Peter ist zehn Jahre alt. Voller Stolz beobachtet er seinen Vater, wie der in der Uniform der 1. von Hindenburg mit seinen Kameraden des St. Sebastianus Schützenvereins Derendorf 1655 über die Straßen des Stadtteils paradiert. „Kurz darauf bin ich selbst in den Schützenverein eingetreten“, verrät Peter Klinkhammer. „Das ist jetzt 59 Jahre her.“ Klinkhammer ist seit vielen Jahren Hauptmann der Schützengesellschaft und jetzt Leiter der Gesellschaftsjubiläumsfeierlichkeiten beim Schützenfest. Die 1. von Hindenburg wurde 1926 gegründet und ist damit 100 Jahre alt.
„Die Schützen sind für mich und für viele andere eine Heimat, Gemeinschaft, Werteorientierung, sozialer Kompass“, sagt der Hauptmann. Und das hat in seinen Augen überhaupt nichts mit rückwärtsgewandt oder rechtsorientiert zu tun. Die meisten Schützenvereine heutzutage seien weltoffen, integrations- und inklusionsbereit, religiös und sexuell divers und dennoch traditionsbewusst. Das bewiesen die Derendorfer etwa mit einer Einladung an die Kinder in der Flüchtlingsunterkunft an der Schwannstraße zum Kirmesstart.
Die 1. von Hindenburg darf sich so nennen, weil sie offiziell die erste Schützengesellschaft in Deutschland war, die sich mit dem Namen des damaligen Reichspräsidenten schmücken durfte. „Mein Vater hat die Urkunde mit der Hindenburg-Unterschrift noch gesehen“, so der Hauptmann. „Aber die Urkunde ist in den Wirren des Zweiten Weltkriegs verloren gegangen.“
Neben der Hindenburg feierten auch die Gesellschaften Freischütz Mörsenbroich (150 Jahre), das Tambour-Corps Derendorf und die Gesellschaften St. Paulus sowie Gesellschaft Andreas Hofer (je 100 Jahre) ein rundes Jubiläum. Vier davon gestalteten beim Schützenfest den Jubiläumsabend. Federführend dabei war das Tambourcorps unter seinem Hauptmann Jürgen Holzhauser. „Wir werden auch von vielen anderen Schützenvereinen für ihre Schützenfeste gebucht, wir kommen also am meisten herum und haben dadurch auch die meisten Kontakte“, so Holzhauser.
„Wir haben schon oft mit den Swinging Funfares gespielt, da haben wir sie gefragt, ob sie auf unserem Jubiläumsabend spielen wollen“, sagt Holzhauser. So war die bläserlastige Musik der Düsseldorfer Musikbotschafter als erstes Highlight im Zelt zu hören.
Andere Töne brachte die routinierte Coverband Soundconvoy. Während die Funfares überwiegend eigene Stücke spielten, setzten die Neusser auf die Hits der vergangenen Jahre. Und auch das funktionierte, denn egal ob Abba-, Queen- Liquido- oder Tote Hosen-Lieder erschallten, die Derendorfer Schützen hielten sich in Bewegung.
Den Abschluss des Jubiläumsabends bildete eine Lasershow im Festzelt. „Für das alles mussten wir etwas sparen und die anderen Gesellschaften wohl auch“, so Holzhauser. „Zum Glück haben wir Unterstützung vom Gesamtverein, den Bezirksvertretungen 1 und 6 und von Spendern bekommen. Nur so konnten wir dieses Programm bei freiem Eintritt auf die Bühne bringen.“ Den Eintritt kostenfrei zu gestalten, war oberste Priorität des Organisationskomitees. „Es soll ein Fest für die Bürger sein, da wollen wir niemanden ausschließen, nur weil er sich möglicherweise das Ticket nicht leisten kann.“
Lediglich die Gesellschaft Andreas Hofer machte beim großen Jubiläumsabend nicht mit. „Wir feiern unser Hundertjähriges am 8. August“, so die Hauptleute Dirk Heße und Holger Jülicher. „Dabei werden wir von jedem Gast eine Getränkepauschale von 19,26 Euro erheben. Die Hälfte davon spenden wir an die Elterninitiative der Kinderkrebsklinik.“
Das ist nicht das einzig Soziale, das die Derendorfer Schützen tun. Inzwischen ist es fast Tradition, dass das Regiments- (Dirk und Sabine Schiffer) und das Jungschützenkönigspaar (Victoria Holzhauser und Jan-Luca Frinken) bewusst auf Blumen und Geschenke verzichten und um eine Spende bitten, die einem sozialen Zweck zugeführt wird. Dieses Jahr wird die integrative Kindertagesstätte der Lebenshilfe an der Spichernstraße unterstützt.