„Oh Lord won’t you buy me a Mercedes-Benz?” Das Stoßgebet im Song von Janis Joplin von 1970 ist nur ein Beispiel, wie die Marke aus Stuttgart-Untertürkheim die Sehnsüchte seit Generationen weckt. Es geht eben um mehr als um ein Fortbewegungsmittel. Die Marke mit dem dreizackigen Stern verkörpert neben fortschrittlicher Technik vor allem – oft unerschwinglichen – Luxus.

Das treiben die Strategen in Stuttgart immer mehr auf die Spitze. Sie verknüpfen inzwischen auch Immobilien und Dienstleistungen mit dem Anspruch: „Das Beste oder nichts.“ Allerdings winkten zuletzt immer mehr Menschen dankend ab. Es gibt auch ein Leben ohne Mercedes-Benz. Somit türmen sich immer mehr dunkle Wolken um den Dreizack auf der Stuttgarter Konzernzentrale. Dort herrscht mittlerweile Krisenstimmung.

Die Marke – wie wir sie heute kennen – ist am 28. Juni 1926 durch die Fusion der Autobauer Carl Benz und der Daimler Motorenwerke entstanden. Beide hatten schon ab 1886 mit Kutschen ohne Pferde experimentiert und erste Fahrzeuge gebaut. Seitdem bilden der Stern (Daimler) und der Lorbeerkranz (Benz) das Logo des Stuttgarter Autoherstellers.

Mercedes-Benz: Name geht auf Tochter von Emil Jellinek zurück

Der Name Mercedes geht übrigens auf die zehnjährige Tochter des rennbegeisterten Daimler-Kunden Emil Jellinek zurück, der nannte als Erster seine Boliden mit dem damals schon verwendeten Stern: „Mercedes“. Schon seinerzeit waren die Fahrzeuge also kein Produkt für alle. Ganz im Gegensatz zu den Autos von Henry Ford, der damals durch Massenproduktion die USA mobil gemacht hat.

Der Anspruch der Ingenieure in Stuttgart und Sindelfingen ist es, technische Innovationen möglichst als erste in die Fahrzeuge zu verbauen. Was Mercedes einführte, hat die anderen in Zugzwang gebracht. Selbstragende Karosserien oder eine sichere Fahrgastzelle sind Beispiele dafür. Viele Innovationen sind mit Bosch entstanden. Von der Zündkerze über die elektronische Motorsteuerung oder das Antiblockiersystem ABS. Beim Kleinwagen A-Klasse kam von dort erstmals das Schleuderschutzprogramm ESP zum Einsatz. In der Not, denn sonst wären die damaligen Hoffnungsträger bei zackiger Kurvenfahrt umgefallen.

Gleichzeitig sollte es auch die ganz besonderen Modelle geben. So wie der legendäre Flügeltürer SL oder die S-Klasse. Autos für die Schönen und Reichen eben, die den Mythos des Luxus auf Rädern bis heute verkörpern. Preise spielten lange keine Rolle. Im Gegenteil: Der Vorstand setzte nach der Pandemie sogar noch mehr auf Premium. Dazu passten weder Massenmodelle wie die A- und B-Klasse aus Rastatt noch die Versionen für Taxifahrer.

Fordert von den erfolgsverwöhnten Beschäftigten eine neue „Gewinnermentalität“: Britta Seeger, Personalchefin bei Mercedes-Benz.

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Fordert von den erfolgsverwöhnten Beschäftigten eine neue „Gewinnermentalität“: Britta Seeger, Personalchefin bei Mercedes-Benz.
Foto: Bernd Weißbrod, dpa

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Fordert von den erfolgsverwöhnten Beschäftigten eine neue „Gewinnermentalität“: Britta Seeger, Personalchefin bei Mercedes-Benz.
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Die Konzentration auf das zahlungswillige Publikum hat dem Dax-Konzern zweistellige Renditen und hohe Börsenkurse beschert. Der Mercedes-Vorstand schürte mit immer neuen Prognosen die Erwartungen der Aktionäre. Konzernboss Ola Källenius und Finanzchef Harald Wilhelm begegneten kritische Nachfragen seinerzeit mit kaum verhohlener Überheblichkeit.

Inzwischen übt sich der Vorstand in Bescheidenheit und Zurückrudern. Von der ausgegebenen Strategie, bis Ende der Dekade nur noch Elektroautos auf den Markt zu bringen, ist nichts übriggeblieben. Niemand wollte die teuren – und wenig ansehnlichen – Stromer mit Stern haben. Nicht in Europa oder den USA und vor allem nicht auf dem wichtigsten Absatzmarkt: China.

Die Ingenieure in Stuttgart mussten zudem immer wieder feststellen, dass sie die notwendige Softwarelösungen für all die heute in Fernost erwarteten Gimmicks im Innenraum nicht beherrschen. Und auch das Design war am größten Automarkt der Welt vorbeikonzipiert. Die Auto-Vorreiter hecheln derzeit der chinesischen Konkurrenz hinterher. Die ist schneller, innovativer – und vor allem billiger.

Trump verhagelte US-Geschäft von Mercedes mit Zollpolitik

Neben der schleppenden Nachfrage in China hat US-Präsident Donald Trump mit seiner Zollpolitik auch noch das wichtige US-Geschäft der Stuttgarter verhagelt. Zwar baut Mercedes alle SUVs in den USA. Das bringt sogar den Vorteil, dass die Autos nun zollfrei in die EU importiert werden dürfen. Doch wichtige Umsatzträger wie E- und S-Klasse oder die superteuren Sportwagen bestellen die Amerikaner wegen der hohen Zölle nur noch zurückhaltend. Statt zweistelliger Renditen ist der Vorstand heute froh, wenn überhaupt noch Geld verdient wird. Der Kurs der Mercedes-Aktie fällt und fällt. Entsprechend werden die Investoren immer nervöser.

In der Konzernzentrale steuert man massiv dagegen. Mit einem umfangreichen Abfindungsprogramm hat Mercedes Tausende aus dem Unternehmen gedrängt. Der Konzern schweigt beharrlich darüber, wie viele Mitarbeiter so vor die Türe gesetzt wurden. Gleichzeitig verlagern die Stuttgarter immer mehr Produktion nach Ungarn, wo in Kecskemét ein zweites Werk den Betrieb aufgenommen hat.

Brachte die 40-Stunden-Woche ins Spiel: Ola Källenius, Vorstandsvorsitzender Mercedes-Benz Group.

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Brachte die 40-Stunden-Woche ins Spiel: Ola Källenius, Vorstandsvorsitzender Mercedes-Benz Group.
Foto: Bernd Weißbrod, dpa

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Brachte die 40-Stunden-Woche ins Spiel: Ola Källenius, Vorstandsvorsitzender Mercedes-Benz Group.
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Entsprechend ist die Stimmung in Stuttgart, Sindelfingen, Rastatt oder Bremen gedrückt. Personalchefin Britta Seeger fordert von ebenfalls erfolgsverwöhnten Beschäftigten eine neue „Gewinnermentalität“. Kurz: Schafft mehr! Passend dazu bringt Konzernchef Källenius die 40-Stunden-Woche ins Spiel – ohne Lohnausgleich versteht sich.

Die IG-Metall verfolgt die Entwicklung mit Sorge. Schnupfen bei Mercedes bedeutet Grippe bei allen angeschlossenen Zulieferern, die ebenfalls massiv Personal abbauen. So hält sich die Gewerkschaft diesmal auffallend mit Aussagen zur im Herbst bevorstehenden Lohnrunde zurück. Da waren in der Vergangenheit vor allem die Vertreter von Mercedes mit hohen Forderungen führend. Oft hatte die Zentrale der IG-Metall in Stuttgart-Feuerbach große Mühe die Erwartungen der Kollegen mit dem Stern zu dämpfen. Diesmal deutet viel darauf hin, dass der Erhalt der Arbeitsplätze eine ungewohnt große Rolle bei den Tarifverhandlungen spielen wird.

Mercedes-Benz bringt in drei Jahren 40 Modelle auf den Markt

Man sollte die Auto-Ikone allerdings nicht vorschnell abschreiben. In China schließt man sich nicht nur mit Softwarespezialisten zusammen, die die IT-Lücken schließen sollen. Dort entwickelt Mercedes auch selbst immer mehr – schneller und billiger. Zwar erst nur für China aber am Ende auch für die restliche Welt. Innerhalb von drei Jahren bringen die Stuttgarter 40 neue Modelle auf den Markt.

Das ist die größte Offensive der Firmengeschichte. Dabei ist der Autobauer beispielsweise mit Technologien rund um das automatisierte fahren wieder führend. Zudem erinnert sich die Führung auch an Kundengruppen, die nicht mit dem goldenen Löffel im Mund auf die Welt gekommen sind: Zurück zu mehr Bescheidenheit.

Das Logo von Mercedes-Benz vor einer Niederlassung am Salzufer. Obwohl das Unternehmen derzeit wankt, sollte man die Auto-Ikone nicht abschreiben.

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Das Logo von Mercedes-Benz vor einer Niederlassung am Salzufer. Obwohl das Unternehmen derzeit wankt, sollte man die Auto-Ikone nicht abschreiben.
Foto: Fabian Sommer, dpa

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Das Logo von Mercedes-Benz vor einer Niederlassung am Salzufer. Obwohl das Unternehmen derzeit wankt, sollte man die Auto-Ikone nicht abschreiben.
Foto: Fabian Sommer, dpa

Ob das reicht, um den chinesischen Wettbewerb auf Abstand zu halten und selbst wieder Boden gut zu machen, ist noch nicht ausgemacht. Doch so schlecht stehen die Chancen nicht. Inzwischen merken die chinesischen Hersteller, dass Autobau mehr ist als ein Smartphone auf vier Rädern. Anspruchsvolle Fahrwerktechnik baut sich nicht mit ein paar Softwaretricks. Zudem sehen die Kunden in Fernost, dass der Mythos Mercedes immer noch zieht. Im Stoßgebet von Janis Joplin soll der Liebe Gott helfen, weil die Freunde alle Porsche fahren. Da wollte die Sängerin dagegenhalten. Heute hat diese zweite Stuttgarter Automarke auch Probleme. Nicht zuletzt in China. Aber das ist eine andere Geschichte.