Das von einer Stiftung geförderte Friedrich-Baur-Institut (FBI) an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität feiert Jubiläum: Seit 70 Jahren forschen Wissenschaftler und Mediziner an seltenen Muskel- und Nervenerkrankungen. Das FBI stehe für herausragende neurologische Spitzenmedizin, wissenschaftliche Exzellenz und eine patientenzentrierte Versorgung auf höchstem Niveau“, und das weit über Deutschland hinaus, würdigte der Direktor der Neurologischen Klinik, Poliklinik und des FBI, Prof. Dr. Günter Höglinger die Einrichtung.
Vielen Betroffenen konnte man dank der FBI-Forschungen helfen: Neuromuskuläre Erkrankungen galten lange als Stiefkinder der Medizin – sei galten als selten, komplex und kaum behandelbar. Das aber habe sich in den vergangenen Jahren grundlegend gewandelt: „Wo einst nur Diagnosen ohne therapeutische Perspektive standen, eröffnen heute krankheitsmodifizierende Therapien echte Behandlungsmöglichkeiten“, erklären die Oberärzte des Instituts. Und weiter: „Das Friedrich-Baur-Institut hat diese weltweiten Fortschritte nicht nur begleitet, sondern aktiv mitgestaltet.“
Große Bandbreite
Heute stehen effektive Behandlungsverfahren zur Verfügung. Zum Beispiel bei der spinalen Muskelatrophie, der SOD1-assoziierten familiären ALS, der Duchenne-Muskeldystrophie, den myotonen Dystrophien, den Gliedergürteldystrophien, der Friedreich-Ataxie oder Neuropathien, assoziiert mit hereditärer ATTR-Amyloidose oder Morbus Fabry. Ebenso sind für nicht-erbliche neuromuskuläre Erkrankungen wie die Myasthenia gravis, die inflammatorischen Myositiden und immunogener Neuropathien vielfältige therapeutische Optionen vorhanden, schreibt die LMU in einer Pressemitteilung.
Ursprünglich Forschung an Kinderlähmung
Dabei wurde das FBI am 8. Juni 1956 zunächst für die Behandlung und Erforschung einer einzigen Krankheit ins Leben gerufen: der Kinderlähmung. Seinerzeit hatte das großzügige Stiftungswerk des Unternehmers Dr. med. h.c. Friedrich Baur und seiner Frau Katharina die Gründung möglich gemacht.
Noch heute entscheidet das Kuratorium der Friedrich-Baur-Stiftung unter der Leitung von Dr. Georg Freiherr von Waldenfels über die Höhe der jährlichen Zuwendungen und unterstützt das Institut im Sinne der Forschungsförderung. „Bei so einem Jubiläum“, so von Waldenfels, „gilt unser Dank insbesondere Friedrich Baur und seiner Frau, die die Weitsicht und die finanziellen Möglichkeiten hatten, um dieses Institut ins Leben zu rufen. Die Friedrich-Baur-Stiftung und auch der Beirat der Friedrich-Baur-GmbH sind sich ihrer Verantwortung bewusst, dieses Institut auch in Zukunft nachhaltig zu begleiten.“
Interdisziplinär aufgestellt
Mit der flächendeckenden Einführung der Polio-Impfung verschwand der Schrecken der Kinderlähmung im Laufe der Jahre. Dafür widmete sich das FBI fortan den vielen seltenen Erkrankungen der Muskeln und der Nerven, die selbst vielen Ärzten kaum bekannt sind. Kennzeichnend für diese Krankheitsbilder ist ihr vielfältiges klinisches Erscheinungsbild, häufig mit Beteiligung anderer Organe. Die Diagnostik ist komplex und oft mit einer mehrjährigen Odyssee der Patienten von Arzt zu Arzt verbunden.
Der diagnostische Prozess und die Therapie erfordern das hochspezialisierte Wissen eines Expertenteams aus Neurologie, Pädiatrie, Orthopädie, Kardiologie, Humangenetik, Physikalischer Therapie und psychosozialer Betreuung. Die hohe therapeutische Expertise drücke sich unter anderem dadurch aus, dass das Friedrich-Baur-Institut Sitz des Muskelzentrums München der Deutschen Gesellschaft für Muskelkranke e.V (DGM) ist und integriertes Myasthenie-Zentrum (iMZ) der Deutschen Myasthenie-Gesellschaft e.V. (DMG).
Über 1000 Fachartikel veröffentlicht
Auch in der Forschung setzt das FBI Maßstäbe: Seit 2005 haben die FBI-Mitarbeitenden über 1000 Originalarbeiten in führenden wissenschaftlichen Fachzeitschriften veröffentlicht, gestützt von projektbezogenen Drittmitteln, die sich seit 2009 auf jährlich etwa eine Million Euro belaufen.
Wie auch in Zukunft die Entwicklung neuer therapeutischer Innovationen gelingt, ist für die Ärztinnen und Ärzte des FBI klar. „Wir haben schon früh erkannt, dass Patientenregister und Natural-History-Studien – diese erfassen den natürlichen Krankheitsverlauf für seltene Erkrankungen – von zentraler Bedeutung sind. Nicht nur für ein besseres Verständnis der Erkrankung selbst, sondern insbesondere auch für die Planung und effiziente Durchführung klinischer Therapiestudien“, fassen die Oberärzte des Instituts zusammen.