Allein die Beine der Frauenfigur erstrecken sich über sieben Stockwerke des „Peacetower“ getauften Studentenwohnheims an der Lechbrücke. Nähert man sich dem 288 m² großen Wandbild, wandern die Augen ob der schieren Dimension unweigerlich von unten nach oben über das Gemälde „Woman with Olive Branch“ des australischen Künstlers Fintan Magee. In seinem typischen verwaschenen Stil, als würde das Motiv durch eine Ornamentalglasscheibe hindurch schimmern, zeigt er eine Frau, die sich einen massive Olivenast über die Schulter gelegt hat, als würde ein dünner Ölzweig angesichts der in Flammen stehenden Welt nicht mehr als Friedenssymbol genügen.
Keine halben Sachen also, das haben sich wohl die Organisatoren des Augsburger Friedensfests gedacht, als es an die Planung des mittlerweile seit 2013 zur Tradition gewordenen Fassadengemäldes ging. Manche, wie das Wandbild am Gebäude des Verbands für soziale Dienste an der Blauen Kappe, sind mittlerweile wieder verschwunden; andere, wie das Motiv „Zusammenhalt“ am Hauptbahnhof, wurden zum festen Teil des Stadtbilds. Am nun vollständig enthüllten Peacetower finden sich nun unter dem Titel „Empowering Perspectives“ ganze sechs verschiedene Murals, verteilt auf eine zumindest schwabenweite Rekordgröße von über 1700 m².
Die Murals des Peacetowers zeigen die Vielfalt dieser Kunstform
Der Begriff Mural kommt aus dem Spanischen und bezeichnet Wandmalereien, die in den 1920er Jahren im Zuge der mexikanischen Revolution auftauchten und „Traditionen, die kulturelle Vielfalt des Landes, soziale Missstände durch koloniale Ausbeutung, aber auch eine vermeintlich hoffnungsvolle Zukunft visualisieren sollten. Kunst sollte nun nicht mehr einem eingeschränktem intellektuellem Kreis vorbehalten, sondern dem ganzen Volke zugänglich sein und seiner Sozialisierung und politischen Aufklärung dienen“, wie Peggy Goede vom Lateinamerika-Institut der FU Berlin schreibt. Kunst im öffentlichen Raum soll gleichermaßen erfreuen, inspirieren, die Augen öffnen und gerne auch eine Botschaft übermitteln – und die „ermächtigenden Perspektiven“, die die sechs Peacetower-Murals zeigen, beweisen die Vielfältigkeit dieser Kunstform in unübersehbarer Weise – selbst aus dem zähen Berufsverkehr auf Berliner Allee und Lechhauser Straße heraus kann man einen kurzen Blick auf eine der drei bemalten Seiten des Turms erhaschen.
Doch möchte man die Murals in all ihren Details betrachten, muss man dem Titel gemäß die richtige Perspektive finden. Magees Wandbild und dessen Nachbar „The Flow“ des Saarbrücker Künstlers Cone the Weird sieht man erst in voller Größe, wenn man in der Baustelleneinfahrt an der Südseite des Turmes steht. Neun Sanduhren im Pop-Art-Stil zerfließen in bester Dalí-Manier, im unteren Teil der Stundengläser liegt je eine Weltkugel, ein Hinweis auf die internationale Bewohnerschaft im Peacetower, die, so divers sie auch sein mag, die Erfahrung der kleinen Dramen und großen Herausforderungen des Studiums teilt. Das Wissen, in dieser Erfahrung nicht alleine zu sein, ist einer der vielen Aspekte des „Empowerments“, illustriert auch durch den surrealen, ein wenig an die Ostern-Skulptur vor dem Staatstheater erinnernden Baum, um dessen Stamm das portugiesisch-polnische Künstlerduo MOTS sich Äste schmiegen lässt, die sich gegenseitig zu stützen scheinen.
Eine Ode an das kulturell immer bunter werdende Augsburg
Läuft man den Zubringer Richtung Berliner Allee hinunter, zeigt sich anhand „Frieden beginnt mit einem Lächeln“, welche perspektivischen Möglichkeiten in diesen großen Flächen stecken. Sieht man hinter die bunten Smiley-Kugeln des Dresdner Experimental-Sprayers Bond Trueluv, die gut gelaunt über die Fassade rollen, blickt man von oben in ein steiles Treppenhaus hinab, aus dem die grinsenden Bälle heraushüpfen. Man schaut also horizontal in ein vertikales Gemälde hinein – eine verwirrende und dadurch umso unterhaltsamere Optik. In Sachen Farbenrausch stehen die Beiträge der beiden lokalen Künstler dem Trueluv-Mural in nichts nach. „Peace possible“ von Daniel Man ist eine Ode an das „kulturell immer bunter werdende Augsburg“, eine Komposition aus Linien, Wellen und Kurven in Anlehnung an traditionelle chinesische Tuschzeichnungen, aus denen sich Wasserwege und Zirbelnüsse herausschälen.
Einen Aspekt der Bedeutung öffentlicher Kunst zeigt zu guter Letzt das lokale Kollektiv OTF. Es schenkt einen Moment Ruhe in der Hektik des Alltags, wenn man sich ein paar Minuten nimmt zu überlegen, ob das unterste Motiv ihres Gemäldes nun eine stilisierte Handgeste mit der Bedeutung „Tritt näher!“ darstellt oder einen depressiven Regenwurm.