Der Wasen kochte und brodelt. Buchstäblich. Nina Chuba füllte das Gelände. 30 000 Menschen sind am Freitag zum Kessel-Festival gekommen.

Die Stadt am Fluss. Vielbeschworen ist sie, selten gelebt. Doch an diesem Freitag entdecken die Stuttgarter den Neckar. Noch ist es einige Stunden hin, bis Nina Chuba auftritt. Wer sich am frühen Nachmittag überhaupt schon auf den Wasen wagt, steuert zielsicher den Kanuverein ein, diese grüne Oase am Neckar.

Der Cannstatter Wasen ist ja praktisch, weil so schön wandelbar. Als Parkplatz dient er, für Volksfeste, Konzerte, Zirkusse, oder eben das Kessel-Festival. Diese Wandlungsfähigkeit ist aber auch sein größter Nachteil. Eben muss er dafür sein, ohne Bäume, ohne Zeug, was dem Aufbau im Weg steht. Und der Asphalt ergibt ja auch Sinn. Für Fahrzeuge und Zelte und Bühnen. Für Menschen schon weniger. Vor allem, wenn es 40 Grad hat. Er speichert die Sonne und heizt noch zusätzlich. Wie also macht man das schwäbische Death-Valley lebenswert?

Volleyball wird unverdrossen gespielt

Indem man Sonnenschirme aufstellt, so viele wie möglich. Trinkwasserbrunnen installiert, drei waren ursprünglich geplant, acht sind es geworden. Auch acht Wassersprinkler sind überall verteilt, auch auf dem Weg zur und vor der Hauptbühne. Dem Platz davor gilt auch die größte Sorge der Organisatoren. Die Fans von Nina Chuba sind eher jünger, möglich, dass die Aussicht dem Star nahe zu sein wichtiger ist als die Vernunft. Und so manche und mancher länger vor der Bühne in der Sonne ausharrt, als guttut. Geöffnet wird gegen 16 Uhr, das wären bis zum Auftritt von Chuba satte viereinhalb Stunden. Deshalb sind auch mehr Sanitäter im Einsatz.

Doch gegen 15 Uhr sind noch nicht sehr viele Menschen auf dem Wasen. Die einen spielen unverdrossen Basketball oder Volleyball, die geplanten Turniere finden statt. Der Volleyball Landesverband Württemberg trägt ein Beach-Turnier der zweiten Liga aus, eine Kategorie unterhalb der German Beach Tour. 16 Herren- und Frauenteams sind dabei. Inklusive Bundesligaspielern. Man wisse, worauf man sich einlasse, sagen die Akteure. Regelmäßig duschen, sich selbst und den Sand, viel trinken. Zunächst einmal kollabierten aber die Tablets, sie mussten fünf Minuten in den Kühlschrank, um wieder arbeitsfähig zu sein.

Und auch die Sportvereine zeigen, was sie können. Die Wilden Schwaben bleiben auch bei der Hitze wild. Das Rollstuhl-Rugby-Team des TSV Schmiden ist erstmals dabei und zeigt seinen Sport. Unter erschwerten Bedingungen, denn wie Michael Wolfinger sagt, „Querschnittgelähmte können nicht schwitzen“. Das heißt, sie müssen sich ständig mit Wasser übergießen. Dennoch kämpfen sie auf einem eigens verlegten Feld um den Ball und lassen die Rollstühle gegeneinander krachen.

Den Spruch hat er offenbar schon öfter gehört, denn Matthias Göttfert von den Stuttgart Rebels hat die Antwort bereits parat. Das spöttische „Eishockey?“ kontert er mit „Heißhockey, passt doch!“ Doch bei aller Liebe zur Sonne, die Monturen ziehen sie nicht an. Eishockey wird heute nur als Tischspiel dargeboten oder Airhockey. Aber sie verteilen Freikarten für die Vorbereitungsspiele in der Oberliga, und in den Vorjahren habe das gut funktioniert, sagt Göttfert. Das Interesse hält offenbar an, auch wenn Heißhockey wieder auf der Waldau zu Eishockey wird.

Rollstuhl-Rugby geht auch bei 40 Grad. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Zum Abkühlen noch ein Abstecher an den Neckar. Dort kann man mit der Kanugesellschaft Drachenboot fahren. Aber auch auf dem Neckar wird es heiß, „wir fahren auf der Schattenseite“, sagt Isolde Herrmann. Sie und ihre Kollegen haben wohl mit den besten Job beim Kessel-Festival. Der nächste Schattenplatz ist nie weit entfernt, anders als für die vielen Ordner und Mitarbeiter an den Gastroständen. Die Mitarbeiter vom Awareness-Team haben immerhin ihre Sprühpistolen dabei. Die kann man auch mal an sich selbst ausprobieren.

Isolde Herrmann von der Kanugesellschaft wartet auf Mitruderer fürs Drachenboot. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Doch bei allem Klagen über die Hitze, Isolde Herrmann erinnert sich an das Festival vor zwei Jahren. „Da stand hier überall das Wasser, wir sind mit den Fahrzeugen kaum rausgekommen.“ Da war es dann zu viel Wasser. Und heute wird jeder Tropfen gesucht und geschätzt.

Mittlerweile ist es 18 Uhr, das Gelände füllt sich. Carli singt, einige Tausend Leute stehen vor der Bühne, tanzen im Moshpit im Kreis. Manchen ist noch nicht warm genug. Für die anderen gibt es von der Bühne immer wieder der Hinweis, den Schatten zu suchen, sich auch mal hinzusetzen, genug zu trinken.

Viel trinken war die Devise. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Was auch die allermeisten machen. Das Ordnungsamt schaut auch genau hin, funktioniert das Konzept mit dem Hitzeschutz. Lief gut, so weit ist man sich dann am Abend einig. Als um 19.30 Uhr dann der Zuruf kommt, ausverkauft, alle 25.000 Tickets für die Hauptbühne sind weg, damit sind 30.000 Leute auf dem Gelände, wird es vor der Bühne langsam voll. Und fast jeder läuft auf dem Weg dorthin durch die Sprinkler. Eine letzte Dusche noch, bevor Nina Chuba ihren „Wildberry Lillet“ serviert.