorgt. Im Schnitt sind es dann 7,5, zuvor lag der Wert bei rund zehn Kindern pro Erzieherin oder Kinderpflegerin. Günter Groll hat noch weitere Ansätze.
„Wir bieten dem Personal an, als Springerin zu arbeiten und im Umkreis von 40 Kilometern in Kitas auszuhelfen, an denen gerade ein Mangel besteht“, beschreibt er. Der Fahrtweg gelte dabei als Arbeitszeit, erklärt er einen weiteren Anreiz. Im Idealfall könnte es sich ergeben, dass eine Erzieherin oder Kinderpflegerin sich am neuen Einsatzort so wohlfühlt, dass sie dort fest einsteigen möchte. Doch auch diese Zusagen helfen nicht mehr überall. In anderen Landkreisen, etwa im Raum Aichach, muss das Kita-Zentrum St. Simpert auch betriebsbedingte Kündigungen aussprechen.
Schulkindbetreuung in Ganztagsschulen als Ausweg?
Wo könnten diese Kinderpflegerinnen und Erzieherinnen in Zukunft einen Arbeitsplatz finden? „Wahrscheinlich in der Schulkindbetreuung an den Grundschulen“, meint Günter Groll mit Blick auf die kommenden Jahre. Doch auch das wird wohl nur ein Job auf Zeit sein. Denn ab 2033 werden die ersten geburtenschwachen Jahrgänge, die aktuell vom Krippen- in den Kindergartenbereich wandern, bereits die weiterführenden Schulen erreicht haben, erinnert Christian Rindsfüßer.
Wie sich die Entwicklung auf die Berufsplanung einer jungen Frau und ihrer Klassenkameradinnen auswirkt, lesen Sie hier.