Wie begehen Amerikaner ihren großen Jubiläumsgeburtstag? Vor dem Hintergrund der politischen Spaltung, wirtschaftlicher Unsicherheiten und einer brüchigen Waffenruhe im Krieg gegen den Iran, ist es vielleicht zu viel verlangt, dass US-Bürger an diesem Tag vereint zusammenkommen.

Doch beim US-Militär, das schon beim Unabhängigkeitskrieg unter Führung von General George Washington, eine Sonderrolle gespielt hat, liegen die Dinge anders: Da ist man patriotischer, aber auch zu politischer Neutralität und Unterordnung unter die zivile Führung verpflichtet. Auch in der Böblinger Panzerkaserne, wo die US-Garnison Stuttgart an diesem Rekordhitze-Samstag zum vierten Mal auch ihre deutschen Nachbarn dazu einlud, den US-Unabhängigkeitstag gemeinsam zu feiern.

Lockeres Volksfest für die Familie

Familien steuern mit Kinderwagen den mit Foodtrucks eingerahmten großen Parkplatz vor dem US-Einkaufszentrum an, Jung und Alt winken mit Fähnchen oder haben sogar ihre Gesichter in Sternenbanner-Farben geschminkt. Dazu jede Menge Musik von Pop bis Country. Doch anders als in den Vorjahren bilden sich am Haupttor der Böblinger Panzerkaserne beim Taschencheck durch US-Soldaten diesmal keine langen Schlangen. Auf dem Parkplatz oder vor der Bühne, wo nachmittags ein Elvis-Imitator auftritt, bleibt lange viel Platz. Bis zum späten Abend werden aber wieder 18.000 Besucher gezählt.

Der US-Unabhängigkeitstag, mit der die Loslösung von der englischen Krone begangen wird, ist ein lockeres Volksfest für Familie und Freunde. Dazu kommt normalerweise eine moderate Dosis Patriotismus. Doch die Zeiten sind nicht normal – nicht in den USA und auch nicht in den deutsch-amerikanischen Beziehungen: Im Innern baut die Trump-Administration mit ihren Verstößen gegen demokratische Normen und Institutionen nach den Worten des Heidelberger Historikers Manfred Berg an einem „autoritären Präsidialsystem“. Außenpolitisch macht Washington den Verbündeten in Europa mit Drohungen gegen Grönland und Truppenabzug oder mit Zöllen das Leben schwer.

Fassanstich im VIP-Bereich beim Independence Day: Der US-Standortkommandeur Oberst Edward J. Sanford und Baden-Württembergs Ministerpräsident Cem Özdemir. Foto: Stefanie Schlecht, sts

Angesichts des vergifteten politischen Klimas auch in den USA blicke sie nur mit „gemischten Gefühlen“ auf die 250-Jahr-Feier ihres Landes, sagt eine Frau aus der Stuttgarter US-Militärgemeinde. Sie möchte namentlich nicht genannt werden. Auch in ihrem Bekanntenkreis in Stuttgart stelle sie „keine große Begeisterung“ über das Jubiläum fest.

US-Beamter „still optimistisch“

In der alten Panzerkaserne der Wehrmacht am Ostrand Böblingens sieht das ein von einer freundlichen Pressefrau zum Gespräch ausgewählter Soldat indes ganz anders: Stabsfeldwebel Carlos Boggs mit Wurzeln in Puerto Rico betont, dass für ihn die Feier des US-Unabhängigkeitstages immer „ein besonderer Feiertag“ ist. „Man kämpft, um die Freiheit zu verteidigen“, meint der 42-jährige Militärpolizist, der drei Mal im Afghanistan-Einsatz war. Auch sei es gut, mit den Deutschen gemeinsam zu feiern. „Wir empfangen sie mit offenen Armen und zeigen ihnen die Bedeutung des 4. Juli.“

Ein hoher US-Militärbeamter aus dem Südwesten freut sich zwar über die Feier der US-Unabhängigkeit gemeinsam mit Deutschen – bei seinen Kontakten mit Deutschen stößt er nicht auf Antiamerikanismus –, er spürt aber den Verlust amerikanischer Soft Power. Mit Blick auf die Trump-Regierung „fragen mich viele verwundert: ,Was passiert da mit Amerika‚, dem Land, zu dem sie so lange aufgeschaut haben’“. Trotzdem bleibt er „still optimistisch“. Die Dinge würden wieder „in Ordnung kommen“, meint er.

Independence Day und große Hitze: Benebelung mit Wasser bietet den Besuchern ein wenig Abkühlung. Foto: Stefanie Schlecht, sts

Der Grund für die Bewunderung für Amerika liegt auch an den revolutionären Worten der US-Unabhängigkeitserklärung von 1776, wonach „alle Menschen gleich“ und „mit gewissen unveräußerlichen Rechten“ ausgestattet seien, darunter, „das Leben, die Freiheit und das Streben nach Glück“. Es ist die Geburtsstunde der liberalen Demokratie, die die ganze Welt verändert, auch wenn mit dem Ideal der Selbstbestimmung Afroamerikaner, Ureinwohner und Frauen lange nicht mitgemeint waren.

Cem Özdemir: „Wie der Amerikanische Traum in Deutschland

Daran erinnert auch der neue grüne Landeschef Cem Özdemir, der am Abend zu der Feier stößt. Seine eigene Biografie passe zur Kernidee der US-Unabhängigkeitserklärung, bemerkt er am Rande des VIP‑Empfangs: Er selbst stamme aus bescheidenen Verhältnissen und sei heute Ministerpräsident von Baden-Württemberg. „Das klingt wie der Amerikanische Traum, ist aber in Deutschland passiert.“ Bei seinem Toast dankt Özdemir dem US-Militär für den Einsatz für Demokratie und Freiheit in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Aber er erinnert auch an den andauernden Krieg in der Ukraine, „wo die Menschen heute für die Freiheit kämpfen“.

Bei einigen Amerikanern in der US-Militärgemeinde wird die Feierlaune zusätzlich getrübt, weil US-Verteidigungsminister Pete Hegseth gerade den über Parteigrenzen hinweg hochgeschätzten General Christopher Donahue, Kommandeur der US-Landstreitkräfte für Europa und Afrika, und bis Mitte kommender Woche noch Chef auch der Stuttgarter Garnison, ohne Angabe von Gründen vorzeitig in Pension geschickt hat. Donahue ist nur der letzte in einer Reihe von Spitzenoffizieren, die Hegseth in seinem Feldzug für bedingungslose Loyalität und gegen zu viel Diversität beim Militär in die Wüste schickt.

„Das ist ein Schock für viele“, meint die Ex-Republikanerin in Stuttgart. Die Entlassung habe einschüchternde Wirkung: Aus Sorge um den Job könnten Offiziere künftig nicht mehr den besten Rat geben – mit Folgen für Krieg und Frieden. Im Zug der Herabstufung Europas plant Hegseths Team nach US-Medienberichten offenbar auch die Herabstufung zahlreicher Hauptquartiere von Vier- zu Drei-Sterne-Kommandos.

Deutsche Besucher sind besorgt

Und was denken deutsche Festbesucher? Die aktuelle politische Lage in den USA hält Nicole Barth mit Blick auf Trump für „sehr schwierig“. Ihr Mann Joe stimmt zu. Beide haben einige Jahre in den USA gelebt. Ihre Tochter wurde dort geboren. Derzeit verzichten sie aber auf Reisen dorthin. „Wir hoffen, dass der Albtraum wieder vorbeigeht“, sagt sie mit Blick auf die Zwischenwahlen im Herbst. Aber das „gute“ Amerika von früher werde es nicht mehr geben. Da ist ihr Mann sicher.

Als es Abend wird und die Sonne nicht mehr ganz so stark auf den Asphalt brennt, sitzen Amerikaner und Deutsche, Jüngere und Ältere auf den Bänken, essen und lauschen der Musik aus den Lautsprechern. Und alle warten auf den Höhepunkt – ein extralanges Feuerwerk, das die rot-weiß-blauen amerikanischen Farben in den Himmel über Böblingen malt.

Eigentlich wird der US-Unabhängigkeitstag am 4. Juli gefeiert. Doch weil viele Soldatinnen und Soldaten am anschließenden langen Wochenende verreisen möchten, feierte die US-Garnison in Stuttgart bereits am diesem Samstag, 27. Juni.