Es ist ein Bild der Verwüstung. In Belfast kehren Bewohner am Mittwoch nach den Ausschreitungen zu ihren Häusern zurück, die sind gezeichnet von der Gewalt der Nacht. Vor den Gebäuden stehen ausgebrannte Autos, Fenster sind zerbrochen, Türen verrußt. In den britischen Medien laufen die Bilder der Gewalt am Vorabend in Dauerschleife: Menschen, darunter auch Kinder, fliehen aus brennenden Häusern, die maskierte Männer angezündet haben. Angegriffen werden offenbar gezielt Migranten. Großbritannien hat in den vergangenen Jahren immer wieder Ausschreitungen erlebt. Doch das Ausmaß der Gewalt in Belfast schockiert besonders. Beobachter sprechen von einem „Kriegsgebiet“.
Auslöser der Unruhen war ein Messerangriff am Montagabend in einem Wohngebiet im Norden der Stadt, bei dem ein Mann schwer verletzt worden war. Bei dem mutmaßlichen Täter handelt es sich laut Polizei um einen 30 Jahre alten Mann aus dem Sudan. Über das Motiv war zunächst nichts bekannt, es gab keine Hinweise auf einen terroristischen Hintergrund. Ein Video der Tat, das zeigt, wie der Verdächtige mit einer Machete in der Hand nach dem Angriff über dem Opfer kniet, verbreitete sich rasant in den sozialen Medien. Elon Musk teilte die Beiträge. Damit bekam ein lokales Gewaltverbrechen binnen Stunden ein internationales Echo.
Demonstrationen gegen Migration
Einen Tag nach der Tat versammelten sich Hunderte Menschen, um gegen Migration zu demonstrieren. Für Bewohner weckten die Bilder der Ausschreitungen Erinnerungen an den Nordirlandkonflikt, der bis zum Friedensabkommen von 1998 mehr als drei Jahrzehnte lang das Leben in Belfast prägte. Damals bekämpften sich katholische Nationalisten und protestantische Unionisten. Straßenschlachten und politische Gewalt gehörten vielerorts zum Alltag.
Politiker bemühten sich um Deeskalation. Michelle O’Neill, Regierungschefin des Landesteils, und andere nordirische Politiker mahnten, ein einzelnes Verbrechen dürfe nicht zur Hetze gegen ganze Bevölkerungsgruppen genutzt werden. Auch aus London blickt man höchst besorgt nach Belfast: Labour-Premierminister Keir Starmer verurteilte die Gewalt aufs Schärfste.
Gewalt fällt in Nordirland auf fruchtbaren Boden
Es war die Herkunft des mutmaßlichen Täters, die Zorn und Wut schürte: Nach Angaben der Polizei kam der 30-Jährige zunächst aus dem Sudan nach Paris und reiste im Februar 2023 von Dublin mit dem Bus nach Belfast, wo er Asyl beantragte. Dass Menschen sich auch nach dem Austritt Großbritanniens aus der EU relativ frei zwischen der Republik Irland und Nordirland bewegen können, wurde von einigen Politikern nun als „Sicherheitslücke“ bezeichnet, die von Migranten ausgenutzt werde. Das ist heikel, denn es ist ein zentrales Element des Friedensprozesses.
Der Fall folgt einem Muster, das Großbritannien seit den Ausschreitungen nach dem Messerangriff im englischen Southport im Juli 2024 kennt. Damals hatten Falschmeldungen, der Täter sei ein muslimischer Asylbewerber, binnen weniger Stunden Proteste sowie Gewalt gegen Migranten und Muslime geschürt. Tatsächlich handelte es sich um einen in Großbritannien geborenen Jugendlichen mit ruandischen Wurzeln.
Gleichwohl fällt Gewalt in Nordirland auf fruchtbaren Boden. Der Politikwissenschaftler Rupert Taylor von der Queen’s University Belfast stellte schon nach den Ausschreitungen nach dem Angriff in Southport fest, dass sich der neue rassistische Hass in Nordirland nicht losgelöst von alten konfessionellen Spaltungen verstehen lasse. Hausbrände, Selbstjustiz und die Einschüchterung ganzer Nachbarschaften wirkten für Kenner der nordirischen Geschichte erschreckend vertraut. Die Methoden sind gleich geblieben, das Ziel hat sich verändert.
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