Das „Residence“ ist eine der guten Adressen in Kyjiw. Das gehobene Business-Hotel liegt im Zentrum der Stadt. Besonders bei Diplomaten ist es beliebt. Doch jetzt steht eine gewaltige Rauchwolke über dem Gebäude. Nach den nächtlichen Angriffen kämpfen an diesem Morgen – es ist der Morgen des 3. Juli – die Feuerwehrleute schon seit Stunden gegen das Feuer an. Die Flammen auf dem Dach weichen allmählich einer gewaltigen Dampfwolke. Sie wabert feucht und schwer über die durch die Hitze verbogenen Metallplatten und über die Rundbogenfenster der darunter liegenden Stockwerke.
Den Feuerwehrleuten läuft der Schweiß in Strömen über ihre müden Gesichter. Sie kommen ans Ende ihrer Kräfte. Mindestens 30 Menschen sind bei dem Angriff auf die ukrainische Hauptstadt gestorben, rund 100 wurden verletzt. Auch ein Lagerhaus des Roten Kreuzes und Wohnhäuser in mehreren Stadtteilen hat es getroffen. Dass das Hotel dazugehörte, dürfte kein Zufall sein. Die Attacke zielte ins Herz der Stadt. Die Flaniermeile des Chreschtschatyk beginnt ums Eck. Die hohen Kastanien des Schwetschenko-Parks, die altehrwürdigen Bauten der Uni, die Oper – alles ist in wenigen Minuten zu Fuß zu erreichen. An der Front läuft es schlecht für die russische Armee, also versucht sie auf andere Weise, Angst zu verbreiten.
„Keiner soll sich mehr sicher fühlen, das will Putin“
Die Ukraine hat zuletzt mit Angriffen durch Drohnen und dem selbst entwickelten Marschflugkörper Flamingo einen nicht unerheblichen Teil der Erdölraffinerien Russlands massiv beschädigt. Mit dem Verkauf von Öl und Gas finanziert das Putin-Reich aber seinen Angriffskrieg. Benzin und Diesel wurden in Russland bereits rationiert. In den sozialen Medien zeigen Clips lange Warteschlangen vor Tankstellen. Neben den wirtschaftlichen Einbußen bedeutet das eine Schmach für Wladimir Putin.
Der reagiert, indem er noch intensivere Drohnen- und Raketenangriffe befiehlt. Kyjiw ist eines seiner Hauptziele, zudem Orte, die im Nachbarland Identität stiften. Den Menschen in der Ukraine wird bewusst: Russlands Machthaber zeigt immer weniger Zurückhaltung. „Keiner soll sich mehr sicher fühlen, das will Putin. Aber rote Linien gab es für ihn eigentlich nie“, sagt zum Beispiel Iryna. Die junge Frau beobachtet von einem Fußgängerüberweg aus die Löscharbeiten am „Residence“. Krankenhäuser, Schulen, Wohnhäuser, das seien schon immer Ziele gewesen. „Selbst die Lawra verschonen die Russen nicht. Ihre Kultur ist die der Zerstörung“, sagt sie.
Die Lawra, das große Höhlenkloster mit Kathedrale, thront über Kyjiw. Am 15. Juni attackierte es Russland – und damit die ukrainische Kultur. Das Dach der Mariä-Entschlafens-Kathedrale fing Feuer. Wie das Kunstmuseum nahe der Lawra, das Tschernobyl-Museum sowie das Dowschenko-Filmstudio. In Dnipro wurden das Haus für Orgel- und Kammermusik und in Charkiw das Kunstmuseum beschädigt.

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Brennendes Dach der Mariä-Entschlafens-Kathedrale: ein Angriff auf die ukrainische Kultur.
Foto: Danylo Antoniuk/AP/dpa
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Brennendes Dach der Mariä-Entschlafens-Kathedrale: ein Angriff auf die ukrainische Kultur.
Foto: Danylo Antoniuk/AP/dpa
Es ist leer im Inneren der Kathedrale, für Besucherinnen und Besucher ist sie seit dem Angriff geschlossen. Auf dem Steinboden stehen Lüfter, die Wärme gegen Mauern und glänzendes Schnitzwerk blasen. Denn beim Löschen trat Wasser ein, im Schnitzwerk, das zahlreiche Heilige verewigt, steckt Feuchtigkeit. Der Schaden geht weit tiefer, als es auf den ersten Blick wirkt.
Die Kathedrale zählt zum Höhlenkloster, ein Weltkulturerbe. „Ein wichtiger Schatz Kyjiws, der Ukraine und der ganzen Christenheit“, sagt Yuriy Vakulenko. Das Höhlenkloster hat einen großen Teil seines Lebens bestimmt. 18 Jahre lang restaurierte er dessen Schätze, half in leitender Position beim Wiederaufbau. Das Höhlenkloster war im Zweiten Weltkrieg schwer zerstört worden. Jetzt erneut.
„Diese Nacht des Angriffs war ein Großangriff auf unsere ukrainische Kultur“
Im Giebel der Kathedrale blickt Jesus Richtung der mächtigen Statue von Mutter Ukraine. 102 Meter hoch hält sie Schwert und Schild, blickt mit grimmigem Gesicht zum Fluss Dnipro herab. Jesus sieht dagegen milde aus. Yuriy Vakulenko hat mit viel Akribie an der Jesus-Ikone gearbeitet. „Für meinen Glauben brauche ich keinen kirchlichen Kanon“, erklärt er. Aber das Höhlenkloster mit seiner Kathedrale sei ein Ort, der in jedem Augenblick Ehrfurcht leben lasse. „Diese Nacht des Angriffs war ein Großangriff auf unsere ukrainische Kultur. Unsere Feuerwehr hat Schlimmeres verhindert“, sagt er. Sein erster Weg führte damals, natürlich, zur Ikone im Giebel. „Das Feuer hatte das Abbild nicht beschädigt, was für eine Erleichterung.“
Die Kathedrale hat eine Geschichte der Zerstörung hinter sich. 1073 errichtet, lag sie durch mongolische Invasionen und Brände mehrfach in Trümmern. Das heutige Aussehen im Stil des Kosaken-Barocks stammt aus dem 18. Jahrhundert. Das Bauwerk wurde während der deutschen Besatzung im Herbst 1941 gesprengt. Von 1998 bis 2000 wurde es in möglichst originaler Form wieder errichtet. Putin, erzählt der 68-jährige Vakulenko, sei auch einmal hier zu Besuch gewesen. Er sagt: „Putin will uns nicht als Nation anerkennen, die Geschichte der Kyjiwer Rus für sein Imperium vereinnahmen. Doch nur zur Erinnerung: Diese Kathedrale war schon über 100 Jahre alt, als Moskau noch Sumpf war.“
Der Angriff auf die Lawra bedeutet bei Weitem nicht nur für ihn einen Angriff auf die ukrainische Identität. Und das habe Tradition seit der Zaren-Zeit. In Bad Ems habe Alexander II. bei einer Sommerfrische vor 150 Jahren einen Erlass unterschrieben, der die ukrainische Sprache aus Schulen, Universitäten, Büchern, Amtsstuben und dem Kulturleben tilgen sollte. „Unter Stalin wurde es noch schlimmer. Er ließ tausende ukrainische Künstler ermorden oder warf sie ins Straflager. Ich habe noch selbst die Zeit der Sowjet-Diktatur erlebt. Ukrainisch, das galt den Sowjets als Bauernsprache, primitiv und provinziell“, führt Vakulenko aus. „Immerhin kam ich nicht mehr wie Wasyl Stus ins Gulag, weil ich zu meiner Kultur und Sprache stand. Aber eine echte ukrainische Identität, das lag nicht im Sinne der KP-Führung, ganz im Gegenteil.“ Stus ist einer der letzten Dichter und Bürgerrechtler, die zu Sowjetzeiten für ihren Kampf für eine freie Entfaltung der ukrainischen Kultur mit dem Leben bezahlten. Er hatte sich offen gegen die Russifizierung gestellt, 1985 starb er im Straflager.

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„Putin will uns nicht als Nation anerkennen“: Yuriy Vakulenko vor der Mariä-Entschlafens-Kathedrale.
Foto: Till Mayer
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„Putin will uns nicht als Nation anerkennen“: Yuriy Vakulenko vor der Mariä-Entschlafens-Kathedrale.
Foto: Till Mayer
Yuriy Vakulenko sagt, die Zerstörung der ukrainischen Kultur und Identität sei eines der Ziele der russischen Kriegsführung. Zahlen des ukrainischen Kulturministeriums von Anfang des Jahres zufolge wurden seit 2022 genau 1640 Kulturdenkmäler durch russische Angriffe zerstört oder beschädigt. 2446 Kultureinrichtungen wie Kunstschulen, Bibliotheken oder Museen seien ebenfalls betroffen.
Wasyl Stus würde sich da vermutlich freuen, könnte er heute Rosalie Nombre sehen. Die junge Sängerin, die ein Album aufnimmt, nennt ihn als ihr Vorbild. Das Studio gehört Andrii Sadfi und liegt nahe dem historischen „Goldenen Tor“ in Kyjiwer Bestlage. Zwischen Designer-Sessel im Midcentury-Stil, Mikrofon und Computer findet Kunst an diesem Ort ihren Klang.
„Putin erreicht mit seinem Krieg das Gegenteil“
Für die 29-Jährige ist es der dritte Anlauf zum ersten Album. „2014 sang ich für ein Album ein. Dann brachte Russland Krieg und Unterdrückung in meine Heimatstadt Donezk. Es war ein Schock für mich“, erzählt sie. „Die Russen hielt ich bis dahin für gute Nachbarn.“ Donezk unter einer Diktatur aber sei kein Ort zum Bleiben gewesen. „Also flüchtete ich nach Kyjiw.“ Rosalie Nombre sang früher auf Russisch. „Ich sprach auch zu Hause Russisch. Viele ukrainische Künstler nutzten Russisch, aus einem praktischen Grund: Sie hatten die ganze ehemalige Sowjetunion als Absatzgebiet. Das hat sich geändert“, sagt sie. „Wir sind uns unserer Sprache nun mehr bewusst.“ In Charkiw arbeitete sie Anfang 2022 erneut an ihrem Album. Dann kam die Vollinvasion, dann standen russische Truppen am Stadtrand. Das Projekt scheiterte abermals.

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„Wir sind uns unserer Sprache nun mehr bewusst“: Rosalie Nombre mit Andrii Sadfi im Studio während der Aufnahme eines neuen Songs.
Foto: Till Mayer
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„Wir sind uns unserer Sprache nun mehr bewusst“: Rosalie Nombre mit Andrii Sadfi im Studio während der Aufnahme eines neuen Songs.
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„Das Zuhause verlieren, völlig neu anzufangen. Es schmerzt. Aber dabei erkannte ich, wie wichtig Kultur ist. Wie sie uns gerade jetzt zu Zeiten des Kriegs Kraft gibt. Meinen Zuhörern und mir“, erzählt die Sängerin weiter. Inzwischen singt sie auf Ukrainisch. Russisch ist für sie zur Sprache der Soldaten geworden, die in ihrer Heimat zerstören, foltern und morden. „Ich träume mittlerweile auf Ukrainisch, ist das nicht schön?“, fragt sie. Wie sie wuchs Wasyl Stus im Donbas auf. „Er hat sich unbeirrt für die ukrainische Kultur eingesetzt. Dafür letztendlich alles gegeben. Die ukrainische Kultur wurde unterdrückt, sie hat nie unterdrückt. Sie ist eine wunderschöne Botin der Freiheit“, sagt Nombre noch.
Diese Botschaft schweißt zusammen. „Putin erreicht mit seinem Krieg das Gegenteil, unsere Künstlerinnen und Künstler nehmen ihre ukrainische Identität immer mehr wahr. Das Kulturleben blüht, trotz und auch wegen der russischen Angriffe“, ergänzt Studiobesitzer Andrii Sadfi. „Jahrhundertelang wollte der russische Imperialismus uns verstummen lassen. Vergebens.“ Rosalie Nombre stimmt mit klarer Stimme das nächste Lied an. Sie weiß, bald schon wird wohl ein neuer Angriff auf Kyjiw kommen. Für sie ein Grund mehr, nicht zu verstummen.