Los ging es ja schon damit, wie viele Mitarbeitende der Frühschicht sich am Montag jetzt eigentlich am Warnstreik bei Storck beteiligt haben. Die Gewerkschaft NGG spricht von 100 Mitarbeitenden, das Unternehmen hat 81 gezählt. Ein klassisches Beispiel für den Kampf um die Deutungshoheit zwischen Gewerkschaft und Arbeitgebern. Aber in diesem Fall verlaufen die Gräben zwischen beiden Seiten gefühlt noch etwas tiefer als in „normalen“ Arbeitskämpfen. Das hat seine Historie.

Die Ausgangslage ist klar: Die Tarifverhandlungen in der Süßwarenindustrie haben bislang keine Einigung erbracht. Die Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) fordert 5,8 Prozent mehr Entgelt, mindestens jedoch 230 Euro monatlich mehr. Und will diesen Forderungen nun mit den klassischen Maßnahmen mehr Nachdruck verleihen.

Dass Storck dabei in den Fokus rückt, verwundert nicht. Ist das Unternehmen doch einer der größten Arbeitgeber der Branche mit gut 8.500 Mitarbeitenden, in mehr als 100 Ländern vertreten. Nur logisch, dass Storck auch bestreikt wird, möchte man meinen.

Gewerkschaft NGG bekam bei Storck in Halle lange keinen Fuß in die Tür


Zwischen 80 und 100 Beschäftigte der Produktion aus der ersten Frühschicht, die montags um 3.30 Uhr beginnt, nahmen an dem Warnstreik teil. - © Gewerkschaft NGG

Zwischen 80 und 100 Beschäftigte der Produktion aus der ersten Frühschicht, die montags um 3.30 Uhr beginnt, nahmen an dem Warnstreik teil.
| © Gewerkschaft NGG

Allerdings war das bei Storck eben über viele Jahre nicht üblich. 2023 und 2024 gab es zuletzt Warnstreiks – zuvor hatten die „Storckies“ laut Angaben des Betriebsrates vor drei Jahren nie die Arbeit niedergelegt. Die NGG bekam bei einem der wichtigsten Süßwarenhersteller schlicht keinen Fuß in die Tür. Und machte auch keinen Hehl daraus.

Diese Verhältnisse haben sich – auf niedrigem Niveau – nun ein wenig verändert. Und umso verbissener wird der Kampf um die Deutungshoheit auf beiden Seiten geführt. Es war für das Klima rund um den Warnstreik sicherlich wenig hilfreich, dass die NGG im Vorfeld mit ihrer Botschaft polarisierte, dass eine „Lohnkürzung“ bei Storck drohe. Das war mindestens zugespitzt.

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Storck hingegen wollte die Wucht eines möglichen Streiks abfangen und zahlt schon jetzt freiwillig 2,5 Prozent mehr. Anschließend will das Unternehmen den Tarifabschluss übernehmen. Und rechnet offenbar selbst nicht damit, dass dessen Ergebnis dann unter 2,5 Prozent liegen wird. Dass Storck also erst den Lohn erhöht und ihn dann wieder nach unten korrigiert, ist derzeit wenig wahrscheinlich. Und eine Lohnkürzung ergäbe sich selbst dann lediglich, wenn man ab der jüngsten freiwilligen Erhöhung ab Mai rechnen würde.

Storck reagiert empört auf Kampagne der NGG in Halle

Umso empörter fielen die Reaktionen des Unternehmens auf die Kampagne der NGG aus. Nach dem Motto: Man habe doch vorbildlich gehandelt und werde trotzdem attackiert. Das Unternehmen wirft der Gewerkschaft vor, mit ihrer aggressiven Kommunikation nur Mitglieder sammeln zu wollen. Und damit liegt Storck zum Teil sicher richtig: Denn das ist in gewisser Weise ja auch die Aufgabe von Gewerkschaften, wenn sie Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit möglichst viel Nachdruck vertreten wollen. Was grundsätzlich wiederum auch völlig legitim ist.

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Für die NGG war das Scharmützel rund um den Warnstreik also ein normaler Ablauf: Keine Einigung, also Druck erhöhen, Warnstreiks – garniert mit einer für das Unternehmen pointierten Botschaft. Dumm nur, dass die Gewerkschaft damit den Nerv eines Unternehmens trifft, das stolz auf seine familiären Wurzeln und die Benefits für die Mitarbeitenden ist. Und das auch als Stärke im umkämpften Arbeitsmarkt bewirbt.

Storck hat rund um den Warnstreik eben deshalb auch nicht zum Florett gegriffen, sondern zum Säbel. Und reagierte mit Flyern gegen die Argumente der NGG, die dann noch frühmorgens von Führungskräften an die Mitarbeitenden verteilt wurden. Völlig klar, welche Botschaft das subtil sendete: Wir sehen, wenn ihr jetzt doch streiken geht.

Storck und NGG stärken die Tarifautonomie


Auch 2023 wurde bei Storck getreikt. - © Gewerkschaft NGG

Auch 2023 wurde bei Storck getreikt.
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Und was hat diese Schlacht der Worte nun für ein Ergebnis? Im Endeffekt ist erstaunlich wenig passiert: Die NGG äußert durchaus Respekt für das Unternehmen Storck, das generell ohnehin gute Konditionen für die Mitarbeitenden bietet. Am Ende – davon ist auszugehen – wird es einen Abschluss über 2,5 Prozent geben, den Storck mitträgt.

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Manche Misstöne von beiden Seiten wären gar nicht nötig gewesen, könnte man meinen. Doch mitunter geht es eben rauer zu, im Dienst eines höheren Ziels: dem Erhalt der Tarifautonomie. Also jenem, in Deutschland im Grundgesetz verankerten Recht von Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden, Arbeitsbedingungen und Löhne völlig unabhängig und ohne staatliche Einmischung in Tarifverträge auszuhandeln.

Und dieses hohe Gut zu erhalten, daran sollten Unternehmen und Gewerkschaft weiter konstruktiv mitwirken. Heißt also: Nach der jüngsten Schlacht der Worte und den weiteren Schlagabtauschen bis zum nächsten Tarifabschluss gehen auch Storck und die NGG wieder besonnen miteinander um. Denn von solchen Prozessen, wie sie aktuell ablaufen, lebt ein Stück weit auch unsere Demokratie.

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