Das Altersheim „Olga Körner“ in Dresden-Mockritz zeigt im Jahr 1974 glückliche ältere Damen und auch einen Herrn im Hintergrund. Foto: Erich Höhne, Repro: Katrin Tominski
Dresden, 29. Juni 2026. Die Ausstellung „Platte Ost/West“ im Stadtmuseum Dresden thematisiert die Großtafelbauweise in Ost sowie West und sieht dabei auch in die Zukunft. Eine großartige Sammlung – auch verschiedener Wohnformen – in den Plattenbauten in Ost und West, die dorthin aus verschiedenen Gründen gelangt waren. Einziges Manko: Bauhaus – die Ursache des Plattenbaus weltweit bleibt unerwähnt.
Wurzeln in den USA gesucht
Die Schau „Platte Ost/West“ beginnt unscheinbar, und das ist ihr wahrscheinlich größter Fehler. Ein paar Sätze über die Ursachen des Plattenbaus in Deutschland, in Europa und in Übersee. Es gibt zwar Zeitangaben zu den Bildern – es ist aber nicht richtig klar, warum ein Teil dieser Dinge in den USA stattfand. Warum die USA jetzt hier maßgeblich sein sollen, wo die Geschichte der Platte oder der Großtafelbauweise jetzt vornehmlich in Deutschland Ost und Deutschland West abgebildet sein soll, ist dem Besucher nicht so wirklich klar. Er vermisst stattdessen die Bauhaus-Bewegung als Wurzel für die Großtafelbauweise. Sie ist damals neu, sie ist steril, sie ist klar und sie ist alles, was der Gründerzeitboom in den Großstädten nicht ist. Das Bauhaus mit seinen internationalen Verschränkungen – auch in seiner Zeit, als schon viele vor Hitler flüchten mussten und eben auch in den USA gelandet sind – ist die Ursache des weltweiten Plattenbaus.
Die Ausstellung „Modern Architecture. The International Style“ im New Yorker MoMA liest sich 1932 dabei wie ein regelrechtes Who is Who des Bauhaus: Mies van der Rohe, Le Corbusier, Walter Gropius, aber auch Architekten und Bauten aus Ländern wie Mexiko, den Niederlanden oder Ungarn wurden vorgestellt. „Ohne die MoMA-Ausstellung wäre es für die Bauhaus-Exilanten sicher nicht so einfach gewesen, so mühelos in den USA Erfolg zu haben“, schreibt die Deutsche Welle im Jahr 2019, dem Hundertjährigen Bauhausjahr, in ihrem Beitrag „Bauhaus global: Wie sich eine Utopie verbreitet hat“.
Die ansonsten grandiose Ausstellung, die mit tollen Ost-West-Bezügen aufwartet, lässt leider am Beginn die Bauhaus-Bewegung als eine Geburtsstunde der Plattenbauten dieser Welt vermissen. Repro: Katrin Tominski
Dass dieser Beginn der Ausstellung über die Plattenbauten in Ost/West ohne den Verweis auf die Bauhaus-Ausstellung geschehen ist, kann nur eine grundsätzliche Entscheidung sein – die meiner Meinung nach falsch ist. Natürlich kann die „Platte Ost/West“ sich nicht hochauflösend mit dem Bauhaus beschäftigen. Natürlich soll es sich um die Platten drehen, die in Ost und West gebaut worden sind. Doch ohne das Bauhaus ist alles, besonders der Beginn, ja gar nicht so einfach zu verstehen. Dies bleibt ein großer Minuspunkt an der Ausstellung, die aber ansonsten eine besonders gute Ost/West-Abhandlung ist.
Dieser Fokus auf die Entwicklung der Großtafelbauweise im Osten sowie im Westen zieht sich ansonsten perfekt durch die gesamte Ausstellung und kann diesbezüglich auch als ihr variierendes Monument wahrgenommen werden. Gleichzeitig steht auch da der Unterschied, welche Einwohner im Osten und welche Einwohner im Westen in den Neubauten waren. Es liegt zwar etwas versteckt in dem Komplex Einrichtungen der Mietwohnungen, aber es steht da. Und das ist ja so immens wichtig, weil es ja in der gesamten Rezeptionsweise über Plattenbauten eine enorme Rolle spielt. Im Osten, so steht es da und so wissen wir es auch alle, galten die Neubauten als fortschrittliche Wohnungen für alle, vom Hausmeister bis zum Akademiker, vom Bauern bis zum Werftarbeiter. Es gab Spielzeug zu den Wohnungen und komplette Stadtviertel in sehr vielen Städten – eigentlich in fast jeder Stadt.
Neben diesem Einrichtungsbild der Wohnungen im ersten Raum steht eigentlich eine der wichtigsten Dinge der Plattenbauweise in Ost und West: Im Osten war der Plattenbau fortschrittliche Wohnplanung für alle, im Westen betraf er vor allem Sozialwohnungen. Wer dies versteht, versteht auch einen Grund, warum die Plattenbaugebiete nach der Wiedervereinigung so eine Abwertung erfahren haben. Repro: Katrin Tominski
Im Westen hingegen war das (Sozial)Wohnen im Plattenbau vor allem für Mieterinnen und Mieter reserviert, die in den Städten nicht so einfach eine Wohnung gefunden hatten und augenscheinlich auch nicht durch große Familienmaßgaben oder Erben in den Pool eines vorhandenen Heimes gekommen waren. Natürlich war das auch im Westen damals nach dem Krieg eine andere Geschichte als heute nach 80 Jahren. Heute sind ja die Erbschaften noch größer als damals. Doch es gab diese feinen Unterschiede, die sich im Laufe der Zeit ja immer weiter manifestierten. Und genauso ist ja auch der Abgesang der Neubauten nach der Wende zu verstehen. Abseits dessen, dass tatsächlich viele Menschen aus den Platten herauszogen, war auch schnell in der Debatte klar, dass nur die Verlierer in Plattenbauten wohnen blieben.
Dieser Raumteiler in Form eines Plattenbaus des Typs PH16 von Patrick Gülzow ist im Jahr 2017 aus purem Eichenholz entstanden. Foto: Katrin Tominski
Insofern ist es schön, dass jemand wie T-Wonder ein Lied auf die Reminiszenz des Plattenbaus schreibt. Wenngleich die Frage bleibt, warum nicht Trettmann mit „Grauer Beton“ gezeigt wird. Hier könnte man wieder entgegnen, dass es eine Dresdner Ausstellung ist und deswegen Dresdner Künstler gezeigt werden. Vielleicht war Trettmann auch nicht mit den Rechten einverstanden gewesen. Doch er hätte – wie auch „Kraftklub“ – auf alle Fälle in die Plattenwelt des Ostens gepasst. Man hätte sie wenigstens noch erwähnen können.
Plattenbau-Musikvideo
(T-Wonder: „Plattenbau“):
Dass die Schau aufhört mit einer Perspektive auf die aktuellen Wohnformen und die Weiterführung der Platte, ist nur konsequent. „Platte Ost/West“ ist also eine überaus gelungene Ausstellung, die hoffentlich nicht nur erfolgreich wird, weil sie eine Lebenswirklichkeit von vielen Millionen Ostdeutschen und auch Westdeutschen abbildet. Man möge auch hoffen, dass sie im Falle eines alltäglichen Geschichtsverständnisses reüssiert, fernab von der Siegerpose, die jahrzehntelang die Geschichte dominiert hat.
Die Ausstellung „Platte Ost/West“ bietet Baugeschichte, Wohngeschichte, Interviews, Kunst – viele Aspekte rund um das Thema der Plattenbauten.
Eckdaten der Ausstellung:
- Ausstellung: „Platte OST / WEST – Wohnen und Bauen in Großtafelbauweise“
- Wo? Stadtmuseum Dresden, Wilsdruffer Straße 2
- Wann? Bis 29. November 2026, jeweils Di – So, Feiertage: 10-18 Uhr
- Eintritt: 8 € pro Person | 6 € ermäßigt, Freitag ab 12 Uhr freier Eintritt
Autorin der Rezension: Katrin Tominski