Ölplattform mit Chevron-Logo

Ein Ölbohrplattform des US-Konzerns Chevron

(Bild: impromptuwitz/Shutterstock.com)

Griechenland könnte Europas neue Energiedrehscheibe werden. Ein Abkommen mit den USA wurde kaum beachtet. Doch warum blieben Vorkommen jahrzehntelang ungenutzt?

Unter dem Eindruck des beginnenden US-amerikanisch-israelischen Angriffskrieges gegen den Iran und der Turbulenzen auf den internationalen Energiemärkten geriet ein Abkommen weitgehend aus dem Blickfeld der deutschen Öffentlichkeit. Dabei könnte das im Februar zwischen Griechenland und den Vereinigten Staaten geschlossene Energieabkommen die europäische Energieversorgung langfristig prägen.

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Griechenland und die Rückkehr zur Offshore-Exploration

Am 16. Februar 2026 unterzeichnete Griechenland vier Vereinbarungen zur Kohlenwasserstoffexploration mit dem US-Energiekonzern Chevron in Kooperation mit dem griechischen Unternehmen Helleniq Energy. Die Verträge umfassen Explorationsrechte in vier Offshore-Blöcken mit erheblichem Erdgaspotenzial südlich des Peloponnes und Kretas im östlichen Mittelmeer.

Das Konsortium aus Chevron und Helleniq Energy war dabei der einzige Bieter im Ausschreibungsverfahren. Gemäß den Bedingungen der Vereinbarung wird das US-Unternehmen eine Beteiligung von 70 Prozent an der Konzession erwerben und die Rolle des Betreibers übernehmen, während das griechische Unternehmen einen vergleichsweise niedrigen Anteil von 30 Prozent behalten wird.

Mit den geplanten geophysikalischen und seismischen Untersuchungen in der zweiten Hälfte des Jahres 2026 kehrt Griechenland nach mehr als vier Jahrzehnten zur groß angelegten Offshore-Kohlenwasserstoffexploration zurück.

Bereits im November hatte die griechische Regierung ein ähnliches Abkommen mit ExxonMobil, Energean und Helleniq Energy für Block 2 im Ionischen Meer geschlossen. Dort werden erste Probebohrungen Ende 2026 oder Anfang 2027 erwartet.

Der neue Energiekorridor nach Osteuropa

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Die Vereinbarungen sind Teil einer umfassenderen energiepolitischen Neuausrichtung. Griechenland positioniert sich zunehmend als Energieknotenpunkt für Südosteuropa. Eine zentrale Rolle spielt dabei der sogenannte Vertikale Korridor.

Über dieses Netzwerk soll Erdgas – darunter auch Flüssigerdgas (LNG) aus den Vereinigten Staaten – von den griechischen LNG-Terminals in Alexandroupolis und Revithoussa über Bulgarien und Rumänien bis in die Ukraine und andere Märkte Mittel- und Osteuropas transportiert werden.

Die USA unterstützen diese Strategie ausdrücklich, da sie sowohl der Diversifizierung europäischer Energiequellen als auch der Erschließung neuer Absatzmärkte für amerikanisches LNG dient.

Europas Abschied von russischer Energie

Die Entwicklung steht im Zusammenhang mit der Strategie der Europäischen Union, ihre Energieversorgung grundlegend umzustrukturieren. Mit dem im Mai 2025 vorgelegten REPowerEU-Fahrplan verfolgt die EU das Ziel einer vollständigen energiewirtschaftlichen Abkopplung von Russland.

Im Januar dieses Jahres beschlossen die EU-Mitgliedstaaten endgültig ein Importverbot für russisches Erdgas. Spätestens ab dem 1. November 2027 soll kein russisches Gas mehr in die Europäische Union eingeführt werden dürfen.

Für Deutschland bedeutet dies einen tiefgreifenden Wandel. Das industrielle Exportmodell der Bundesrepublik basierte über Jahrzehnte auf vergleichsweise günstiger Energie aus Russland. Die steigenden Energiekosten gelten als ein wesentlicher Faktor für die anhaltenden Probleme der deutschen Industrie. Vor diesem Hintergrund gewinnen neue Fördergebiete im Mittelmeerraum erheblich an Bedeutung.

Der lange Streit um die Rohstoffe der Ägäis

Dabei stellt sich die Frage, warum die griechischen Vorkommen nicht bereits früher erschlossen wurden. Weder die Regierung von Konstantinos Karamanlis zwischen 2004 und 2009 noch die Regierung von Giorgos Papandreou bis 2011 verfolgten öffentlich eine offensive Förderstrategie. Gleichzeitig entwickelte sich die Levante-Region zu einem neuen Zentrum der Erdgasförderung. Israel fördert seit 2012 Erdgas aus Offshore-Feldern. Teile der dortigen Vorkommen reichen bis in die ausschließlichen Wirtschaftszonen Zyperns und Ägyptens.

Der Publizist Dirk Müller verweist in seinem Buch „Showdown“ auf die geopolitische Dimension dieser Entwicklung. Als der amerikanische Konzern Noble Energy 2011 mit der Suche nach Erdgas vor der Küste Zyperns begann, entsandte die Türkei Kriegsschiffe in die Region.

Der damalige türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan machte deutlich, dass Ankara bereit sei, seine Ansprüche auf mögliche Energievorkommen notfalls auch militärisch zu verteidigen.

Die unerledigte Frage der Ausschließlichen Wirtschaftszonen

Nach Ansicht des griechisch-amerikanischen Ökonomieprofessors Theodore Kariotis liegt der Kern des griechisch-türkischen Konflikts seit Jahrzehnten in den vermuteten Erdöl- und Erdgasvorkommen der Ägäis.

Im Zentrum steht die Frage der Abgrenzung des Festlandsockels und der Ausschließlichen Wirtschaftszonen. Nach dem Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen könnte Griechenland aufgrund seiner zahlreichen Inseln Anspruch auf große Teile der rohstoffreichen Meeresgebiete der Ägäis erheben.

Als Griechenland 1995 das Seerechtsübereinkommen ratifizierte, erklärte die türkische Regierung eine entsprechende Ausweitung griechischer Hoheitsrechte zum Casus Belli. Der damalige griechische Industrieminister Evangelos Kouloumbis bezeichnete den Widerstand der Türkei wiederholt als das zentrale Hindernis für die Erschließung der Offshore-Vorkommen.

Die Geschichte der griechischen Kohlenwasserstoffexploration reicht jedoch deutlich weiter zurück. Bereits während des Zweiten Weltkriegs förderte die deutsche Besatzungsmacht Erdöl in Griechenland zur Versorgung ihrer Militärfahrzeuge.

Im Jahr 1968 vergab die griechische Militärjunta Förderrechte auf einer Fläche von rund 60.000 Quadratkilometern an internationale Ölkonzerne wie British Petroleum, Exxon und Chevron. Die Konzessionen liefen über Zeiträume von bis zu 36 Jahren. Auch die Türkei vergab Ende der 1960er Jahre Explorationsrechte an ihre staatliche Erdölgesellschaft in mehreren Gebieten der Ägäis.

Warum wurde jahrzehntelang nicht gefördert?

Bemerkenswert ist, dass die griechisch-türkischen Spannungen allein nicht erklären können, weshalb die Förderung über Jahrzehnte ausblieb. Selbst südlich von Kreta, wo keine unmittelbaren Territorialkonflikte mit der Türkei bestehen, kam es nicht zu einer umfassenden Erschließung möglicher Vorkommen.

Eine mögliche Erklärung verweist auf die Dynamik der globalen Energiemärkte. Die Erschließung großer neuer Fördermengen könnte unter bestimmten Bedingungen zusätzlichen Druck auf die Weltmarktpreise ausüben. Gleichzeitig sind Offshore-Projekte mit hohen Investitionskosten verbunden und lohnen sich häufig erst bei dauerhaft hohen Energiepreisen.

Energie braucht militärische Kontrolle

Hinzu kommen militärische und geopolitische Faktoren. 2013 führten Griechenland, Israel und die Vereinigten Staaten gemeinsame Luft- und Seemanöver zur Sicherung potenzieller Öl- und Gasplattformen im östlichen Mittelmeer durch. Gleichzeitig verstärkte auch Russland seine maritime Präsenz in der Region.

Die Frage der Ressourcenförderung ist damit unmittelbar mit der Frage der militärischen Kontrolle verbunden. Die Ausdehnung griechischer ausschließlicher Wirtschaftszonen würde umfangreiche Sicherungsmaßnahmen erfordern: Kriegsschiffe mit großer Reichweite, maritime Überwachungssysteme, Aufklärungsflugzeuge und Satellitenkapazitäten. Ein erheblicher Teil möglicher Einnahmen aus der Rohstoffförderung müsste daher in die Kontrolle und Absicherung dieser Gebiete reinvestiert werden.

Die Ökonomisierung der Meere

Die Entstehung der ausschließlichen Wirtschaftszonen selbst verweist auf die enge Verbindung von Geopolitik und Ökonomie. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein kontrollierten Staaten lediglich schmale Küstenstreifen. Erst mit der Entwicklung moderner Offshore-Technologien begannen die Staaten, ihre Ansprüche auf See auszuweiten.

Das Seerechtsübereinkommen von 1982 schuf schließlich die Grundlage für die heutigen AWZs. Aus politökonomischer Perspektive bedeutete dies die Umwandlung großer Teile der Weltmeere in ökonomisch verwertbare Territorien.

Der aktuelle griechisch-amerikanische Deal steht somit nicht isoliert da. Er ist Teil einer umfassenderen Neuordnung der europäischen Energieversorgung, der Konkurrenz um Rohstoffe im östlichen Mittelmeer und der strategischen Auseinandersetzung um Einflusszonen zwischen den Vereinigten Staaten, Russland, der Europäischen Union und regionalen Mächten wie der Türkei.

Zwei Nato-Staaten, zwei Energiepolitiken

Bemerkenswert ist dabei, dass Griechenland und die Türkei trotz ihrer Mitgliedschaft in der Nato zunehmend unterschiedliche energiepolitische Strategien verfolgen. Während Athen

seine Rolle als Partner amerikanischer und europäischer Energieinteressen ausbaut, verfolgt Ankara mit Projekten wie TurkStream und einer eigenständigen Regionalpolitik stärker das Ziel energiepolitischer Eigenständigkeit.

Vor dem Hintergrund der Erfahrungen der griechischen Schuldenkrise, der Eingriffe von EU und Troika sowie des Aufstiegs von Syriza stellt sich damit erneut die Frage nach der wirtschaftlichen und politischen Souveränität des Landes. Die Kontrolle über Energieversorgung bedeutet stets auch Kontrolle über Infrastruktur, Handelsströme und sicherheitspolitische Räume. Der Fall Griechenlands zeigt, wie eng Energiepolitik, Geopolitik und militärische Macht miteinander verflochten sind.