Die Passionskirche am Kreuzberger Marheinickeplatz ist eine von wenigen Kirchen, die an der Berliner Hitzehilfe für obdachlose Menschen teilnimmt. Geöffnet ist sie dann Montag bis Mittwoch von 13 bis 18 Uhr.

Die Passionskirche am Kreuzberger Marheinickeplatz ist eine von wenigen Kirchen, die an der Berliner Hitzehilfe für obdachlose Menschen teilnimmt. Geöffnet ist sie dann Montag bis Mittwoch von 13 bis 18 Uhr.

Foto: IMAGO/epd

Die Idee ist eigentlich gut: Kirchen sollen im Sommer ihre Türen öffnen, damit hitzegeplagte Menschen in ihnen ein wenig Abkühlung finden. So will es das Land Berlin, so wollen es mehrere Bezirke. So will es auch die Evangelische Kirche in Deutschland. Schon 2023 appellierte deren damalige Ratsvorsitzende Annette Kurschus an die Gemeinden, ihre Türen zu öffnen. Den Schatz kühlender Gebäude »möchten wir mit möglichst vielen teilen, die von Hitze geplagt sind oder auch nur eine kurze Abkühlungspause brauchen«. Aufgrund ihrer Bauweise sind alte Sakralbauten ganz ohne Klimaanlagen oft die kühlsten Orte in einer Stadt.

Doch die Entscheidung, ob die Kirchentüren tatsächlich offen sind, liegt bei den Gemeinden. Und lediglich 13 evangelische Kirchen in der Stadt öffnen in diesem heißen Sommer wochentags ihre Türen. Weitere Kirchen kommen hinzu, die an einzelnen Wochentagen oder ab bestimmten Temperaturen öffnen. In der Katholischen Kirche sieht es nicht besser aus. Die offenen Kirchen liegen meist in touristischen Hotspots und haben ohnehin das ganze Jahr für Touristen geöffnet.

Relikt offenes Gotteshaus

Über Jahrhunderte war die geöffnete Kirchentür Normalität. Sie bot Gläubigen Gelegenheit, wann immer sie wollten, allein zu beten, ihre Sorgen zu artikulieren oder einen Ort zu finden, wo sie im Idealfall zur Ruhe kommen und Hilfe finden konnten. Noch heute ist das in vielen anderen Ländern so, in Polen und Großbritannien beispielsweise. Auch in stark christlich geprägten Regionen in Deutschland.

Gerade Gemeinden in sozialen Brennpunkten, wo Hitzeschutz am nötigsten wäre, können das oft nicht leisten.

Mit der Säkularisierung sank die Zahl der Menschen, die das wollten. Zudem sank die Ehrfurcht vor der Institution Kirche und damit die Hemmschwelle für Vandalismus und Diebstahl an dem historisch wertvollen Inventar. Ohne eine Aufsicht ist es den Gemeinden darum nicht möglich, ihre Gebäude zu öffnen. Doch dafür fallen Personalkosten an. Leicht hat es da beispielsweise die Marienkirche gleich neben dem Berliner Fernsehturm. Sie wird täglich von mehreren Hundert Touristen aufgesucht, die reichlich Geld in der Kollekte lassen. Damit finanzieren die Touristen indirekt eine Aufsichtsperson, die durch Ehrenamtler unterstützt wird, sagt Pfarrer Michael Kösling zu »nd«. Und die Touristen ermöglichen es damit, dass auch Angehörige sozialer Randgruppen vom Alexanderplatz wie Obdachlose, alkoholabhängige und verwirrte Menschen in der Kirche Schutz finden, so der Pfarrer. Ein höheres Aufkommen solcher Besucher an Hitzetagen hat er allerdings nicht festgestellt. Dennoch will die Gemeinde in Zukunft ihren Besuchern an heißen Tagen kostenlos Trinkwasser anbieten.

Keine verlässlichen Öffnungszeiten

An der Apostel-Paulus-Kirche in Schöneberg, gleich am U-Bahnhof Eisenacher Straße, prangt ein Transparent »Kühler Raum«. Das lädt Menschen in der Hitzezeit ein. Bezahlt hat das Transparent das Bezirksamt. Auch hier handelt es sich allerdings um eine Gemeinde, die ohnehin ihre Türen täglich von 12 bis 18 Uhr öffnet. Möglich ist das dank ehrenamtlichen Engagements von Kiezbewohnern, die nicht alle Christen sind. Hier verbringen viele Menschen aus dem Kiez ihre Mittagspause, um zur Ruhe zu kommen, oft auch, um zu meditieren, sagt Pfarrerin Martina Steffen-Elis im Gespräch mit »nd«. Die Diakonie stellt einen Trinkwasserspender. Dass der Sakralbau so schön kühl ist, ist in diesen Tagen willkommen, führe aber nicht zu einem höheren Besucheraufkommen als sonst, so die Pfarrerin. Eher werde die Kirche in den Wintermonaten von mehr Menschen aus dem Kiez aufgesucht, die es sich nicht mehr leisten könnten, ihre Wohnung zu heizen.


In der Passionskirche stehen Erfrischungen bereit.

In der Passionskirche stehen Erfrischungen bereit.

Foto: IMAGO/epd

Noch geringer ist die Nutzung der kühlen Kirchen an Orten, die nur bei amtlichen Hitzewarnungen ihre Türen öffnen, wie das manche Bezirksämter wünschen. Denn wenn die offene Kirche keine gelebte Realität ist, wenn die Öffnung von Uhrzeit und Temperatur abhängt, dann können sich Anwohner, Spaziergänger und Touristen nicht darauf verlassen, dass sie in einer Kirche Hitzeschutz finden.

Es fehlt Geld in der Gemeindekasse

Berlin hat etwa 400 Kirchen und Kapellen. Die allermeisten von ihnen sind kühle Orte. Die Gemeinden wollen diesen Schatz mit Anwohnern teilen, stoßen aber an ihre Grenzen. Denn immer kleiner werdende Kirchengemeinden stehen in der Verantwortung für diese historische Bausubstanz. Vor Jahrhunderten entstandene Kirchen entsprechen zudem nicht den heutigen Sicherheitsstandards. Niedrige Deckenhöhen, unebene Stufen und unsichere Treppenaufgänge sind der ortsansässigen Gemeinde vertraut, Gästen aber nicht, sodass es leicht zu Unfällen kommen kann. Dafür müssen die Gemeinden dann auch haften. Gerade Gemeinden in sozialen Brennpunkten, wo Hitzeschutz am nötigsten wäre, können das oft nicht leisten. Finanzielle Zuschüsse beschränken sich bisher auf Kleinigkeiten wie ein Transparent oder einen Trinkwasserspender.

Damit leistet es sich Berlin in Zeiten des Klimawandels, Hunderte wohltemperierte Sakralbauten nur dann offenzuhalten, wenn die immer kleiner werdenden Kirchengemeinden Ehrenamtler finden, die sich darum kümmern. Die eine Aufsichtsperson stellen, die Kirche reinigen, Warnhinweise wegen Unfallgefahr anbringen und die wertvolle Heiligenbilder, Taufschalen und Leuchter in Nebenräume tragen und einschließen, damit sie nicht gestohlen und zerstört werden. Und oft ist das schon schwierig, weil Kirchenmitglieder eher in einem Alter sind, wo sie das alles körperlich nicht mehr schaffen.