Kinderbuchfigur Pippi Langstrumpf dürfte mit Pferd und Affen im Gepäck allgemein als tierlieb gelten. Aber ihr lustiges Liedchen „Ich mach‘ mir die Welt / widdewidde wie sie mir gefällt“ bringt Benjamin Pasternak, Vorstand des Tierheims Oekoven, derzeit auf die Palme. Er summt es vor sich hin, um seinem Groll gegen die Stadt Jüchen eine komische Note zu geben. Aber eigentlich ist er stinksauer: „Die Stadt Jüchen rechnet sich alles gerade sehr schön.“
Gut anderthalb Jahre schwelt der Streit um die Finanzierung des Tierheims, nachdem es den angeschlossenen Kommunen – neben Jüchen auch Rommerskirchen, Grevenbroich, Kaarst, Meerbusch und Korschenbroich – mitgeteilt hatte, dass das Heim seine Kosten decken will. Dazu gehören neben Unterbringung und Personal auch Futter- und Tierarztkosten bei Fundtieren – für diese haben die Kommunen eine gesetzliche Pflichtaufgabe. Pro Einwohner veranschlagte Pasternak drei Euro pro Jahr. Die Preise für Futter und Tierarztbesuche, aber auch die Personalkosten stiegen kräftig. Zahlte Jüchen 2019 noch rund 14.000 Euro, waren es 74.119 Euro im Jahr 2025. Über eine halbe Million Euro bekommt das Team aus Spenden, Mitgliedsbeiträgen und Schenkungen, um die jährlichen Kosten zu stemmen.
Die Stadt Jüchen wechselte Mitte des Monats nun zum Tierheim Bettikum in Neuss, das fortan Anlaufstelle für Bürger ist, die ein Fundtier abgeben wollen. Der dortige Tierschutzverein Katzenhilfe lädt für den 12. Juli zum Tag der offenen Tür, den die Stadt Jüchen schon mit Kinderschminken und Tombola bewirbt. Für Pasternak ist aber noch ungeklärt, ob die Kündigung überhaupt rechtens ist. „Der Vertrag mit uns wurde vor mehr als 50 Jahren mit dem Kreis abgeschlossen“, sagt er. Vor der kommunalen Neugliederung also. Und weil die Konditionen ebenso alt waren, wollte er Dinge wie Futter- oder Tierarztkosten auf eine neue Basis stellen. „Wir sind Dienstleister und decken mit Tierheim und Gnadenhof auch ganz viele andere soziale Aufgaben für die Stadt ab, darunter Jugendarbeit, Hundetraining oder Ferienfreizeiten.“ Für 18 Beschäftigte, darunter die neue Auszubildende Leonie Schmelter, sei der Wechsel nach Bettikum eine Ohrfeige.
„Die Stadt Jüchen hat verschiedene Möglichkeiten für die künftige Unterbringung von Fundtieren geprüft“, teilt die Verwaltung auf Anfrage mit. „Hintergrund waren die seit längerer Zeit laufenden Verhandlungen über die zukünftige Vertragsgestaltung und Kostenstruktur.“ Dabei habe es unterschiedliche Auffassungen über die künftige Ausgestaltung und Finanzierung einzelner Leistungen gegeben. „Aus diesem Grund wurden alternative Angebote eingeholt und die genannten Aspekte bei der Angebotsprüfung berücksichtigt. Die Verhandlungen mit dem Tierheim Bettikum konnten erfolgreich abgeschlossen werden, sodass ein neuer Fundtiervertrag geschlossen wurde“, so die Stadt. Der Kreis sei frühzeitig informiert worden. „Und hat keine Bedenken geäußert.“ Auch die übrigen Kommunen seinen informiert worden.
Der neue Vertrag sei wirtschaftlicher als das zuletzt vorliegende Angebot des Tierheims Oekoven. Benjamin Pasternak räumt ein, dass er das Raunen schon vernommen habe, als er die Kommunen über die Einbeziehung von Tierarzt- und Futterkosten informiert habe. „Ich sehe, dass die Krawatte bei den Kommunen mittlerweile sehr eng ist“, sagt der Tierschützer auch mit Blick auf die jüngst von Kämmerin Annette Gratz verhängte Haushaltssperre.
„Aber die Kündigung war jetzt ein ganz roter Knopf“, sagt Pasternak. Gespräche über kommunale Pflichtaufgaben sollten nach seiner Auffassung nicht so abrupt und intransparent abgebrochen werden. Die Stadt wiederum beteuert, dass der neue Fundtiervertrag mit dem 17 Kilometer entfernten Bettikum die Aufnahme, Unterbringung und Versorgung von Fundtieren aus dem Jüchener Stadtgebiet regele. „Die Einhaltung der tierschutzrechtlichen Vorgaben sowie die tiermedizinische Versorgung liegen in der Verantwortung des Tierheims und werden gewährleistet.“ Die Stadt sei verpflichtet, die Wirtschaftlichkeit ihres Handelns zu berücksichtigen und öffentliche Mittel verantwortungsvoll einzusetzen.
Pasternak bleibt skeptisch: Jüchen habe ein spezielles Problem mit wachsenden Populationen von Straßen- und Streunerkatzen. Auch hier knirschte es zuletzt zwischen dem Tierheim und der Stadt – aber auch mit dem Kreisveterinäramt. So hatte das Jüchener Ordnungsamt in einer Verwaltungsvorlage erklärt, dass das Kreisveterinäramt rückwirkend 19.700 Euro für die Versorgung von Streunerkatzen übernommen habe. Das sieht Benjamin Josephs, Sprecher des Rhein-Kreises Neuss, anders: „Das waren Haushaltsmittel zur Unterstützung von Maßnahmen an Katzenhotspots.“ Die Verwaltung sagt jetzt: „Die Stadt hatte darauf hingewiesen, dass die Kosten eines Streunerkatzen-Hotspots zunächst in die Abrechnung der Stadt einfließen sollten, obwohl diese Maßnahmen dem Aufgabenbereich des Veterinäramtes zuzuordnen waren. Dies wurde anschließend berücksichtigt.“
Straßen- und Streunerkatzen hat Jüchen laut Pasternak in zunehmender Zahl, richtig viele gebe es am Kraftwerk Neurath. Sie tauchten aber auch in Wohngebieten oder Schrebergärten auf. „Das hat mittlerweile eine Größenordnung angenommen, die eine Gefahr für die Gesundheit der Bevölkerung darstellt“, sagt er. Viele Nachkommen der verwilderten Hauskatzen seien krank. Um die Hinterlassenschaften in Sandkästen zum Beispiel auf Spielplätzen zu beseitigen, müsste der Bauhof ausrücken. Das müsse dieser auch, wenn nachts ein Bürger ein Fundtier hat, das abgeholt werden soll.
Für Oekoven hatten die Mitarbeiter des Bauhofs einen Schlüssel. Beim Vertrag mit Bettikum sieht die Verwaltung Jüchen kein Problem. „Auch künftig besteht die Möglichkeit, Fundtiere außerhalb der regulären Geschäftszeiten direkt im Tierheim unterzubringen. Während der Öffnungszeiten werden Fundtiere durch das Tierheim abgeholt.“ Für Pasternak steht indes fest: „Die Leidtragenden in Jüchen sind die Tiere.“