Bei Engelhorn Sports in Mannheim hängen die Trikots aller 48 Nationen der Fußball-WM. Der Gang durch die Reihen zeigt: Ein Trikot ist längst viel mehr als ein Stück Stoff.

Der asiatische Gepard blickt als graues Wasserzeichen vom weißen Polyester. Auf der Brust prangt das Logo des iranischen Fußballverbands, einfach in den Stoff eingearbeitet, weder gestickt noch geprägt, und der Kragen ist mit den Nationalfarben Grün, Weiß und Rot versehen. Fabio Pillitteri zupft es auf dem Bügel zurecht, Ordnung muss sein. Das Trikot der iranischen Nationalmannschaft zählt nicht zu seinen Favoriten unter den 48, die bei dieser Mammut-WM in Mexiko, Kanada und den USA vertreten sind. Und doch streicht der Hausleiter von Engelhorn Sports im Herzen der Mannheimer Innenstadt nicht ohne Stolz über den dünnen Stoff des letzten Exemplars, das ganz außen auf dem Kleiderständer hängt.

Denn dass es überhaupt den Weg nach Mannheim gefunden hat, ist eine logistische Meisterleistung. „Während in Teheran Ausnahmezustand herrschte, haben wir mit dem iranischen Hersteller vor Ort verhandelt“, sagt Pillitteri, „das ist absoluter Wahnsinn.“ Krieg, Lieferengpässe, Zollbestimmungen. Die Einkäufer des Kaufhauses blicken den Krisen der Welt entgegen – und halten die Fäden der Globalisierung zusammen.

Engelhorn-Hausleiter Fabio Pillitteri ist happy: Die Nachfrage ist groß und die WM-Stimmung euphorisch. Engelhorn-Hausleiter Fabio Pillitteri ist happy: Die Nachfrage ist groß und die WM-Stimmung euphorisch.Foto: Sven Wenzel

Ein paar Meter weiter hält sich ein Mann ohne jede sportliche Athletik ein hellblau-weißes Argentinien-Trikot vor den dicken Bauch. Ein anderer Kunde schaut sich das südkoreanische Outfit an, fährt mit den Fingern prüfend über den roten Stoff. Zwei Freunde verschwinden mit den blauen Auswärtstrikots der deutschen Auswahl Richtung Umkleidekabine. „Passt“, ruft der eine. „Kostet aber 100 Euro“, kommentiert der andere. Die Antwort folgt prompt:

„Nehm’ ich.“

Vieles ist Erfahrung, manches aber auch Spekulation

Szenen wie diese erlebt Pillitteri in den vergangenen Wochen zuhauf. Er berichtet von einem Kunden, der noch nie ein Originaltrikot von Brasilien besessen habe – und nun in Mannheim fündig wurde. „Er hat sich so gefreut und hatte Tränen in den Augen“, sagt er. Oder von den Eltern, die ihr Kind erstmals mit einem kompletten Set ausstatten: Trikot, Hose, Stutzen. „Das Kind strahlt, die Eltern strahlen“, erzählt er, „das haben wir jeden Tag.“

Nach eigenen Angaben ist Engelhorn eines der wenigen Häuser in ganz Europa, die die Trikots aller 48 Mannschaften verkaufen, die bei der WM am Start sind. Mehr als ein Jahr vor dem Turnier beginnt im Hintergrund die Organisation – zu einem Zeitpunkt, an dem noch lange nicht klar ist, wer überhaupt alles dabei sein wird. „Unsere Einkäufer verfolgen alle Qualifikationsspiele“, sagt Pillitteri. Sie schätzen ab, vieles ist Erfahrung, manches aber auch Spekulation. Und so haben sich auch italienische Trikots unter die WM-Teilnehmer gemogelt. Die Squadra Azzurra scheiterte aber in den Play-offs. Es lässt sich eben nicht alles planen.

Deutschland, England, Frankreich, Spanien, Paraguay: Das Erdgeschoss bei Engelhorn Sports in Mannheim lädt zur fußballerischen W Deutschland, England, Frankreich, Spanien, Paraguay: Das Erdgeschoss bei Engelhorn Sports in Mannheim lädt zur fußballerischen Weltreise ein – inklusive einer Übersicht aller WM-Gruppen.foto: wenzel

„Natürlich ist es in erster Linie Business, wir sind Einzelhändler und verkaufen Trikots“, sagt Pillitteri. „Auf der anderen Seite ist uns aber auch wichtig, ein Statement zu setzen.“ Mannheim ist multikulturell und international, eine Stadt der Einwanderer, der Industrie, der Wissenschaft und der Arbeiter. Im Geschäft kommt die Welt klimatisiert im Kleinformat zusammen. Immer wieder klappern Kunden mit den Kleiderbügeln, besonders die Exoten haben es vielen angetan: Haiti, Jordanien, Usbekistan. „Sie sind selten, nicht überall zu bekommen und auch für Sammler interessant“, sagt Pillitteri. Das Trikot von Curaçao versprüht schon beim Betrachten Lebensfreude, mit mehreren Blautönen und leuchtend gelben Applikationen.

Draußen ist von dieser Leichtigkeit an diesem Nachmittag wenig zu spüren. Die heiße Luft liegt zäh und schwer zwischen den Quadraten. Mannheim ist die Heimat von Menschen aus 170 Ländern. Das zeigt sich auch an den Ständern, die Trikots der großen Communitys sind besonders gefragt: Marokko, Bosnien-Herzegowina, Kroatien. Sie alle sind so gut wie ausverkauft.

Laut und energiegeladen

Ein paar Tage zuvor strömen die Menschen in das Bekleidungsgeschäft. Es ist laut, es ist energiegeladen, ein DJ legt auf, Engelhorn bittet zum Tischfußballturnier. „Eine WM ist superemotional und verbindet auch die Menschen“, sagt Pillitteri, „wir wollen eine gute Stimmung aufbauen und dazu beitragen, dass die größte WM, die es jemals gab, bei den Kunden und den Menschen in der Region ankommt.“

Dabei tragen viele in der Stadt an jenem Samstagmittag Trauer. Seit dem frühen Morgen steht das Aus der Türkei fest, obwohl erst zwei der drei Gruppenspiele absolviert sind. In den Tagen zuvor war das Trikot mit dem Halbmond auf der Brust der große Renner. Nun entschuldigen sich die Spieler bei „ihrem Volk“.

„Soñar trascender y hacer historia“ steht auf dem Nacken des Jerseys von Ecuador: „Träumen, über sich hinauswachsen und Geschich »Soñar trascender y hacer historia« steht auf dem Nacken des Jerseys von Ecuador: »Träumen, über sich hinauswachsen und Geschichte schreiben.«Foto: Sven Wenzel

Ein Trikot ist oft mehr als ein Stück Stoff. Es ist ein Stück Identität. „Soñar trascender y hacer historia“ steht auf dem Nacken des Jerseys von Ecuador:

Bei Engelhorn Sports in Mannheim hängen die Trikots aller 48 Nationen der Fußball-WM. Der Gang durch die Reihen zeigt: Ein Trikot ist längst viel mehr als ein Stück Stoff.