Trotz ungewöhnlicher Anstoßzeiten und frühem Deutschland-Aus ist die Fußball-WM allgegenwärtig. Auch in Augsburg. Einige dekorieren ihre Häuser mit Flaggen, an vielen Orten in der Stadt ist Public Viewing angesagt. Doch für viele ist das Turnier nicht nur ein sportliches Ereignis, sondern ein massiver Trigger für Wett- und Glücksspiele. Ein Betroffener erzählt.
Die „Kompetenz-Falle“ – darum sind Fußballfans besonders gefährdet
Viele Fußballfans erliegen bei Sportwetten der Illusion, mit ihrem Fachwissen den Zufall besiegen zu können, meint Barbara Ballinger-Amtmann. Sie ist Suchthilfeexpertin in der Suchtfachambulanz für Glücksspiel der Caritas in Augsburg: „Es sind deutlich mehr Männer betroffen und auch jene, die mit Sport verbunden sind, also selbst in einem Verein spielen oder sich dafür stark interessieren“, erklärt sie. Und: „Ganz viele denken, dass sie sich ja auskennen.“ Am Ende sei es aber doch keine große Kompetenzfrage, sondern eine Frage des Zufalls. Auch für Thomas (Name geändert), der Ende 30 ist, war die Kompetenz-Falle der Weg in die Sucht. Er sagt: „Ich dachte, ich wäre schlauer als die Buchmacher.“
Die ständige Omnipräsenz des Themas, die während der WM verstärkte Werbung der Wettanbieter und die jederzeit mögliche Wettabgabe machen aus einem harmlosen Tipp schnell eine Sucht. „Ich komme immer auf irgendeine Seite“, erklärt die Expertin, „und wenn ich auf ein Spiel setze, dann muss ich auch gar nicht nur aufs Ergebnis setzen. Ich kann auch während des Spiels Live-Wetten tätigen.“ So habe sich das Suchtpotenzial durch digitale Angebote deutlich erhöht.
Vom Tipp in die Isolation: der schnelle Weg in die Sucht
„Ich bin selbst Fußballer gewesen und habe das Spiel geliebt“, erzählt auch Thomas, „dann kam die Wetterei dazu und immer der nächste Kick: Wer macht das nächste Tor? Wer den nächsten Eckball? Du kannst ja auf alles tippen inzwischen.“ Er hält die Tatsache, dass Wettanbieter oft ganze Ligen sponsern, besonders für junge Menschen für sehr gefährlich. Oft sind die Wetten auch nicht auf Großereignisse beschränkt: „Ich hatte Leute, die haben auf die dritte Volleyball-Damenliga in China oder so gesetzt“, erzählt Ballinger-Amtmann. Irgendwann ginge es nur noch um „dieses kurze Gefühl von Spannung“ oder die Bewältigung der eigenen Emotionen. Betroffene wetten dann, um herunterzukommen oder den Kopf freizukriegen.

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Barbara Ballinger-Amtmann berät für die Caritas Augsburg Klientinnen und Klienten mit Wett- und Glücksspielsucht.
Foto: Caritas Augsburg
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Barbara Ballinger-Amtmann berät für die Caritas Augsburg Klientinnen und Klienten mit Wett- und Glücksspielsucht.
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Auch bei Thomas waren die Wetten irgendwann nicht mehr auf den Fußball beschränkt: „Ich habe auch auf Basketball gewettet und viel auf Tennis, habe jedes Spiel geschaut und bin teilweise auch hingefahren.“ Seine Frau erzählt, dass sie das Ausmaß der Sucht erst gar nicht erkannte: „Ich hab ihn gebeten, damit aufzuhören, und wusste damals noch nicht, dass das nicht so einfach ist.“
Wettsucht: Auf diese Warnsignale sollte man achten
Wie erkennt man aber ein krankhaftes Wettverhalten? Für Ballinger-Amtmann ist es eine Frage der Abstufung und Intensität: „Das größte Warnsignal ist, wenn sich Betroffene aufgrund der Sportwetten zurückziehen und vom Partner, der Freundin oder der Familie isolieren.“ Auffällig sei auch, wenn Menschen anfangen, das Spielen zu verheimlichen: „Betroffene sagen sich dann oft, dass es ja gar nicht so schlimm ist, bauen sich aber trotzdem ein Lügenkonstrukt auf“, so Ballinger-Amtmann. Auch Angehörige könnten das beobachten: „Sobald das Spielen eine Funktion bekommt, wäre ich vorsichtig.“
Thomas war sich der Gefahr seiner Sucht relativ früh bewusst, erzählt er. Trotzdem rutschte er immer weiter herab: „Irgendwann kam ich da nicht mehr heraus und bin am Ende sogar kriminell geworden.“ Erst in der Untersuchungshaft merkt er, wie ernst es ist.
Hilfe in Augsburg: die Suchtfachambulanz als erster Schritt
Die Suchtfachambulanz in Augsburg ist auch gleichzeitig eine Fachstelle für Wett- und Glücksspielsucht. Ballinger-Altmann berät selbst Klientinnen und Klienten: „Bei uns ist es immer möglich, einen unverbindlichen und kostenfreien Termin auszumachen. Alle Beraterinnen und Berater unterliegen der Schweigepflicht.“ Vor Ort gibt es eine „Motivationsgruppe Glücksspiel“, in der sich Betroffene austauschen: „Unser Ziel ist, dass die Menschen Expertinnen und Experten ihrer eigenen Erkrankung werden“, erklärt die Beraterin.
Für Thomas war es zuerst ein zehnwöchiger Klinikaufenthalt außerhalb von Augsburg, den er im Frühjahr erfolgreich abschloss: „Jetzt bin ich ambulant einmal pro Woche bei der Caritas und habe alle zwei Wochen zusätzlich ein Einzelgespräch“, erzählt er. Früher habe er jedes Spiel der WM geschaut, inzwischen schaue er nur noch Deutschlandspiele. Er ist stolz und froh, es herausgeschafft zu haben: „Seit sieben Monaten bin ich Gott sei Dank auf der Gewinnerstraße, weil ich nicht mehr spiele.“