
AUDIO: Nach Gewalttat in Stade: Hinweise auf Sorgerechtsstreit verdichten sich (8 Min)
Stand: 30.06.2026 16:52 Uhr
Nach den Schüssen in einer Jugendhilfeeinrichtung in Stade mit sechs Toten herrscht Fassungslosigkeit. Nach und nach werden weitere Details zu den Hintergründen bekannt.
Der mutmaßliche Täter kommt aus der Region Hannover und hatte in der Einrichtung einen Termin mit Mitarbeitenden des Jugendamtes der Region Hannover und der Einrichtung. Dabei ging es nach NDR Informationen um das Sorgerecht für seine drei Monate alte Tochter, die zusammen mit der Mutter in der Stader Einrichtung untergebracht war. Bei diesem Gespräch am Montag soll der 45-Jährige dann mit einer Pistole auf die Mitarbeitenden geschossen haben. Vier Frauen und ein Mann starben noch vor Ort, ein weiterer Mann wenige Stunden später im Krankenhaus. Die Mutter und die gemeinsame Tochter wurden nicht verletzt. Der Tatverdächtige konnte auf der Flucht gestoppt werden und wurde festgenommen. Über einen Haftbefehl soll noch heute entschieden werden.
Ermittler nennen weitere Details
Das Jugendamt wollte nach Informationen des NDR Niedersachsen das Sorgerecht des Vaters einschränken, weil das Baby einem Gutachten der Medizinischen Hochschule (MHH) zufolge Verletzungen aufwies. Der Vater soll den Arzt, der das Gutachten erstellt hat, daraufhin verbal bedroht haben. Einschlägig polizeibekannt hinsichtlich häuslicher Gewalt sei der 45-Jährige aber nicht gewesen. Die Tatwaffe soll der Mann in Berlin am Bahnhof Zoo gekauft haben. Beim Fluchtversuch am Montagmittag soll er so lange auf Polizeibeamte geschossen haben, bis die Munition alle war. Die 65-jährige Frau, die den mutmaßlichen Täter zur Jugendhilfeeinrichtung gefahren hat, soll die Patentante des Babys sein und aus Bremen kommen.

Lisa Kremeyer vom Jugendamt im Landkreis Holzminden berichtet im Interview von Drohungen, Gewalt und dem immer präsenten Risiko.
Drei der Opfer aus der Region Hannover
Drei Opfer sollen nach NDR Informationen beim Jugendamt der Region Hannover gearbeitet haben, die anderen in der Jugendhilfeeinrichtung selbst. Die Jugendamtsmitarbeiter, zwei Frauen und ein Mann, sollen für ein Gespräch mit dem mutmaßlichen Schützen aus Garbsen in der Region Hannover ins knapp 200 Kilometer entfernte Stade gefahren sein – nach NDR Informationen extra zu dritt, weil sie Ärger bei dem Termin erwartet hatten. Die Region Hannover teilte mit, man sei ob der Tat „zutiefst erschüttert“ und „fassungslos“. „Aus Respekt vor den Betroffenen und ihren Angehörigen sowie mit Blick auf die laufenden Ermittlungen werden wir uns zum jetzigen Zeitpunkt nicht weiter zu dem Geschehen äußern“, heißt es.

Das sagte Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) während einer Andacht in Stade. Sechs Menschen sind am Montag ums Leben gekommen.
Mutter und Tochter unverletzt
Bei dem Termin hatte es sich um ein sogenanntes Hilfeplangespräch mit dem 45 Jahre alten Verdächtigen gehandelt, wie Lüneburgs Polizeipräsidentin Kathrin Schuol am Montag auf einer Pressekonferenz sagte. Weil der Vater als auffällig galt, sollte das Gespräch in großer Runde stattfinden. Die drei Monate alte Tochter des Verdächtigen war den Informationen von NDR und WDR zufolge aus der Familie genommen worden. Unter Auflagen habe das Kind zurück zur Mutter gedurft, aber nicht an deren Wohnort in Hannover, sondern in der Jugendhilfeeinrichtung in Stade. Mutter und Tochter sind Schuol zufolge bei der Tat nicht verletzt worden. Das Kind kam zunächst in Obhut des Jugendamts, die 34-jährige Mutter in Gewahrsam. Die Frau sollte gestern vernommen werden.
Ermittlungen dauern an – Polizei schaltet Hinweisportal
Die Polizei will nun eine Mordkommission einrichten. „Die Ermittlungen werden aufgrund des Umfangs und der Komplexität des Tatgeschehens in Kürze von dieser übernommen“, hieß es am Dienstagnachmittag in einer Mitteilung. Es seien bereits Hinweise aus der Bevölkerung über das eingerichtete Hinweisportal eingegangen. Die Polizei bittet aber weiterhin darum, insbesondere Bild- und Videomaterial, das im Zusammenhang mit dem Ereignis stehen könnte, über das Hinweisportal hochzuladen.
Polizei stoppt Fluchtwagen mit Schüssen
Der genaue Ablauf der Tat in der Jugendhilfeeinrichtung ist bisher nicht öffentlich bekannt. Die Ermittler verwiesen auf die aufwendige und detaillierte Arbeit der Spurensicherung. Am Montagmittag gingen gegen 12 Uhr laut Polizeipräsidentin Schuol zeitgleich mehrere Notrufe in der Leitstelle ein. Mehrere Streifenwagen seien ausgerückt. Die Polizisten hätten „ein grausames Bild“ in der Jugendhilfeeinrichtung vorgefunden. Vier Menschen seien tot gewesen, eine weitere Person sei nach erfolgloser Reanimation gestorben. Eine sechste Person erlag später im Krankenhaus ihren Verletzungen.
Verdächtiger hat keine Erlaubnis für Waffe
Laut Polizei Lüneburg wurde der mutmaßliche Täter in Deutschland geboren und ist türkischer Staatsbürger. Er war polizeilich bekannt, galt laut Schuol aber „bisher nicht als absolut gewalttätig“. Die Polizei konnte das Fluchtauto kurze Zeit später stoppen. Beamten stellten bei dem Verdächtigen eine Waffe sicher. Um welche Art es sich handelte, teilte die Polizei mit Verweis auf ermittlungstaktische Gründe nicht mit. Eine Erlaubnis zum Tragen einer Waffe habe er nicht gehabt.

Der Mann arbeitet in der Nähe. Er sah, wie die Polizei auf das Fluchtauto schoss. Im Interview schildert er seine Eindrücke.
Kanzler Merz zeigt sich erschüttert
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) schrieb auf der Plattform X: „Die Nachricht aus Stade erschüttert bis ins Mark.“ Viele Menschen, „die helfen und schützen wollten“, hätten ihr Leben verloren oder seien verletzt worden. Er dankte den Polizistinnen und Polizisten „für ihren schnellen Einsatz“. Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) teilte seine Anteilnahme mit. „Ich bin zutiefst schockiert über das Ausmaß der Gewalt an einem Ort, der Schutz bieten soll“, erklärte er.
Behrens: „Kaltblütige Gewalttat“
Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) bezeichnete das Geschehen als erschütternd. Gleichzeitig warnte er vor voreiligen Schlüssen. Innenministerin Daniela Behrens (SPD) sprach in der Pressekonferenz am Montagabend von einer „kaltblütigen Gewalttat“, die Spuren hinterlassen werde. Niedersachsens CDU-Vorsitzender Sebastian Lechner drückte ebenfalls sein Mitgefühl aus. Er sagte: „Wir verfolgen die Ermittlungen aufmerksam und vertrauen darauf, dass die Hintergründe dieser unfassbaren Tat lückenlos aufgeklärt werden.“
Transparenzhinweis: Dieser Beitrag wurde aktualisiert. Passagen zu einem zunächst berichteten Verdacht familiärer Bezüge des Tatverdächtigen zu einem großen Clan wurden entfernt, nachdem sich die Informationslage geändert hat und die vorliegenden Hinweise diesen Verdacht aus Sicht der Redaktion nicht mehr ausreichend stützen. (01.07.2026, 14:58 Uhr)

Sechs Mitarbeitende von Sozialeinrichtungen sind gestorben. Innenministerin Behrens spricht von einer „kaltblütigen Gewalttat“.
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