Vergessener Zug

Niemand da im ICE: Reisender übernimmt die Ansagen

  • Lars Wienand

04.07.2026 – 13:28 UhrLesedauer: 4 Min.

Irgendwie untergegangen: Im zweiten Untergeschoss des Berliner Hauptbahnhofs stand der ICE, in dem sich die Fahrgäste vergessen vorkommen mussten (Symbolfoto).Vergrößern des Bildes

ICE im Berliner Hauptbahnhof: Im zweiten Untergeschoss stand der Zug, in dem sich die Fahrgäste vergessen vorkommen mussten (Symbolfoto). (Quelle: Florian Gaertner/imago)

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Ein ICE fährt nicht vom Bahnhof ab und Informationen bleiben aus. Während die Fahrgäste ratlos warten, trifft einer von ihnen eine ungewöhnliche Entscheidung.

Sitzen eine DJ-Größe und ein Satiriker im Zug und amüsieren sich über den Alleinunterhalter, der aus den Bordlautsprechern zu hören ist. Was anfängt wie ein Witz, ist für die Deutsche Bahn ein Rätsel und eine Peinlichkeit: In einem ICE ohne Personal und ohne Informationen, wie es weitergeht, hat ein Fahrgast das Bordmikrofon übernommen.

Der DJ und Produzent im ICE 371 von Berlin nach Basel war Thomas Koch alias „Mathami“ alias „DJ T“, der früher in den Frankfurter Clubs „Music Hall“ und „Dorian Gray“ aufgelegt und das „Groove Magazin“ gegründet hat. Der Satiriker im Zug war Buchautor, Gagschreiber und Influencer Sebastian Hotz alias El Hotzo. Sie haben bei Facebook, in einer Instagram-Story und bei t-online vom Reisenden berichtet, der plötzlich im Zug das Sagen hatte. Wer dieser Mann ist, ist unklar. Bei der Bahn gab es noch die Hoffnung, ein Bahnmitarbeiter in der Freizeit habe eingegriffen, aber dafür gibt es wenig Belege.

Die Geschichte beginnt am vergangenen Sonntag um 8.31 Uhr auf Gleis 8 im zweiten Untergeschoss des Berliner Hauptbahnhofs. Sie geht damit los, dass es nicht losgeht. Der Zug ist rechtzeitig bereitgestellt worden, die Fahrgäste sind eingestiegen – aber er fährt nicht ab. Und es gibt auch keine Erklärung, keine Durchsagen im Zug. Zehn Minuten vergehen, 20 Minuten.

„Sehr schüchtern meldete sich jemand über die Bordlautsprecher“

Nach gut 30 Minuten beginnt die kurze Karriere des unbekannten Fahrgasts, berichtet Sebastian Hotz: „Zunächst sehr schüchtern meldete sich jemand über die Bordlautsprecher“, so Hotz zu t-online. Die unsichere Stimme aus dem Lautsprecher verkündete gegen 9 Uhr, er habe nach Informationen von Personal gesucht, aber niemanden gefunden. Es ist kein Personal im Zug. Und niemand, der Informationen geben könnte. Die Reisenden im ICE 371 kommen sich im Untergeschoss von Europas größtem und modernstem Kreuzungsbahnhof vergessen vor.

Hotz‘ Schilderung deckt sich mit dem, was Thomas Koch in einem Facebook-Posting berichtet. Er schreibt von der schüchtern-zurückhaltenden Stimme eines jungen Mannes aus den Lautsprechern, von dessen Schilderung, den ganzen Zug abgelaufen zu sein und dabei niemanden vom Personal gefunden zu haben. Dieser müsse leider informieren: „Niemand da.“

Einige Minuten später war laut Koch von der Unsicherheit des Aushilfssprechers nicht mehr so viel zu spüren. „Der junge Mann, der die Personalkabine gekapert hatte, fand sichtlich Gefallen an seiner Rolle. Er unterhielt die verbliebenen Fahrgäste mit immer bizarrer werdenden Durchsagen“, schreibt Koch. Er berichtet t-online, dass der Mann immer selbstsicherer geworden sei: „Er hat dann etwa auch durchgesagt ‚Bitte machen Sie nichts kaputt, das bringt doch auch nichts.“ Viele Reisende hatten bereits einen anderen Weg gewählt – und den Zug verlassen. Denn wenn die Ankunft des Zuges sich um mehr als 20 Minuten verzögert, entfällt die Zugbindung. Auch Hotz stieg nach der ersten Durchsage des Hobby-Ersatz-Zugchefs aus und suchte sich eine andere Verbindung.