Sechs große TV- und Streaming-Vermarkter hatten am Donnerstag in die Düsseldorfer Mitsubishi Electric Halle geladen, in der sonst vor allem große Rock- und Popkonzerte stattfinden. RTLs Ad Alliance, SevenOne Media von ProSiebenSat.1, ARD Media, das neue Unternehmen El Cartel Brothers, dass RTL Zwei und die Warner-Bros-Discovery-Angebote vermarktet, Visoon mit den Paramount-Sendern und -Diensten sowie dem Kanal Welt und Disney mit Streaming und dem linearen Sender waren mit Screenings dabei. Zwar war auch Sport1 als Gastgeber dabei, auf ein eigenes Screening verzichtete der Sender im Umbruch jedoch. Ein volles Programm fast ohne Pausen von 10 bis 18 Uhr wartete auf das Publikum, Zeit für das Außengelände mit Ständen, Foodtrucks und Musik war bis auf eine Mittagspause erst ab 18 Uhr. 

Auf mehrere Premieren konnten sich die 2.000 Gäste aus Media-Agenturen, von Werbungtreibenden sowie den Sendern und Vermarktern freuen: RTL trat erstmals nach der Sky-Übernahme gemeinsam mit dem Pay-TV-Anbieter auf, auch die El Cartel Brothers waren erstmals mit diesem fusionierten Unternehmen dabei. Auch bei ProSiebenSat.1 gab es seit dem jüngsten Screenforce Festival vor zwei Jahren mit der Übernahme durch MFE große Änderungen, ARD Media war damals nicht mit einem Screening dabei. Gefehlt hat von den großen traditionellen TV-Vermarktern lediglich das ZDF.

RTL und Sky zeigen ihre große Power

Das erste Screening des Tages war dann auch direkt das stärkste. RTL und Sky präsentierten ihr großes Portfolio an Programmen. Und: Gefühlt jedes bekannte Gesicht der Sender. So standen direkt zu Beginn u.a. Günther Jauch, Stefan Raab und Sonja Zietlow auf der Bühne. Anschließend kamen auch noch das gesamte “Let’s Dance”-Jury-und-Moderations-Team, Fußball-Formel-1-NFL-Gesichter von RTL und Sky, die TV-Köche Mälzer, Henssler, Trettl und Lege, Sophia Thomalla, Barbara Schöneberger, Elton und viele andere auf die Bühne. Ein eindrucksvoller Beginn des neuen Free-TV-Pay-TV-Streaming-Giganten.

Konzern-Chef Stephan Schmitter merkte man den Stolz über das neue große Unternehmen an, die Freude über das “größte Projekt der deutschen TV-Geschichte”. Inhaltlicher Start des Screenings war dann der Fußball. RTL-Managerin Inga Leschek, Österreicherin, sprach über ihr “Ass im Ärmel“ nach dem DFB-Aus bei der WM, gab aber angesichts des Top-Gegners Österreich zu: “Ich sag’s wie es ist: Hoch gewinnen wir nicht”. Bei RTL zeigen wird man so viel Free-TV-Live-Bundesliga-Spiele wie nie, den DFB-Pokal und den “Neustart” der deutschen Nationalmannschaft, das nächste Länderspiel – Nations League gegen die Niederlande – läuft Ende September bei RTL.

Später kündigte Leschek mit den Kolleginnen und Kollegen, dir für RTL die NFL übertragen noch die heiße News an, dass man nun die kompletten NFL-Rechte besitze, also alle Spiele und Konferenzen zeigen könne, auch die “Red Zone” aus den USA. Möglich wurde das dadurch, dass die NFL den bestehenden Vertrag mit DAZN gekündigt hatte. Neu ins NFL-Boot kommen wird dabei auch Sky, u.a. mit dem neuen linearen Sender Sky Sport NFL.

Zu den Show-Highlights, denen RTL viel Raum im Screening einräumte, gehörte die neue Staffel von Sonja Zietlows “Verräter”, die RTL im linearen Fernsehen ab 17. August innerhalb von zwei Wochen als Sonder-Programmierung jeweils montags bis donnerstags ab 20.15 Uhr zeigt. Die neue Sport-Action-Spielshow “Gladiators” startet Anfang September, neue Folgen von “Wer weiß wie wann was war?“ kündigten Barbara Schöneberger und Stefan Raab musikalisch an. Raab bringt zudem die neue “Jetski-Star-WM” an den Start. Und natürlich gibt es auch die nächsten Durchgänge von “Ich bin ein Star” und “Let’s Dance”. Unfreiwillig komisch war noch Stefan Raabs Anbaggern von potenziellen Werbekunden, bei denen er sich auf den Schoß setzte, die sich dann aber alle als Kollegen von ARD Media herausstellten.

Bei den fiktionalen Produktionen gab es erste Szenen der Neuverfilmung von “Heidi“, die als Sechsteiler kommen wird. Mit dem leicht übertriebenen Satz “RTL macht jetzt Hochkultur” kündigte Inga Leschek die neue Serie “Goethe & Schiller an”. “leicht übertrieben”, weil es dabei eher in Richtung Comedy geht: “Die Serie verbindet historische Figuren und Ereignisse mit modernem Humor, temporeichen Dialogen und einer augenzwinkernden Sicht auf das Leben der beiden deutschen Literaturikonen”, schreibt RTL in der Ankündigung.

Zwischendurch verteilten einige RTL-und-Sky-Stars noch Snacks – selbst Günther Jauch ging mit einem Korb voller Brezeln durch die Halle – und am Ende versprach Stephan Schmitter allen Anwesenden mit Nachnamen, die mit R, T, L sowie S, K und Y beginnen, kostenlose Abos von RTL+ und Sky bis Ende des Jahres. Auch das löste nochmal Jubelstürme aus.

Miss Piggy moderiert für Disney

Das anschließende Screening von Disney Advertising wurde dann in weiten Teilen von Miss Piggy aus der Muppet Show moderiert – als “Miss Piggys Queenforce”. Was zunächst nach einer amüsante Idee aussah, hatte aber zu viele Längen – auch wegen der englischen Sprache, in der Piggy mit allen Gästen sprach. Größte Programm-News bei Disney war neben den Filmen und Serien für den Streamingdienst Disney+ – “Der Teufel trägt Prada” geht beispielsweise Ende August an den Start – die Neupositionierung des linearen Disney Channels. Der wird demnächst Disney TV heißen und soll “erwachsener” werden. So könnte dort auch die “Star Wars”-Serie “The Mandalorian” eine Free-TV-Premiere bekommen.

Die Visoon-Chefs wieder mit dem größten Entertainment-Faktor

Zur Tradition solcher Screenings gehört es, dass sich die Chefs des Paramount- und Welt-Vermarkters Visoon, Kai Ladwig und Franjo Martinovic, selbst auf die Schippe nehmen. Diesmal traten sie in voller Verkleidung als Modern Talking auf, sangen “Brother Louie” mit Branchen-Text. Großartig! Noch mehr Musik kommt im Anschluss von Tim Bendzko, der für den Sender Welt u.a. seinen Hit “Nur noch kurz die Welt retten” zum Besten gibt. Welt TV müsse allerdings niemand retten, beruhigt im Anschluss der Senderchef Frank Hoffmann, die Marktanteile würden steigen. Eine neue Sendung kündigte er auch an: ein Grillen mit Musikern auf dem Dach des Senders.

Paramount, das in Deutschland ebenfalls von Visoon vermarktet wird, wurde von Lee Sears, President International Advertising, präsentiert. Typisch amerikanisch geriet seine Ansprache etwas zu superlativig. Sämtliche Superlativen angebracht sind allerdings beim großen Paramount+-Highlight ab Herbst 2027: die UEFA Champions League wird dann – voraussichtlich exklusiv – dort zu sehen sein.

Das ARD-Comeback zwischen Kunst und “Tagesschau”

Mit eindrucksvoller Sandanimation und Musik von Molly Sue begann das Screening der ARD. Chef-Vermarkter Ralf Hape stellte die Programm-Leuchttürme in den Mittelpunkt seiner Präsentation, in Trailern tauchten aber auch Programme auf, die teilweise gar nicht vermarktet werden können, weil sie nach 20 Uhr laufen – “Tatort” und “Eurovision Song Contest” zum Beispiel. Auf Seriosität legte Hape immer wieder besonderen Wert, auch im Zusammenhang mit dem Flaggschiff 20-Uhr-“Tagesschau”, das jeden Tag fast 10 Millionen auf den verschiedenen linearen Sendern einschalten. Insgesamt ein gutes Comeback im Reigen der Screenforce-Screenings für die ARD – und vielleicht ja ein Vorbild für das fehlende ZDF.

Die El Cartel Brothers und das “neue Tempo”

Gehörten die Screenings von RTL Zwei und El Cartel Media in der Vergangenheit des Öfteren je nach Sichtweise zu den High- oder Lowlights in Sachen Humor, stand nun die Fusion mit Warner Bros. Discovery zu den El Cartel Brothers im Mittelpunkt. Zunächst wurden zwei Boxer auf die Bühne gebracht, als fände ein Titelkampf statt. Doch Schläge wurden nicht ausgetauscht, denn RTL Zwei und Warner Bros. Discovery sind ja auch keine Gegner mehr. Einen Marktanteil von 8,8 Prozent habe man nun in der neuen Firma – oder aufgerundet 10 Prozent wie Geschäftsführer Stephan Karrer lächelnd sagt. Man fühle sich aber nicht als Nummer 3 des Marktes, sondern als das “neue Tempo”.

Programmlich führt Screening-Moderatorin Arabella Kiesbauer dann durch jede Menge RTL-Zwei-Reality, Doku-Soaps von DMAX & Co. und eine Prise Warner-Fiction – den Streamingdienst HBO max vermarktet bekanntlich die Ad Alliance statt der EL Cartel Brothers. Zu den Neustarts gehören beispielsweise “Die Helgoländer” und “Feuerwache 1 – Alarm in Ingolstadt”. Charmant redet dann noch Programmdirektor Malte Kruber über seinen Sender RTL Zwei, er musste kurzfristig für seinen Geschäftsführer Thorsten Braun einspringen, den -Zitat Kiesbauer – “die Sommergrippe dahingerafft” habe. Besonders stolz ist er auf eine Zahl: 20 Prozent der Nutzung des Streamingdienstes RTL+ würden von RTL-Zwei-Sendungen stammen.

Kann ProSiebenSat.1 noch mit RTL mithalten?

Das letzte Screening des Tages, das des ProSiebenSat.1-Vermarkters SevenOne Media, musste nun die Frage beantworten, was der zweite große TV-Konzern Deutschlands RTL, Sky und der Ad Alliance entgegenzusetzen hat. Los ging es direkt mal mit einem gehörigen Cringe-Faktor. Da ließ sich das ProSiebenSat.1-Management per KI in einen Flieger montieren, Sprüche klopfen und anschließend mit Fallschirm in die Tiefe springen. Ein gutes Beispiel für schlechte KI-Videos.

Das komplette Gegenteil von KI, menschliche authentische Popkultur, km im direkten Anschluss auf die Bühne: Die Fantastischen Vier performten ihren Hit “Zusammen”. Einziges nicht authentisches Bestanteil: Der Gesang von Clueso, mit dem man “Zusammen” aufgenommen hat, kam von der Festplatte. Am Ende des Screenings kamen die Fantastischen Vier übrigens nochmal zurück und beschlossen mit “Troy” den Screenings-Tag.

Als “Hausmeister der SevenOne Entertainment Factory” wurde dann Steven Gätjen angekündigt, der das Screening in der Folge gewohnt routiniert wegmoderierte. Nach und nach begrüßte er ProSiebenSat.1-Gesichter auf der Bühne – je nach Thema, das durch einen Fahrstuhl in der Entertainment Factory bestimmt wurde. So kam Verona Pooth zum Thema Reality, Ralf Dümmel sprach über seine neue Sat.1-Sendung “Die Millionenidee”, Jenke von Wilmsdorff erzählte Geschichten aus seinen bisherigen und neuen Reportagen und Experimenten, mit Mathias Opdenhövel & Co. ging es um den “ran”-Sport, “Quiz-Onkel” Jörg Pilawa stellte eine neue – natürlich – Rateshow vor und Joko und Klaas schließlich ihre neuen Show-Pläne und -Ideen, die teilweise in einem zwischenzeitlichen “Machtvakuum” bei ProSieben durchgewunken wurden, wie sie erzählten.

Die Aufzählung zeigt schon: Das Konzern-eigene Star-Aufkommen war deutlich geringer als bei RTL/Sky. Als Programm-Neuheiten sind zu nennen: eine Reality-Spielshow mit dem Arbeitstitel “Catch us if you can”, über die allerdings noch keine Details verraten wurden, Jörg Pilawas “Wer wird Deutschlands Superhirn?”, Ralf Dümmels “Millionenidee”, eine Comedyserie mit dem Namen “Littis Fahrschule” mit Kida Khodr Ramadan und eine Miniserie über Silvia Sommerlath, die übrigens in Düsseldorf Abitur gemacht hat, was Gätjen leider nicht recherchiert hatte, und wie sie zu Königin Silvia von Schweden wurde. Kurz gedroppt wurde auch noch eine neue “Promi-Tischtennis-WM” und eben die neue Show “Joko & Klaas machen Urlaub”.

Ein Highlight, das beim Publikum besonders gut ankam, waren kleine bekannte Werbespots, die zusammen mit Sebastian Pufpaff so persifliert wurden, dass fiktive Vermarktungsprodukte von ProSiebenSat.1 beworben wurden. Eine nette Idee.

Das Fazit: Auch mit geringerem Innovationsfaktor als früher: ein wichtiger Tag für die deutsche Bewegtbildbranche

Als jemand, der die Screenings der früheren TV- und heutigen TV-und-Streaming-Branche in den vergangenen 20 bis 25 Jahren erlebt hat, von der früheren Telemesse bis zum heutigen Screenforce Festival, bin ich durchaus positiv überrascht gewesen. Der Show-Faktor war hoch, die Vermarkter haben mit viel Energie und tollen Ideen für ihr Medium getrommelt. Natürlich werden längst nicht so viele echte Programm-Innovationen mehr präsentiert wie einst, die Zeiten sind nunmal so, dass alle deutschen Player vorsichtig agieren. Doch insbesondere im Hinblick auf die großen US-Konzerne, die inzwischen viel zu viele Werbegelder bekommen, die den deutschen Medien fehlen, ist ein solches Screenforce Festival ein wichtiges Zeichen.

Das lineare Fernsehen spielt unterdessen eine immer geringere Rolle. Wurden in früheren Zeiten in den Screenings die einzelnen linearen Sender abgeklappert und Senderchefs präsentierte die einzelnen Programme der kommenden TV-Saison, geht es heute immer mehr um das viel beschworene “Total Video”. Sendungen werden ohnehin auf allen möglichen Wegen gezeigt, hinzu kommen Vermarktungsprodukte, die immer häufiger all diese Wege mitdenken und mit einberechnen.

Und wer ist nun der strahlende Sieger des Screenforce Festivals 2026: wohl RTL. Nach der Übernahme von Sky, die recht pünktlich zu den Screenforce-Vorbereitungen vollzogen werden konnte, strotzt man bei RTL nur so vor Kraft. Insbesondere bei den vielen Sportrechten und wie man bereits jetzt orchestriert, welches Recht man auf welchem Sender bzw. Ausspielweg verwertet, zeigt, dass mit RTL und Sky ein Player entstanden ist, der Werbegelder zurückgewinnen kann. Das hohe Aufkommen von Sender-Stars und -Sternchen zeigte zudem, wie ernst RTL die Veranstaltung nimmt. Bei ProSiebenSat.1, das sein Screening etwas unspektakulärer bestritt, befindet man sich vermutlich auch ganz einfach noch in der Findungsphase nach dem Kauf durch MFE. Die vier kleineren Vermarkter sorgten mit sehr unterschiedlichen Screenings für gelungene Farbtupfer an einem rundum tollen Tag. Also: Das Screenforce Festival 2027 sollte unbedingt kommen!