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Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser,

Vergangenheitsbewältigung ist ein deutsches Wort. Zum Glück. Die Erinnerung an die Verbrechen der eigenen Vorfahren ist eine Errungenschaft, deren heilsame, ja sogar heilende Wirkung sich gar nicht hoch genug schätzen lässt. Man merkt das besonders, sobald es daran mangelt. So wie dieser Tage, denn die Massaker der 1940er Jahre sind wieder präsent. Sie sorgen für Sprengstoff, als sei die Zeit stehengeblieben. Diesmal allerdings spielen Deutsche dabei nur eine Nebenrolle.

Die Gräuel, die jetzt die Lebenden wieder beschäftigen, haben sich überwiegend in abgelegenen Dörfern zugetragen, umgeben von Wald, fern jeder Hilfe. Die Mörder umringten die Siedlungen, trieben die Bewohner zusammen und verschleierten ihre Absichten, um Widerstand zu verhindern. In dem Flecken Wola Ostrowiecka zum Beispiel wurden die männlichen Bewohner in Grüppchen zu einer „medizinischen Untersuchung“ fortgebracht, in eine Scheune geführt und dort zu Tode gehackt. Frauen und Kinder endeten in der Schule, dann flogen Handgranaten hinein. Mehr als 500 Menschen starben in dem Dorf; es existiert nicht mehr.

Das Morden erfasste ganze Regionen, die heute zum Westen der Ukraine gehören. In Wolhynien, wo sich bis zum Zweiten Weltkrieg die polnische und ukrainische Bevölkerung mischte, begann 1943 ein jahrelanges Gemetzel. Treibende Kraft hinter dem Töten war die Ukrainische Aufständische Armee, kurz UPA: eine Miliz, die als militärischer Arm der ukrainischen Nationalisten für die Unabhängigkeit ihres Landes kämpfte. In der ethnisch „reinen“ Vision dieses Staates hatten Polen, die dort ebenfalls zuhause waren, keinen Platz. Als das Massaker nach dem Krieg endete, waren 60.000 bis 90.000 Polen tot.

UPA-Kämpfer in den 1940er Jahren.Vergrößern des BildesUPA-Kämpfer in den 1940er Jahren. (Quelle: LUPA/Kyiv Post)

Zahlreiche Kommandeure und Milizionäre der UPA hatten ihr Handwerk von den deutschen Besatzern gelernt. Als Hilfspolizisten eigneten sie sich die Methoden der SS an, während Hitlers Schergen die Juden der Region massakrierten: In der Schlucht Babi Jar am Rande Kiews erschossen SS-Einheiten an zwei Tagen fast 34.000 ukrainische Juden. Insgesamt starben während der deutschen Massaker allein an diesem Ort mindestens 100.000 Menschen. Der Schriftsteller Jonathan Littell hat die Massenmorde in seinem Roman „Die Wohlgesinnten“ beschrieben. Ein Buch, das jeder Deutsche gelesen haben sollte.

Zum Bild der 1940er Jahre gehört aber auch die polnische Rache an den Ukrainern. Der Übergang von der Selbstverteidigung über den legitimen Gegenangriff zu Massakern gestaltete sich fließend und mündete nach dem Zweiten Weltkrieg in weitere Gräueltaten, schließlich auch auf polnischem Gebiet: Zwischen 15.000 und 30.000 ukrainische Opfer gehen auf die Rechnung polnischer Mörder. Wie zuvor die UPA setzten nun auch die Kommunisten in Warschau auf „ethnische Säuberungen“. Ukrainische Gemeinschaften auf polnischem Boden wurden auseinandergerissen und zwangsumgesiedelt.

Massenmord, Brutalität und Vertreibung spielten sich damals in einem Maßstab ab, der das Vorstellungsvermögen von uns Heutigen sprengt. Deutsche dominierten den Zweiten Weltkrieg als Volk der Täter, später wurden auch viele von ihnen zu Opfern. Dieser Aspekt steht im deutschen Gedenken aber nicht im Mittelpunkt. Und das ist richtig. Zu groß waren die eigenen Verbrechen, zu klar verteilt die Rollen von Aggressor und Angegriffenen. Damit kann man nur umgehen, indem man sich mit der Schuld der eigenen Nation auseinandersetzt – um die Ursachen aufzuklären, die Mechanismen der Verrohung im Bewusstsein zu halten und dafür zu sorgen, dass so etwas nie wieder passiert.

Präsidenten Selenskyj, Nawrocki.Vergrößern des BildesPräsidenten Selenskyj (l.), Nawrocki. (Quelle: Imago)

Aber es geht leider auch anders. Damit sind wir in der Gegenwart angekommen, genauer gesagt in Danzig. In der Hafenstadt an der Ostsee haben sich gestern Delegierte aus mehr als 50 Ländern versammelt, um den Wiederaufbau der Ukraine vorzubereiten. Bundeskanzler Friedrich Merz gab sich die Ehre, EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen dito. Nicht mit von der Partie war die eigentliche Hauptperson Wolodymyr Selenskyj. Stattdessen hat der ukrainische Präsident nur seine Ministerpräsidentin zur Konferenz entsandt. Und noch etwas hat er mitgeschickt: den höchsten polnischen Ehrenorden, mit dem er vor drei Jahren ausgezeichnet worden war. Mit der Post. Als Retoure. Polens Präsident Karol Nawrocki hat Selenskyj den Orden nämlich aberkannt.

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Der Grund? Die Vergangenheit. Die UPA, also jene Untergrundarmee, die in den 1940er Jahren Massenmorde in Wolhynien beging, wurde kürzlich als Namenspatron einer ukrainischen Militäreinheit herangezogen: Selenskyj hat die Krieger von heute mit dem Beinamen „Helden der ukrainischen Aufständischen Armee (UPA)“ geehrt. In Polen ist man darüber verständlicherweise entsetzt. In der Ukraine wiederum ist man über die polnische Aufregung erzürnt. Denn nicht nur die politische Spitze in Kiew, sondern auch erhebliche Teile der Bevölkerung leisten sich den Luxus, nur auf den heroischen Kampf der UPA für die Unabhängigkeit des Landes zu schauen und die Gräueltaten an zehntausenden Polen für übertrieben zu halten oder nicht wahrhaben zu wollen. Und nun kracht es. Das passiert, wenn man die Vergangenheit lieber in der Schublade verschwinden lässt, statt sie aufzuarbeiten. Es ist unklug. Geschichte geht nicht einfach weg.

In Polen wiederum hat der rechtspopulistische Präsident Nawrocki die Vergangenheit zur parteipolitischen Keule umgeschmiedet. Angesichts der vielen ukrainischen Flüchtlinge ist die Stimmung sowieso nicht die beste. Polnische Bauern fühlen sich von ukrainischen Exporten bedroht, was immer wieder zu Protesten führt. Von der nationalistisch eingefärbten Empörung profitiert die rechte PiS-Partei, der Nawrocki nahesteht. Auf dieser Welle lässt sich politisch surfen. Respekt vor den Toten sieht aber anders aus.

Vergangenheitsbewältigung ist nicht nur ein sperriges Wort, sondern auch mühsame Arbeit. Manchmal nervt sie. Und sie ist immer unangenehm. Es wäre so viel einfacher, die Geschichte für abgeschlossen zu erklären. Warum das nicht funktioniert, zeigt uns der ukrainisch-polnische Disput. Die Vergangenheit kann man weder ignorieren noch schönfärben, wie Kiew es versucht, denn dann verwandelt sich die alte Schuld in neuen Streit. Genauso wenig darf man die Geschichte als Steinbruch missbrauchen, um Ressentiments zu schüren und davon politisch zu profitieren, wie Polens Präsident Nawrocki es tut.

Ich erspare Ihnen hier einen Vortrag über jene Typen, die in Deutschland eine „erinnerungspolitische Wende“ predigen, wie der AfD-Rechtsextremist Björn Höcke. Oder die die dunklen Seiten der Geschichte zum „Vogelschiss“ umdichten, wie AfD-Urgestein Alexander Gauland. Befassen wir uns lieber damit, was Vergangenheitsbewältigung heißt, was also auf dem Aufgabenzettel steht. Es bedeutet, sich mit den Tätern unter den eigenen Vorfahren auseinanderzusetzen, die Schuld der eigenen Nation anzuerkennen und zu den Opfern Brücken zu bauen. Es bedeutet auch, wo es dazu Anlass gibt, der eigenen Opferrolle ins Gesicht zu blicken, um den Tätern am Ende nicht mit Vergessen, aber mit Versöhnung begegnen zu können. Dann können die Wunden der Vergangenheit langsam heilen. Alles andere schlägt fehl. Mit Zeigefinger und Verleugnung gibt das Gestern niemals Frieden.