„Aufwärmen“ musste man wohl niemanden, vielmehr tat die Tollhaus-Crew alles, um die Konzertbesucher trotz Hitze am Leben und bei Laune zu halten. Große Ventilatoren, kostenloses Leitungswasser, hier und da sah man jemanden mit einer Sprühflasche, der auf Wunsch die Leute mit Wassernebel benetzte.
Dicht gedrängt und erwartungsfroh blieben die meisten im seitlich geöffneten Saal, nachdem Steiner & Madlaina als Opener aufgetreten waren. Für die Fans sind das keine Unbekannten, sie sind auch auf dem jüngsten Album „Strandbad Eldena“ beim Song „Help me out“ beteiligt. Das Programm war, wie nicht anders zu erwarten, eine Mischung aus bisherigen Hits und den neuen Songs.
Indie nur dem Namen nach
Die Musik läuft unter dem Etikett „Indie Pop“. Independent, also unabhängig von den Major-Labels, sind die fünf Musiker im wörtlichen Sinne nicht mehr, seit sie ab 2016 bei dem traditionsreichen Label Columbia unter Vertrag sind, das zu Sony gehört. Nach außen hin betreut die Berliner Agentur Irrsinn die Band, in deren Künstlerkartei sich auch Faber, Dilla und ähnliche finden. Ziel ist, sich im kreativen Bereich möglichst unabhängig zu halten, dahinter aber die Marktmacht eines Major-Labels zu haben.
Pop im festen Rahmen
Die Behauptung „in keine Schublade zu passen“ ist im Indie-Pop der erste Textbaustein, den jeder PR-Praktikant an Tag eins findet. Das wird natürlich auch über Von Wegen Lisbeth behauptet. Musikalisch hat die Band das Rad nicht neu erfunden. Die Songs sind eingängiger Pop, harmonisch und strukturell ohne große Ecken und Kanten. Einige originelle Noten kommen von ein paar „exotischen“ Instrumenten wie Glockenspiel oder Steel Drum. Hier und da gibt es schräge Synthie-Sounds. Typisch, gerade im Konzert, sind die geschrammelten E-Gitarren. Aber das ist alles in einen festen Rahmen eingespannt – was auch mal schief gehen kann. Im Tollhaus verpasste die Band bei einem Song den Einstieg in den programmierten Groove, hielt die Maschinerie an und startete noch mal. „Drei Versuche haben wir“, witzelte Sänger Matze – beim zweiten Versuch hat es schon geklappt.
Die Freude kommt aus dem Text
Im Großen und Ganzen klingt das Konzert sehr nach Reproduktion in festgelegten Strukturen – das ist offensichtlich kein Jazz. Die Freude für die Zuhörer kommt weniger aus der übersichtlichen musikalischen Virtuosität als vielmehr aus Texten und Themen. Und da haben die Konzertbesucher sich offenbar gut vorbereitet: Auch bei den neuen Songs wird mitgesungen. Die Feuilleton-Boomer stellen fest, dass die Texte oft einen lokalen Berlin-Bezug haben. Das ist der Herkunft der Band geschuldet. Zugleich spiegelt sich hier aber das Lebensgefühl der Gen Z, sagen die Boomer. Immer ein bisschen selbstironisch findet sich das lyrische Ich ohnmächtig zwischen Klimawandel und Kapitalismuskritik, wartet dabei auf den „Lieferandomann“ und fotografiert dann sein Essen („Sushi“). Die Verbindung von eigenem Alltag und „großen“ Themen haben eine Generation vorher schon „Element of Crime“ gepflegt, die Matze in Interviews auch als Einfluss nennt. So oszilliert das Publikum zwischen ironischer Distanz und Identifikation, während die Musik mit freundlicher Tanzbarkeit für gute Unterhaltung sorgt. Die einstige Gymnasiasten-Band ist sich treu geblieben. Es läuft ja auch richtig gut. Ein Konzert nach dem anderen der aktuellen Tour ist ausverkauft.