Für die Elternschaft gibt es keinen Führerschein, auch keine Garantie auf Gelingen. Manchmal sind die Beziehungen und dann auch die Kinder so verknotet, dass niemand mehr herausfindet. Ein geschlossenes System, dessen Druck vor allem die Kinder zu Gefangenen ihres eigenen Karussells aus Gedanken und Gefühlen macht. Dies auf die Bühne zu bringen, und Techno, Spaß, Tanz und heitere Momente einzubauen, verlangt Offenheit beim Publikum, von den Darstellern Klimmzüge und vom Regisseur Fingerspitzengefühl.

Die Inszenierung „Der Sohn“ im Ofenhaus: Alles ist grau in grau

All das passiert bei „Der Sohn“ im Ofenhaus. Schon der Moment des Betretens, des Vorbeidefilierens der Zuschauer an der Bühne, an den Stuhlreihen bis zum eigenen Platz ist Einstimmung aufs Stück. Vorbei geht es an einem aufgebauten Rigips-Kubus, Grau in Grau an Wänden und am Boden. In gut zwei Meter Höhe ist ein Umlauf platziert, eine zweite Bühne. Auf deren Kante sitzen ein junger und ein älterer Mann. Grinsend schaukeln sie mit den Füßen, beobachten die Zuschauer. Ein gummizellenartiges Setting.

Die beiden Männer sind Vater Pierre (Thomas Prazak) und Sohn Nicolas (Jonathan Walz). Nicolas hat in Berlin einen Roman geschrieben, der im Sommer erscheint und den er seinem Vater gewidmet hat. „Ohne dich hätte ich es nicht geschafft“, sagt er, springt geschmeidig in die Tiefe, auf die untere Bühne, der Vater folgt. Berlin gefällt Nicolas, die Eltern sind getrennt, er wohnt bei seiner Mutter. Pierre besucht er ab und zu in Paris. Nach außen eine gut gestellte, wenn auch geschiedene Familie.

Die Mutter hat den Kontakt zu Nicolas verloren

Doch Mutter Anne (Elif Esmen) ist am Ende. Während der Sohn im unteren Viereck auf dem Rücken liegt, sich verloren hin und her rollt, durch seine Finger Löcher in die Luft starrt, ruft sie: „Ich schaffe es nicht mehr.“ Der Direktor des Gymnasiums hat angerufen, der Sohn sei seit drei Monaten nicht mehr aufgetaucht und jetzt der Schule verwiesen. Sie hat es nicht bemerkt. Wie sie überhaupt den Kontakt zu ihm verloren hat. Pierre, der eine neue Familie mit Sofia (Sofie Gross) gegründet hat, soll ihn aufnehmen. „Lass ihn nicht im Stich.“

Pierre mit seinem türkis schimmernden Geschäftsanzug samt Hemd ein rundum erfolgreicher Mann, fährt seinen Sohn an. „Warum?!“ Der liegt zusammengerollt in Embryohaltung auf dem grauen Boden der unteren Bühne. „Wegen nichts, scheiß egal alles.“ In Zeitlupe dreht er sich auf den Rücken, streicht mit den Füßen die Wand auf und ab. Als die Fragen zu viel werden, explodiert er, schmeißt mit einem Ball um sich, dem einzigen Requisit in diesem leeren Setting.

Das Stück „Der Sohn“ thematisiert die Depression eines Scheidungskindes

Kern seiner langen Depression scheint die Trennung der Eltern zu sein. Die Narben vom Ritzen werden entdeckt. Er zieht zu seinem Vater, schwänzt jedoch auch die neue Schule. Suizidversuch, Einweisung. Hier, im gelben, fahlen Licht, erklärt der Psychiater (Gerald Fiedler): Der Junge hat eine Depression, er muss in die Isolation, vor allem von den Eltern muss er ferngehalten werden, wenn es Heilung geben soll. Doch Nicolas schreit, verweigert sich, er werde bei all den Verrückten hier noch verrückt. Der Mann in Weiß: „Er braucht eine Therapie, Sie können ihm nicht helfen.“ Doch Pierre und Anne nehmen ihn mit. Nicolas verspricht überschwänglich Besserung. Zu Hause wacht er auf dem nackten Boden der unteren Bühne auf, stemmt sich mühelos die zwei Meter zur oberen hinauf und schafft es, seine Eltern, die dort auf der Kante sitzen, zu einem gemeinsamen Kinobesuch zu überreden. Alles wird gut. Doch dann erstarrt die Welt in einem Knall.

David Ortmann hat dieses Stück des französischen Autors Florian Zeller in eine graue Box gepackt. Gerade vor diesem Hintergrund kommt die Wucht der Darstellerinnen und Darsteller zur Geltung. Fast schon fiebrig ist die Energie, mit der sie sich gegenseitig anschreien, erschöpft in sich zusammensinken, zur manischen Phase mit Techno-Musik und Disko-Geflacker wild tanzen. Zur dramaturgisch exzellent eingepassten Doppelstruktur der Bühnen, deren Höhenunterschied von Vater und Sohn im Wechsel per Klimmzug überwunden wird, gesellt sich eine dritte Ebene. Kurze Szenen werden gleichzeitig als Videoprojektion in Schwarz-Weiß an die Wand gespiegelt, unterstreichen den Abstand und die Einsamkeit, die zwischen den Familien-Figuren herrschen. Die emotionale Dichte, mit der das Ensemble dieses gesellschaftlich harte Thema trägt, macht die Inszenierung zu einem berührenden, politischen, trotz allem irgendwie auch leichtfüßigen Abend.