Der ehemalige Kulturreferent Jürgen Enninger entdeckt den Kämpfer in sich und legt die Augsburger Kulturpolitik erst einmal auf die Matte. Ein Kommentar von Jürgen Kannler

Am 4. Mai wurde Tatjana Dörfler vom Augsburger Stadtrat zur Referentin für Bildung, Wissenschaft, Kultur und Welterbe gewählt. Am 1. Juli soll sie ihr Amt antreten. Sie wäre die einzige Frau in einer von Männern geprägten Stadtregierung. Ob es dazu aber kommen wird, ist gegenwärtig zumindest noch völlig offen. 

Das Kulturreferat sagte zuletzt bereits vor Wochen bestätigte Termine mit Dörfler ab. Die Verwaltung verwies dabei auf eine Klage, die vor dem Verwaltungsgericht Augsburg gegen ihre Berufung anhängig ist. 

Zum Hintergrund: Bei den Kommunalwahlen im März wurden die bisherigen Regierungsparteien CSU und Grüne von den Wähler*innen deutlich abgestraft. Die CSU-OB Eva Weber verlor überraschend deutlich ihren Chefinnenposten an den SPD-Mann Florian Freund. Während die Union ihre Chance auf eine weitere Regierungsbeteiligung nutzte, wählten die Grünen die Opposition und votierten damit auch gegen eine Weiterführung des Kulturreferats durch einen ihrer Vertreter*innen. 

Zur Erinnerung: Tatjana Dörflers Vorgänger als Kulturreferent war der Grünen-Politiker Jürgen Enninger. Als solcher konnte er auf ein beachtliches Netzwerk von Macher*innen aus allen Kulturbereichen der Stadt zählen. Viele von ihnen unterzeichneten einen Aufruf an den neuen OB, Enninger im Amt zu belassen. Die »Weiter-so«-Rhetorik des Schreibens war jedoch für die deutliche Bestätigung Dörflers durch den Stadtrat ohne Bedeutung. Vielleicht hat das Papier jedoch Jürgen Enningers Kampfgeist geweckt. Eine Qualität, die er laut einem Kommentar in der Augsburger Allgemeinen gerne schon zu Amtszeiten öfter hätte zeigen dürfen. In der Tat: Nicht nur einmal wurde dem Kulturreferenten aus der eigenen Regierung übel mitgespielt, ohne dass dieser dazu öffentlich Stellung bezog und den gebotenen Respekt für sein Amt und die von ihm vertretene Kultur der Stadt laut und deutlich einforderte. Nun möchte Jürgen Enninger im Eilverfahren die Neubesetzung des Kultur- und Bildungsreferats durch die SPD-Politikerin verhindern. Er vertritt die Position, dass es durch die Zusammenlegung von Bildung und Kultur zu einer Stellenausschreibung hätte kommen müssen. Enninger fischt hier im Trüben, jedoch nicht schwarz und mit berechtigter Aussicht auf Beute. Ob diese jedoch für die Kulturstadt genießbar ist, bleibt abzuwarten. Sollte seine Klage Wirkung zeigen, wären nicht nur in Augsburg zahlreiche Referate unter Umgehung einer Ausschreibung besetzt worden. Für diese Fälle gilt wohl jedoch: Wo kein Kläger, da kein Richter. 

Sah sich Jürgen Enninger vor wenigen Wochen noch auf einer Welle der Sympathie getragen, gerät er nun zusehends ins Abseits. Die unverzeihlichen Versäumnisse der schwarz-grünen Vorgängerregierung in Sachen Pflege und Erhalt städtischer kultureller Infrastruktur werden ihm nun maßgeblich angelastet. Die unter seiner Ägide zuletzt erfolgte Schließung der Freilichtbühne setzte in der Liste maroder Kulturorte in Augsburg nur den markanten Schlusspunkt.

Unfair: Dennoch ist es nicht fair, Enninger die alleinige Schuld für diesen Skandal anzulasten. Für einige jedoch bequem, um so vom eigenen Versagen abzulenken. Gerade auch Personen, die sich noch vor Kurzem für eine Weiterführung seiner Arbeit als Kulturreferent starkgemacht haben, werfen ihm nun vor, den erhofften Neustart der Stadtpolitik zu blockieren. 

Das ist Unsinn: Nicht Jürgen Enninger blockiert, sondern die grotesken Untiefen unseres verwaltungsrechtlichen Systems, das wohl nicht klar definiert, ob und wann ein Referat ausgeschrieben werden muss. Der gegenwärtige Status dieser Geschichte kennt nur Verlierer*innen. Da wären zuerst die Zukunftsthemen Bildung und Kultur, die bis auf Weiteres in Augsburg führungslos umherirren. Ein Zustand, der auch das Personal der betroffenen Referate schwer belastet. Die Rede ist von quälender Unsicherheit bis hin zu schlaflosen Nächten, die diese Situation bereitet. Der ehemalige Kulturreferent gilt nun vielen als schlechter Verlierer und Blockierer. Seine Chancen, sein altes Amt jemals zurückzugewinnen, gehen gegen null.

Auch die neu gewählte Referentin weiß wohl noch nicht, ob sie das Amt antreten wird. Sollte es tatsächlich zu einer verpflichtenden Ausschreibung kommen, ist es nicht selbstverständlich, dass Tatjana Dörfler sich daran beteiligen würde. Auch wenn ihre erneute Berufung als mehr als chancenreich zu bezeichnen wäre. Die Juristin Dörfler hat seit mehr als 20 Jahren ihren Lebensmittelpunkt in Augsburg und arbeitet für das Bayerische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst. Eine Qualifikation wie geschaffen für das Portfolio des umkämpften Referats mit den Aufgaben Bildung, Schulen, Kindertagesbetreuung, kommunale Bildungsplanung, Ausbildung, Erwachsenenbildung, Stadtbücherei, kulturelle Bildung, Kultur, Jugendkultur, kulturelle Festivals, Bühnen, Kunstsammlungen und Museen, Archäologie sowie Welterbe. Vor ihrer Zeit beim Ministerium war Dörfler Kanzlerin an der Hochschule Augsburg. Vor fünf Jahren eskalierte jedoch ein hausinterner Streit. Professor*innen und Dekan*innen des Hauses warfen Dörfler »gravierendes Missmanagement« vor. Sie forderten ihren Rücktritt. Tatjana Dörfler verwies auf die Spitzenbewertungen durch ihre Vorgesetzten,
zeigte sich jedoch offen für einen Stellenwechsel und beendete damit die Eskalationsspirale. 

Dass dieser auch überregional sehr wohl wahrgenommene Vorfall in der Diskussion um ihre Wahl zur Referentin in Augsburg keine erkennbare Rolle spielte, bleibt zumindest beachtenswert. 

Wer den Kampf um das Kulturreferat in Augsburg letztendlich gewinnen wird, ist ungewiss. Nur so viel ist sicher: Es wird kein Sieg für die Kulturstadt Augsburg.