Die Bühne in der Aula des Lintorfer Kopernikus Gymnasiums verwandelte sich in eine „Schaubühne als moralische Anstalt“, wie es schon Friedrich Schiller 1785 in einer Rede für das Theater forderte. „Wir sind sehr stolz darauf, eine sehr anspruchsvolle Produktion zu präsentieren. Über ein Jahr Arbeit, unzählige Proben, stundenlanges Textlernen, eine Fahrt der Arbeitsgemeinschaft und Ausflüge in einen großen Kostümverleih führen uns zum heutigen Abend. Wir waren mutig und haben uns an einen echten Klassiker getraut“, sagte Regisseur Christoph Jensen, der am Lintorfer Gymnasium Deutsch und Geschichte unterrichtet, nach der ersten Vorstellung.
Der scheinheilige Frömmler Tartuffe
Zahlreiche Eltern, Großeltern, Lehrer. Ehemalige und Freunde der jungen Schauspieler verfolgten trotz des extrem heißen Wetters, wie auf der Bühne der scheinheilige Frömmler Tartuffe die religiöse Gutgläubigkeit des wohlhabenden Familienvaters Orgon ausnutzt und sich in die Familie einschleicht, um an das Vermögen und die Hand der Tochter zu gelangen. Die ganze Familie sieht, dass Tartuffe ihn nur ausnehmen will, nur Orgon selber sieht es nicht. Allein seine Mutter steht noch an seiner Seite. Selbst die Ratschläge des Schwagers und die Einwände der Zofe werden in den Wind geschlagen. Doch egal wie erdrückend die Argumente und Beweise sind, Orgon will glauben, was er glauben will, nämlich dass sein Gast ein Held ist. Dafür wirft er sogar seinen Sohn aus dem Haus und möchte, dass seine Tochter Tartuffe heiratet. Doch der Schwindel fliegt auf, leider zu spät. Orgon hat sein gesamtes Hab und Gut bereits an den Hochstapler verschenkt, und der Gerichtsvollzieher fordert die sofortige Räumung des Hauses. Zum Glück wurde Tartuffe schlussendlich vom König als Betrüger entlarvt und vom Richter verhaftet. Orgon bekommt sein Vermögen zurück und seine Tochter darf ihren eigentlichen Geliebten heiraten.
Zwei kurzweilige Vorstellungen
Rund zwei Stunden dauerte die Inszenierung, die von einer kurzen Pause, „Hydration-Break“, wie Jensen scherzhaft sagte, unterbrochen wurde. In der Pausenhalle der Schule gab es kühle Getränke, Eis und Laugengebäck und viele angeregte Gespräche zwischen den Zuschauern, die allesamt die Darbietung lobten, auch wenn nicht immer alles perfekt lief. Aber es ist ja schließlich eine Schülertruppe, die viel Zeit und Mühe investierte, um zwei sehr kurzweilige Vorstellungen auf hohem Niveau geboten hatte und sich in dieser neuen Zusammensetzung auch erst mal wieder finden musste.
Neuer Kooperationspartner der Schule
Neben den stolzen Eltern und Großeltern, interessierten Lehrern und Freunden, war an beiden Tagen in der Pause auch der neue Kooperationspartner der Schule, der Lintorfer Heimatverein, mit einem kleinen Stand vertreten, an dem die Besucher unter anderem Fragen aus dem Lintorf-Quiz beantworten oder in der noch aktuellen Quecke stöbern konnten.
Nach der kurzen Pause ging es dann mit der seinerzeit von Molière als Fünfakter in Versform geschrieben Komödie weiter. Sie wurde vor rund 360 Jahren in einer ersten Version unter dem Titel Der Tartuffe oder Der Heuchler (Le Tartuffe ou L’Hypocrite) im Beisein des Sonnenkönigs Ludwig XIV. im Schloss Versailles uraufgeführt. Sie löste aufgrund ihrer drastischen und für die damalige Zeit revolutionären Kritik an religiösem Heuchlertum einen Theaterskandal aus, der zum Verbot des Stücks führte. Auch eine zweite Version wurde nicht geduldet. Erst eine erneute Überarbeitung erhielt damals schließlich die Unterstützung des Königs und hat sich bis heute gehalten, samt der noch immer vorherrschenden Brisanz des Themas. Wie heißt es dazu im Programm Flyer? „Die moderne politische Interpretation dürfte nicht allzu schwerfallen… Im Zweifel helfen die Inszenierung und der Schlussmonolog des Richters gerne nach!“