Russland hat die ukrainische Hauptstadt Kiew elf Stunden lang mit Raketen und Drohnen angegriffen. Bei den schweren Attacken in der Nacht und am Donnerstagmorgen seien mindestens 17 Menschen ums Leben gekommen und 86 weitere verletzt worden, teilte Bürgermeister Vitali Klitschko mit.

Das russische Verteidigungsministerium erklärte, der Beschuss sei eine Reaktion auf ukrainische Angriffe auf die zivile Infrastruktur des Landes gewesen. Bei dem Angriff seien hochpräzise Langstreckenwaffen und Drohnen gegen die ukrainische Rüstungsindustrie sowie die Energie- und Kraftstoffversorgung eingesetzt worden. Das Ministerium veröffentlichte eine Liste der getroffenen Ziele, auf der vorwiegend Werke zur Herstellung und Montage ukrainischer Drohnen, Raketen und entsprechender Komponenten verzeichnet waren.

Russland feuerte bei dem Angriff nach Angaben der ukrainischen Luftwaffe 74 Raketen sowie 496 Drohnen ab. Der Angriff traf alle zehn Stadtbezirke auf beiden Seiten des Dnipro. Viele Einwohner suchten Schutz in U-Bahn-Stationen, nachdem der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj und weitere Behörden erste Warnungen herausgegeben hatten. Klitschko forderte die Bewohner auf, in Schutzräumen zu bleiben, und sprach von einem andauernden „wütenden feindlichen Angriff“ auf die Hauptstadt.

Schäden im gesamten Stadtgebiet

An 30 Stellen im gesamten Stadtgebiet wurden Schäden gemeldet, vorwiegend an Wohngebäuden und ziviler Infrastruktur, wie die Militärverwaltung der Stadt mitteilte. Innenminister Ihor Klymenko erklärte, im gesamten Stadtgebiet seien 20 Wohngebäude beschädigt worden. Nach Angaben des Katastrophenschutzes waren fast 500 Mitarbeiter sowie 100 Spezialfahrzeuge und ein Hubschrauber im Einsatz, um die Folgen des Angriffs zu bewältigen.

Der Kiewer Einwohner Serhij Budko berichtete, dass drei oder vier ballistische Raketen in seinem Stadtviertel eingeschlagen seien. „Wir waren im Schutzraum und spürten, wie er bebte – die Decke, der Boden, einfach alles“, sagte der 24-Jährige der Nachrichtenagentur AP.

Aufruf an die Verbündeten

Außenminister Andrij Sybiha rief die Verbündeten der Ukraine auf, die Luftverteidigung des Landes zu stärken. Eine weitere Nacht des Schreckens zeige, dass Entscheidungen über die Lieferung von Luftverteidigungssystemen und Flugkörpern nicht verzögert werden dürften. Auf der Plattform X erklärte Sybiha, die Zahl der Todesopfer nach dem Angriff könne noch steigen, weil die Rettungsarbeiten noch nicht abgeschlossen seien.

Die russischen Angriffe ließen sich nicht als Vergeltung für ukrainische Attacken rechtfertigen, sagte der Außenminister. Die Ukraine mache lediglich von ihrem Recht auf Selbstverteidigung gemäß Artikel 51 der UN-Charta Gebrauch, während Russland weiterhin der Aggressor sei.

Der russische Generalstabschef Waleri Gerassimow, habe Präsident Wladimir Putin über die Ergebnisse des „massiven Vergeltungsschlags“ berichtet, sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow.Der Beschuss habe sich „ausschließlich gegen militärische oder mit dem Militär verbundene Ziele“ gerichtet.

Nach Angaben von Bürgermeister Klitschko wurden im Bezirk Schewtschenkiwskyj fünf Menschen verletzt, darunter ein Sanitäter in äußerst kritischem Zustand. Nach Angaben des Katastrophenschutzes wurden dort ein Hotel und zwei fünfstöckige Wohnhäuser beschädigt.

Menschen in Gebäuden eingeschlossen

Im Bezirk Desnjanskyj wurden Menschen in einem beschädigten neunstöckigen Wohngebäude eingeschlossen. Im Bezirk Holossijiwskyj geriet nach Angaben des Katastrophenschutzes das Dach eines 16-stöckigen Gebäudes in Brand. In den Bezirken Swjatoschynskyj und Darnyzkyj kam es zu Wohnungsbränden. Menschen wurden in Gebäuden eingeschlossen.

Russland hat seine Angriffe auf Kiew in den vergangenen Wochen verstärkt. Gleichzeitig führten ukrainische Drohnenangriffe auf russische Militär- und Energieanlagen zu Treibstoffknappheit und unterbrochenen Lieferketten in Russland.

Gleichzeitig griff das ukrainische Militär in der Nacht russische Ziele an. Ziel war unter anderem eine der größten russischen Ölraffinerien in der Region Nischni Nowgorod östlich von Moskau. Der Angriff löste einen Brand aus, wie der ukrainische Generalstab mitteilte. Zudem griffen ukrainische Einheiten eine Eisenbahnbrücke über den Fluss Siwerskyj Donez in der russisch besetzten Region Luhansk an. Nach Angaben des Generalstabs wurde die Brücke von russischen Streitkräften für den Transport von Personal und Waffen genutzt.