Putin will also nicht als Nikolaus II. enden, mit dem einst die Herrschaft der Zaren unterging?
Diesem Zaren eifert Putin sicher nicht nach. Wir versuchen, Putins Wandlung anhand seiner Reden – und in Zusammenhang mit den Ereignissen in Russland – zu analysieren. Daraus folgt, dass es eindeutige Phasen gibt, in denen Putin sich immer einen Schritt weiter und offensiver zur Geschichte äußert. Wichtig ist: Diese Analyse ist nur eine unter mehreren Möglichkeiten, Putins Werdegang zu deuten, es ist keine „Single Unifying Putin Theory“, sondern ein zusätzliches Puzzle-Stück. Das eben nach unserem Erachten noch zu wenig beachtet wurde. Aber diese Analyse ist wichtig, um Putins Prozess von Radikalisierung, hin zum Übergriff auf die Ukraine, zu deuten.
Kritiker und Oppositionelle, die diesen Plänen im Wege standen, bekamen Putins Zorn bald zu spüren.
Die Journalistin Anna Politkowskaja ist eines der bekanntesten Beispiele: Sie wurde 2006 in Moskau ermordet. Damit wollte der Kreml deutlich machen, dass die Gesellschaft nicht ihren eigenen Kurs fahren dürfe. Putin spricht übrigens nicht von Repression, sondern von „Ordnung“. Es folgte eine zweite Phase innerhalb der Radikalisierung Putins, die sich als die Rückkehr Byzanz‘ beschreiben lässt. Denn Moskau gilt ihm und anderen nach dem Untergang Roms und Konstantinopels als das „Dritte Rom“.
Sah Putin dieses „dritte“ und innerhalb dieser Ideologie auch „letzte“ Rom durch die Massendemonstrationen von 2011 infolge von Wahlfälschungen bedroht?
Diese Demonstrationen spielen ebenso wie die „Farbenrevolutionen“ in anderen Ländern eine zentrale Rolle bei Putins Radikalisierung. Putin fürchtete wirklich seinen Sturz – und er ergriff entsprechende Gegenmaßnahmen. Oppositionelle wurden stärker verfolgt und auch getötet. Dem schloss sich eine dritte Phase an: die Dämonisierung von Feinden. Die Ukraine, aber auch die westlichen Staaten, sind dabei Hauptgegner. Putins Rhetorik wurde immer radikaler, er begann vom „Bösen“ zu sprechen. Russland hingegen ist für ihn ein „Leuchtfeuer“, das die Welt vor dem Bösen retten muss.
Sieht Putin sich wirklich selbst so? Oder ist er möglicherweise ein Zyniker der Macht, der Religion und Nationalismus für seine Zwecke nutzt?
Ich beschäftige mich seit Jahrzehnten mit Terrorismus- und Radikalisierungsforschung. Dabei spielt die First-Person-Perspektive, bei der die Akteure den Mittelpunkt einnehmen, eine zentrale Rolle: Sie belegt, dass wir Extremisten, ihre Handlungen und Aussagen, ernst nehmen müssen. Die First-Person-Perspektive wird in der Radikalisierungsforschung vor allem auf nicht staatliche, terroristische Gruppen angewendet, aber sie kann mehr leisten. Gerade auch für die Analyse von Staatsführern: Das ganze 20. Jahrhundert ist doch ein Labor der Radikalisierung von Staatsführern gewesen.