Rund eine Stunde braucht Oberstaatsanwalt Daniel Müller, um die Liste der in einem Remscheider Keller beschlagnahmten Waffen und Munition vorzulesen. Vor dem Wuppertaler Landgericht hat am Montag der Prozess um einen der größten und spektakulärsten Waffenfunde in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland begonnen. Angeklagt sind drei Männer, dem 60-jährigen Hauptangeklagten droht laut dem Vorsitzenden Richter Alexander Schräder eine Freiheitsstrafe von mindestens sieben und höchstens acht Jahren – falls der Mann sich vollumfänglich geständig zeigen sollte. Die beiden Mitangeklagten, 35 und 38 Jahre alt, erwarten demnach im Falle einer Verurteilung Strafen zwischen zwei und vier Jahren.
Das mögliche Strafmaß kündigte Schräder nach einem nichtöffentlichen Rechtsgespräch mit der Staatsanwaltschaft und den Rechtsanwälten an. Letztere hatten Erklärungen ihrer Mandanten für den weiteren Verlauf des Verfahrens in Aussicht gestellt und das Rechtsgespräch angeregt. Der Anwalt des 35-Jährigen hatte zuvor erklärt, dass sein Mandant die ihm zur Last gelegten Vorwürfe vollumfänglich einräume, aber erst später Details dazu nennen wolle. Dem 35-Jährigen wird zur Last gelegt, gemeinsam mit dem 38-Jährigen Waffen nebst Munition weiterverkauft haben. Die Waffen sollen alle mutmaßlich aus dem Besitz des 60-jährigen Remscheiders stammen. Angeklagt sind die drei Männer wegen Verstößen gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz und das Waffengesetz.
Das im Oktober vergangenen Jahres in dem Remscheider Gebäudekomplex gefundene Waffenarsenal überraschte sogar erfahrene Polizisten. Insgesamt stellten die etwa 200 Einsatzkräfte rund 300 scharfe Schusswaffen sicher – davon 125 Maschinengewehre, 67 Maschinenpistolen, 51 Pistolen, 32 Langwaffen, darunter Präzisionsgewehre, elf Revolver und 13 Panzerabwehrwaffen, 38 Handgranaten sowie fast 100.000 Schuss Munition. Oberstaatsanwalt Müller listete am ersten Prozesstag namhafte Hersteller auf wie Walther, Mauser, Luger, Beretta, Browning, Sig Sauer, Ceska, Rheinmetall, Colt, Kalaschnikow, Heckler & Koch sowie Smith & Wesson. Auch Schießstifte, Butterflymesser, Stahlruten, Elektroschock-Taschenlampen und Schlagringe soll der 60-Jährige im Angebot gehabt haben. Etliche Waffen wurden als unvollständig oder unbrauchbar beschrieben.
Im Keller des Gebäudes stießen die Beamten auf die nächste Überraschung: Hinter einem Tresor und hinter einer Vitrine befanden sich zwei Geheimtüren, die nur mit einem versteckten Mechanismus geöffnet werden konnten. Dort fanden die Einsatzkräfte eine Sammlung von Militaria aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs; unter anderem Uniformen, Fotografien und Propagandamaterial wurden wie in einer Art Museum gelagert. Dort fanden sich auch zahlreiche Dekorationswaffen oder unschädlich gemachte, sogenannte entmilitarisierte Waffen. Ein weiterer Geheimraum mit 29 Maschinengewehren und drei Panzerbüchsen wurde hinter einer weiteren Vitrine im Keller entdeckt, nachdem der Hauptbeschuldigte dessen Existenz verraten hatte.
Auf die Spur gekommen war die Polizei den Männern durch verdeckte Ermittler, die einen angeblichen Waffenkauf einfädelten. Der Zugriff erfolgte schließlich auf der Autobahn 1 bei Remscheid: Spezialkräfte stoppten den Wagen des 60-Jährigen. Als Käufer der Waffen vermuten die Ermittler Kunden aus dem Bereich der Organisierten Kriminalität. Der Hauptangeklagte hatte gegenüber den Ermittlern behauptet, ein Großteil der Waffen sei Teil seiner Privatsammlung, die er nicht verkaufen wollte. Er habe lediglich einzelne Exemplare weiterverkauft. Laut Anklage soll der Hauptangeklagte dem 38 Jahre alten Mitangeklagten insgesamt sechs Maschinenpistolen und einen Revolver samt Munition verkauft haben.
Oberstaatsanwalt Wolf-Tilman Baumert sagte unmittelbar vor Beginn des Prozesses, die Ermittler hätten einen Zeugen in Polen gefunden, der den umfangreichen Handel auch mit Kriegswaffen bestätigt habe. Diese seien an den Hauptangeklagten verkauft worden. Die Zeugenaussage deute auch auf ein noch größeres Ausmaß hin. Nun bleibe abzuwarten, ob der 60-Jährige sich weiterhin als harmloser Militaria-Händler und Waffensammler darstelle. Der 60-Jährige ist ein gelernter Kfz-Mechaniker mit Kenntnissen als Büchsenmacher. In einem Raum hatten die Ermittler auch eine Art Werkbank und Werkzeug entdeckt, mit dem alte, entmilitarisierte Waffen eventuell wieder schussfähig gemacht worden sein könnten.
Das Wuppertaler Landgericht hat für den Fall bis zum 23. September zehn Verhandlungstage angesetzt. Der Prozess wird am 15. Juli fortgesetzt.