Seine Umzugskisten hat Dirk Wurm noch nicht ausgepackt, überhaupt sieht sein Büro karg aus, von den grauen Luftballons und dem Schriftzug „Welcome to the team“, willkommen im Team, abgesehen. Doch so viel Zeit er sich beim Einrichten nimmt – wenn es ums Regieren geht, lässt Augsburgs neuer Zweiter Bürgermeister keinen Zweifel daran, dass er diese Stadt zügig umkrempeln will. Der 46-Jährige gilt als der starke Mann hinter Oberbürgermeister Florian Freund. Bei den Koalitionsverhandlungen, heißt es, habe Wurm hart für die SPD gekämpft – und vieles durchgesetzt. Wer ist der Mann, der vor sechs Jahren selbst Oberbürgermeister werden wollte, stattdessen in die freie Wirtschaft ging und als Oppositions-Stadtrat sechs Jahre lang mit scharfer Zunge die Koalition aus CSU und Grünen kritisierte? Ein Besuch.
Dirk Wurm hat das ehemalige Büro von Bildungsbürgermeisterin Martina Wild (Grüne) übernommen. Es liegt im dritten Stock des Verwaltungsgebäudes am Rathausplatz. „Über uns“, sagt Wurm, „kommt nichts mehr.“ Er lacht, doch ein Körnchen Wahrheit, hat man das Gefühl, klingt trotzdem durch. Die SPD stellt nach 18 Jahren in Augsburg wieder den Oberbürgermeister, und Wurm ist entschlossen, die Stadt in den nächsten sechs Jahren so in Ordnung zu bringen, wie man es im Wahlkampf versprochen hat.
Augsburgs Zweiter Bürgermeister Dirk Wurm wirkt härter und ernsthafter
Wurm wirkt ernsthafter, härter als in seiner ersten Zeit als Referent, wo ihm bisweilen das Image eines „Sunnyboys“ anhaftete. Von 2014 bis 2020 verantwortete er unter OB Kurt Gribl (CSU) die Bereiche Ordnung und Sport, als er das Amt antrat war er 34. „Da denkst du zu Beginn der Amtszeit noch nicht so viel nach über bestimmte Zusammenhänge. Da war eine gewisse Leichtigkeit dabei, weil du weißt: Über dir gibt es einen Oberbürgermeister, der hat die Gesamtverantwortung“, gibt er zu und greift dabei auf das Du zurück, das er gerne benutzt, wenn er erzählt – auch gegenüber Personen, die er eigentlich siezt. Die Lockerheit von einst, sagen politische Beobachter, habe Wurm weitgehend abgelegt. Wohl auch, weil es ihm seine neue Rolle abverlangt.
Auch jetzt hat der Sozial- und Sportreferent zwar einen Oberbürgermeister, der am Ende die Verantwortung übernehmen muss. Doch Wurm hat als Zweiter Bürgermeister die Gesamtverantwortung für die Stadt zumindest ein Stück weit auch auf seine Schultern geladen. Es ist eine Aufgabe, nach der er bewusst verlangt hat: „Als der Oberbürgermeister mich nach der Stichwahl fragte, ob ich bereit wäre, eine Aufgabe in der Stadtregierung zu übernehmen, habe ich kurz nachgedacht und dann gesagt: Ich bin gerne bereit, in der Funktion eines Bürgermeisters, denn Referent war ich schon.“ Dabei gehe es ihm nicht um eine höhere Aufgabe. „Aber als Bürgermeister bist du weiterhin stimmberechtigtes Mitglied im Stadtrat und das wollte ich nicht aufgeben.“
Dirk Wurm hat sein politisches Schicksal an Augsburgs OB Florian Freund geknüpft
Um den Oberbürgermeister zu unterstützen, davon ist Wurm überzeugt, müsse man Bürgermeister sein: „Da hast du eine höhere Verantwortung dafür, dass in den kommenden sechs Jahren die Ergebnisse auf Grund der Kooperationsvereinbarung erreicht werden.“ Wurm hätte diese Aufgabe auch als Dritter Bürgermeister wahrgenommen, aber da der Regierungspartner CSU als größte Fraktion verzichtete, übernahm er. Sein Schicksal an der Stadtspitze hat er an Freund geknüpft: „Wenn er nicht zum OB gewählt worden wäre, säße ich nicht hier.“ Dabei seien sie, sagt Wurm, privat nicht befreundet. Seit 2018 verbinde ihn und Freund ein „absolutes Vertrauensverhältnis“. Wer beruflich so viel Zeit miteinander verbringe, sei aber auch mal froh, wenn er privat etwas Ruhe habe, sagt Wurm, der mit Frau und drei Kindern in Pfersee lebt.
Die Augsburger SPD, deren Chef Dirk Wurm ist, hat im Wahlkampf viel versprochen. Der studierte Politologe weiß, dass seine Partei in der Pflicht steht: „Was man ankündigt, muss funktionieren. Niemand erwartet, dass in hundert Tagen alles gelöst wird. Aber alle erwarten Signale, dass es vorangeht.“ Seine Prioritäten als Referent sind klar: die Schaffung von bezahlbarem Wohnbau, die Förderung von Kindern und Familien sowie die Modernisierung der Sportinfrastruktur: „Wir müssen in dieser Ratsperiode mindestens eine, wenn nicht zwei Turnhallen bauen.“ Bei den Bädern sei es wichtig, Wasserflächen zu schaffen, bevor man welche wegnehme.
Insgesamt will Wurm die Stadt wieder näher an die Bürger rücken. Die sollen sich nicht als Konsumenten fühlen wie in der „Verkaufsshow“, die zuletzt CSU und Grüne geboten hätten. „Wir wollen sie als Mitspieler behandeln.“ Die Stadtverwaltung soll deshalb wieder präsenter in den Stadtteilen werden – eine Forderung, die die Augsburger SPD schon im Wahlkampf 2020 gestellt habe. „Jetzt schauen wir mal, ob wir es hinkriegen“, sagt Wurm, und wirkt fest entschlossen.