Sie sollen helfen, Leben retten, schwerkranke oder verletzte Patienten ins Krankenhaus bringen – Mitarbeiter von Rettungsdiensten haben besonders verantwortungsvolle Aufgaben. Eine kleine Gruppe von Mitarbeitern des privaten Rettungsdienstes Falck, der im Auftrag der Stadt Duisburg in der Feuerwache 3 an der Duisburger Straße in Obermarxloh tätig ist, soll dieser Verantwortung nicht gerecht geworden sein. Im Gegenteil. Das legt jetzt eine Recherche des WDR nahe.

Danach sollen fünf Mitarbeiter, die sich bereits im April 2025 zu einer „HiLo“-Gruppe zusammengetan haben sollen, brutal und respektlos mit Patienten umgegangen sein. „HiLo“ steht in diesem Fall für „hilflose Person“. Demnach schilderten Falck-Mitarbeiter dem WDR eine ganze Reihe derartiger Vorfälle. Patienten, die eigentlich mit Sauerstoff versorgt werden mussten, seien erstmal die Treppe zum Auto runtergeschickt worden – ohne sie derweil mit Sauerstoff zu versorgen.

In einem anderen Fall musste ein Patient, der eigentlich hätte getragen werden müssen, selbstständig eine Treppe runtergehen.

Noch schlimmer sind Vorwürfe, die auch strafrechtliche Konsequenzen haben könnten. So berichteten Whistleblower, dass Mitarbeiter Fotos von Patientinnen und Patienten mit ihren privaten Handys gemacht haben sollen – mit Aufnahmen von Genitalien und Wunden oder Menschen, die sich das Leben genommen hatten.

Geschildert wurde auch ein Vorfall, in dem eine Patientin im Rettungswagen absichtlich nicht angeschnallt worden sei, und dann habe der Fahrer extra eine Vollbremsung gemacht. Dabei habe man in Kauf genommen, dass sich die Frau schwer verletzen könnte. Auch von rassistischen Äußerungen innerhalb der Gruppe wurde berichtet.

Die Staatsanwaltschaft Duisburg hat inzwischen mehrere Hinweise auf das Gebaren der Mitarbeiter-Gruppe erhalten. „Wir prüfen zurzeit, ob wir Ermittlungen in dieser Sache aufnehmen“, erklärte Staatsanwältin Gina Seemann auf Anfrage der Redaktion.

Obwohl die Vorgänge zum Teil schon Monate zurückliegen, habe die Stadt Duisburg als Auftraggeberin erst im Mai 2026 von den Vorfällen per Mail von einem Hinweisgeber erfahren. Das Unternehmen Falck habe daraufhin am 7. Mai die Stadt informiert. „Unmittelbar danach wurde die Firma Falck zu einer weiteren Stellungnahme aufgefordert“, heißt es seitens der Stadt.

Bereits im Frühjahr soll inzwischen ein Mitglied der „HiLo“-Gruppe das Unternehmen verlassen haben. Ein anderer soll entlassen worden sein, nachdem der WDR bei Falck nach den Vorwürfen gefragt hatte.

Der Rettungsdienst antwortet nicht selbst auf die Anfrage der Redaktion. Er lässt für sich eine externe Kommunikationsagentur aus Hamburg antworten. So heißt es von dort, die Mitarbeitenden leisteten „täglich einen außerordentlichen Job unter schwierigsten Bedingungen“. Weiter heißt es: „Ihr Einsatz verdient größten Respekt. Umso klarer ist unsere Haltung: Wer gegen unsere Werte verstößt, hat bei Falck keinen Platz.“ Die Vorwürfe würden sich ausdrücklich nur auf einzelne Mitarbeitende der Rettungswache 3 in Duisburg beziehen. „Sie berühren den Kern unseres Selbstverständnisses: den würdevollen und professionellen Umgang mit Menschen in hilfloser Lage.“

Deshalb habe das Unternehmen „unmittelbar nach Kenntnis der konkreten Vorwürfe alle verfügbaren Mittel eingesetzt, um den Sachverhalt aufzuklären“. Dazu gehörten unter anderem:

Wo sich Vorwürfe in dieser Phase erhärtet hätten, habe man personelle Konsequenzen geogen. Zusätzlich habe man eine unabhängige Anwaltskanzlei mit einer „umfassenden Compliance-Untersuchung“ beauftragt. Weiter heißt es: „Wir nehmen jeden Hinweis ernst und verfolgen ihn konsequent weiter. Dabei handeln wir auf Basis gesicherter Erkenntnisse, nicht auf Basis von Hörensagen und Gerüchten. Bei nachgewiesenem Fehlverhalten habe man bereits die Staatsanwaltschaft eingeschaltet und personelle Konsequenzen gezogen.

Ob das Unternehmen die richtigen Schritte eingeleitet hat, will man bei der Stadt Duisburg derzeit (noch) nicht beurteilen. „Das können wir erst dann bewerten, wenn uns die Ergebnisse der Untersuchung vorliegen.“ Zudem hat die Stadtverwaltung – bei der Stadtdirektor Martin Murrack für die Feuerwehr zuständig ist – deutlich gemacht, was sie nun von Falck erwartet. „Unsere Aufgabe ist es, sicherzustellen, dass die gesetzlichen, fachlichen und qualitativen Anforderungen im Rettungsdienst eingehalten werden. Für das eingesetzte Personal und die beauftragten Leistungserbringer gelten dabei klare Maßstäbe, insbesondere im Hinblick auf Professionalität, Sorgfalt, Datenschutz, Verschwiegenheit sowie den würdevollen Umgang mit Patientinnen und Patienten.“

Erwartet werde deshalb eine „vollständige, nachvollziehbare und dokumentierte Aufklärung des Sachverhalts“. „Dazu gehört insbesondere, dass Falck darlegt, welche konkreten Prüfungsmaßnahmen durchgeführt wurden, welche Personen, Bereiche und Kommunikationswege einbezogen wurden und welche Maßnahmen zur Prävention, Qualitätssicherung und zum Schutz von Patientinnen und Patienten getroffen wurden oder noch getroffen werden. Maßgeblich ist für uns, dass etwaige Missstände konsequent identifiziert, abgestellt und künftig zuverlässig verhindert werden“, heißt es weiter.

Ob die Stadt Duisburg mit dem Rettungsdienst künftig weiter zusammenarbeitet, ist noch offen. Zum jetzigen Zeitpunkt sei eine abschließende Bewertung nicht möglich. Die kurzfristige Aufklärung der Vorwürfe sei „eindringlich gefordert“. Das Vertrauen der Bevölkerung in den Rettungsdienst sei ein hohes Gut. Bei systemischen Fehlverhalten gegenüber vulnerablen Personen dürfe es keine Toleranz geben. Wörtlich heißt es seitens der Stadt: „Kann ein Unternehmen nicht sicherstellen, dass seine Mitarbeitenden die klar auf der Hand liegenden Regeln von Professionalität und Respekt gegenüber Patienten einhalten, kann es zukünftig kein Partner für die Stadt Duisburg im Rettungsdienst sein.“