
AUDIO: Was wurde aus der Ansiedlung des Wasserstoffhändlers Hintco in Leipzig? (3 Min)
Erster weltweiter Wasserstoffhändler
Stand: 06.07.2026 05:00 Uhr
Als Sachsen 2021 die Ansiedlung von Hintco bekanntgab, war die Begeisterung groß: Der erste weltweite Wasserstoffhändler sollte nach Leipzig kommen. Die Wirtschaftsförderung des Freistaats sprach von einem „Ritterschlag für Sachsen“. Viel zu merken ist davon bisher allerdings nicht.
Leipzig sollte Sitz des weltweit ersten Wasserstoffhändlers werden. Die Hoffnung: neue Wertschöpfung, neue Netzwerke und ein wichtiger Baustein für den Aufbau einer mitteldeutschen Wasserstoffwirtschaft. Fünf Jahre später fällt die Bilanz deutlich nüchterner aus: Hintco ist niemals in Leipzig angekommen.
Bislang keine Mitarbeiter in Leipzig
Unsere Recherche beginnt am Leipziger Markt. Dort soll sich der offizielle Firmensitz befinden – jedenfalls liest man das auf der Internetseite von Hintco. An der Adresse ist weder ein Firmenschild noch ein Briefkasten zu finden. Existiert die Firma vielleicht gar nicht? Auf der Webseite gibt es nur ein Kontaktformular.
Im Moment haben wir keine Mitarbeiter in Leipzig.
Timo Bollerhey, Geschäftsführer von Hintco
Dank Internetsuche mit KI finden wir eine Telefonnummer in Hamburg. Die Frau, die sich dort meldet, ist einigermaßen überrascht, als wir nach einem Ansprechpartner in Leipzig fragen. Sie verweist uns an den Geschäftsführer Timo Bollerhey in Hamburg.
Als wir nach dem Büro und Mitarbeitern in Leipzig fragen, ist auch er erstaunt: „Im Moment haben wir keine Mitarbeiter in Leipzig, sondern wir haben die Ressourcen gerade noch hier in Hamburg konzentriert. Wir sind ja bei der Invest Region Leipzig, die uns in der Zwischenzeit unterstützt, bis wir irgendwann, wenn die nachfrageseitigen Auktionen anfangen, gegebenenfalls auch eine Präsenz in Leipzig haben.“
Laut Webseite beschäftigt Hintco derzeit zwölf bis 13 Mitarbeiter. Sie arbeiten fast alle in Hamburg. Dort sitzt auch die H2Global-Stiftung, die die Eignerin von Hintco ist und mit finanzieller Unterstützung vom Bund existiert. Hier gibt es Fördermittel von etwa 3,5 Milliarden Euro.
Ministerium: Fünf bis zehn Jahre bis zum Handel
Dass Leipzig bislang keine Arbeitsplätze erhalten hat, ist aus Sicht von Geschäftsführer Bollerhey kein Bruch früherer Zusagen. „Es war nie angedacht oder avisiert, dass wir großartig Personal und Arbeitsplätze schaffen werden.“
Damit entsteht jedoch ein bemerkenswerter Gegensatz zur öffentlichen Darstellung der Ansiedlung im Jahr 2021. Damals war von einem wichtigen Baustein für den Wasserstoffstandort Sachsen die Rede. Heute zeigt sich: Die eigentliche Arbeit findet außerhalb Sachsens statt.
Ziel: Wasserstoffmarkt mit vorhander Kompetenz verknüpfen
Warum wollte Sachsen Hintco überhaupt unbedingt nach Leipzig holen? Aus dem sächsischen Wirtschaftsministerium heißt es schriftlich, man habe gehofft, den Aufbau eines künftigen Wasserstoffmarktes eng mit vorhandener Handelskompetenz in Leipzig zu verknüpfen. Gemeint ist die räumliche Nähe zur Leipziger Energiebörse EEX.
Weiter schreibt das Ministerium: „Als die Bundesregierung im Jahr 2021 die Förderung des H2Global-Konzepts ankündigte, setzte sich der Freistaat dafür ein, den damals noch zu gründenden Intermediär – Hintco – möglichst nah an die Energiebörse anzubinden. Wohl wissend, dass von der Ansiedlungsentscheidung bis zur Vertragsunterzeichnung mit potenziellen Lieferanten und dem Handel mit Wasserstoff und seinen Derivaten fünf bis zehn Jahre benötigt werden. Nach aktuellen Angaben ist frühestens 2027 mit der Belieferung der ersten Wasserstoffderivate zu rechnen. Die jeweiligen Auktionen von Hintco in Zusammenarbeit mit der EEX werden zeitlich angepasst starten.“
Zur Tatsache, dass Hintco bis heute weder ein Büro noch Arbeitskräfte in Leipzig hat, will sich das Wirtschaftsmininisterium nicht äußern.
Experte: Erfolg erst bei Verankerung in der Region
Für den Leipziger Wirtschaftswissenschaftler Rüdiger Wink von der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (HTWK) ist der Erfolg einer Ansiedlung aber davon abhängig, ob tatsächlich regionale Effekte entstehen.
„Von einer geglückten Ansiedlung spricht man eigentlich erst dann, wenn eine Verankerung in der Region gelingt und Verknüpfungen mit Netzwerkpartnern entstehen“, sagt Wink. Dazu gehörten Kooperationen mit Unternehmen, Hochschulen oder Zulieferern. Erst dadurch entstehe ein Mehrwert für die Region.
Ansonsten, so Wink, habe man schnell „Kathedralen in der Wüste“ – also Firmen, deren Mitarbeiter aus Zentralen geschickt werden, die pendeln und dann kaum ihren Lebensmittelpunkt in die Region verlegen. Oder eben Firmen, bei denen alles virtuell und remote abläuft – all das erzeugt kaum oder überhaupt keine Verankerung mit der Zielregion. Genau diese Verankerung ist bei Hintco nicht erkennbar.
Virtuelles Geschäft – kaum Auswirkungen für die Region
Wink kennt andere Beispiele, so etwa die Bundesagentur für Sprunginnovationen „Sprind“. Hier gäbe es etwa einen Austausch mit Studierenden der HTWK. Sprind ist mit rund 20 Mitarbeitern in Leipzig vor Ort, obwohl die Agentur international arbeitet und auch da viele Mitarbeiter pendeln.

Wasserstoffhandel als virtuelles Geschäft
Aus regionalökonomischer Sicht sei der Wasserstoffhandel zunächst ein weitgehend virtuelles Geschäft, erklärt Wink. Der Standort spiele dafür nur eine untergeordnete Rolle. Deshalb könne daraus zunächst auch kaum ein unmittelbarer Effekt für die Region entstehen.
Ansiedlung als Signal an Investoren
Warum also die große politische Aufmerksamkeit für die Ansiedlung? Wirtschaftswissenschaftler Wink vermutet vor allem Öffentlichkeitswirksamkeit. Die Ansiedlung eines Wasserstoffhändlers sende ein Signal an potenzielle Investoren. Sie solle zeigen, dass sich in Mitteldeutschland etwas bewege und die Region beim Thema Wasserstoff eine wichtige Rolle spielen wolle. „Das dient in erster Linie als Marketinginstrument“, sagt Wink.
Das dient in erster Linie als Marketing-Instrument.
Rüdiger Wink, Wirtschaftswissenschaftler HTWK Leipzig
Sachsen förderte die Ansiedlung. Zwar erhielt Hintco nach eigenen Angaben keine direkten Zuschüsse des Landes. Allerdings profitierte das Unternehmen von Förderinstrumenten des Freistaats. Dazu gehörten eine stille Beteiligung der Mittelständischen Beteiligungsgesellschaft Sachsen sowie Bürgschaften über die Bürgschaftsbank Sachsen. Direkte Kosten entstehen dem Land daraus zunächst nicht. Allerdings trägt Sachsen einen Teil des Risikos, falls die Bürgschaften in Anspruch genommen werden müssen.
„Eine Adresse schafft noch keine Ansiedlung“
Ob die Ansiedlung für Sachsen den erhofften Nutzen gebracht hat, bleibt offen. Besonders bemerkenswert ist dabei eine Aussage der Wirtschaftsförderung Sachsen. Auf Anfrage von MDR AKTUELL erklärt sie, ihre Aufgabe sei mit der erfolgreichen Ansiedlung im Jahr 2021 im Wesentlichen abgeschlossen gewesen. Ob Unternehmen anschließend tatsächlich in der Region wachsen, Arbeitsplätze schaffen oder sich dauerhaft verankern, werde nicht systematisch überprüft.
Für Wirtschaftswissenschaftler Wink ist genau das der entscheidende Punkt: Nicht der Firmensitz allein sei ausschlaggebend, sondern die tatsächliche Wirkung vor Ort. Oder anders gesagt: Eine Adresse schafft noch keine Ansiedlung. Und schon gar nicht, wenn diese nicht mal genutzt werde. Das sei, so Wink, nicht mal eine „Kathedrale in der Wüste“, sondern: „Gespensteransiedlungen oder sowas, weil das dann im Grunde rein virtuelle Erscheinungen sind.“
Von der einst gefeierten Ansiedlung des weltweit ersten Wasserstoffhändlers ist deshalb bislang vor allem eines geblieben: ein Eintrag im Handelsregister – und die Hoffnung, dass aus der symbolischen Präsenz irgendwann doch noch ein realer Standort wird.
So funktioniert der Wasserstoff-Handel
Die Hintco GmbH ist Teil des Förderprogramms H2Global, mit dem Deutschland den Markt für grünen Wasserstoff aufbauen will. Dafür stehen rund 3,5 Milliarden Euro zur Verfügung.
Hintco kauft grünen Wasserstoff oder Wasserstoffprodukte und verkauft sie in Europa weiter. Die Auktionen laufen über elektronische Handelsplattformen, perspektivisch in Zusammenarbeit mit der Leipziger Energiebörse EEX. Die Differenz zwischen Einkaufs- und Verkaufspreis übernimmt zunächst der Staat.
Der grüne Wasserstoff soll unter anderem aus Ländern kommen, wo Wind- und Solarstrom besonders günstig sind. Per Schiff wird dann meist nicht reiner Wasserstoff, sondern Derivate wie grünes Ammoniak oder Methanol nach Europa transportiert und hier weiterverarbeitet.