Es gab eine Zeit, da wäre niemand bei der Düsseldorfer EG auf die Idee gekommen, ein Eishockeyspiel ohne Ulf May zu beginnen. Dabei spielte er gar nicht mit. Aber er hatte seinen Stammplatz an der Bank in der ersten Reihe im alten Stadion an der Brehmstraße. Es war ein Stammplatz mit Telefon. Denn von hier diktierte er seine Berichte in die Redaktion der Rheinischen Post – live natürlich. Ulf May war sicher der wichtigste Eishockey-Journalist der Zeitung. Im Alter von 86 Jahren ist er nun gestorben.
May war mehr als der bedeutende Eishockey-Fachmann, den Verein und Publikum in Düsseldorf kannten. Er genoss auch landesweite und internationale Anerkennung. Das Eishockeymuseum berief ihn in die Hall of Fame, für einen Journalisten eine außergewöhnliche Auszeichnung.
In der Redaktion hielt er nicht nur die Düsseldorfer Fäden in der Hand (und zwar in jeder Sportart), er war jahrzehntelang für ein Heer von Mitarbeitern und Nachwuchskräften so etwas wie ein Mentor. Sie nahmen seine Ratschläge an, weil die nie von oben herab kamen, sondern mit aller Menschlichkeit auf der heute so gern zitierten Augenhöhe.
Die Redaktion war ein Teil seiner Familie, auch weil er schon dabei war, als es wirklich familiär zuging. Er konnte lange Geschichten erzählen aus den Zeiten, als Zeitungen im Bleisatz gebaut wurden, als die einzelnen Abteilungen mit Rohrpost kommunizierten, und als die Herausgeber vor Weihnachten durch Rotation und Redaktion gingen, um da beste Wünsche zu hinterlassen. Beim Gedanken an die alten Zeiten leuchteten Mays Augen.
Er war trotzdem nicht mit der Vergangenheit verheiratet oder gar ein ewig Gestriger. Dafür sorgte bereits seine richtige Familie, für die er sich immer Zeit nahm, selbst in jenen Phasen des angespannten Berufslebens. Unvergesslich, wenn er während einer Fernsehübertragung eines Tennisturniers seiner Tochter („unsere Elena“) telefonisch die Vorzüge von Steffi Grafs Beinarbeit erläuterte.
Lange Jahre des Ruhestands hat Ulf May genossen, weil er jetzt erst recht ins Familienleben eintauchen und sich endlich einmal Zeit für seine geliebten Konzertbesuche nehmen konnte, für die an den Arbeits-Wochenenden (also immer) keine Gelegenheit war.
Aber auch in seinem Ruhestand blieb er seinem Lebensthema Eishockey verbunden, war Co-Autor eines Buches zur legendären Brehmstraße und organisierte unter anderem ein Legendenspiel, als die DEG ihre Heimspielstätte aufgab und in den Dome nach Rath wechselte.
Zudem hielt er nicht nur Kontakt zu den alten Kollegen, von denen einige Freunde waren oder wurden, er hatte auch immer einen Draht zu den jungen, die begeistert und dankbar im großen Schatz seines Wissens stöbern durften, den er großzügig ausbreitete, wann immer er gebeten wurde. Er wurde aber nicht wie ein Säulenheiliger bewundert, sondern gemocht.
Das hatte selbstverständlich mit seinem Sinn für Humor zu tun und seiner Schlagfertigkeit. In seiner Umgebung wurde gern und viel gelacht, er machte es allen leicht. Und wer wollte (die meisten wollten es), der wurde mit sicheren Loriot-Zitaten geradezu verwöhnt. „Reiter werden immer gebraucht“ aus dem Sketch „Kosakenzipfel“ war eines seiner liebsten. Menschen wie Ulf May werden auch immer gebraucht.
Im Eishockey-Himmel wird es nun entschieden heiterer zugehen.